Integration: Migration ist kein Problem, sondern Chance

Einwanderung ist in den vergangenen Monaten zum dominierenden Thema der öffentlichen Debatte geworden. Probleme der Bildung, der Wirtschaft, der Kriminalität, des Sozialstaats – alles scheint von der Einwanderungspolitik abzuhängen.

Verleihung von Zertifikaten an erfolgreiche Absolventen des "Deutschtests für Zuwanderer"

Verleihung von Zertifikaten an erfolgreiche Absolventen des "Deutschtests für Zuwanderer"

Sarrazin und Seehofer haben eine Diskussion angestoßen, die bestimmte Einwanderungsgruppen mit sozialen Problemen in Verbindung bringt. Bundeskanzlerin Merkel erklärt Multikulti für gescheitert. Immer mehr Politiker und Kommentatoren fordern die Sortierung der Menschen nach Qualifikation. Können wir in diesem pessimistischen und von Tabus geprägten Diskussionsklima Immigration als Recht an sich verteidigen und offene Grenzen fordern?

Merkel hält Multikulti für “absolut gescheitert”

Ein solches Vorhaben würde voraussetzen, dass wir aufhören, Einwanderung einzig als Konsequenz und Ursache von Traumata anzusehen. Es stimmt, dass viele Menschen ihre Heimat aus Not verlassen. Gleichzeitig ist die Immigration aber ein Akt der Selbstbestimmung und Ausdruck des freien Willens. Wer seine Koffer packt und seine Heimat verlässt, zeigt, dass er sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und sich nicht mit den Bedingungen des Hier und Jetzt abfinden möchte. Emigration ist somit wohl eine der deutlichsten Bekundungen menschlicher Gestaltungskraft.

Wer Immigration nur für die Qualifiziertesten zulassen möchte, neigt dazu, alle anderen Formen der Migration als Problem darzustellen. Der selbst selektierende Prozess der Immigration wird dabei häufig verkannt: Es sind in der Regel die Dynamischsten und Mutigsten einer Gesellschaft, die sich zur Emigration entschließen.

Deshalb versuchen Immigranten überall auf der Welt, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln eine eigene, selbstständige Existenz aufzubauen. Natürlich sind nicht alle erfolgreich. Manche sind den Härten des Lebens im Gastland nicht gewachsen, aber die große Mehrzahl schafft es, sich durchzuschlagen: der türkische Gemüsehändler ebenso wie der vietnamesische Imbissbesitzer.

Der Impuls, fortzuziehen, nach etwas Besserem Ausschau zu halten und eine neue Welt zu entdecken, hat Geschichte gemacht – und viele Millionäre zudem. Mark Webster, Direktor der Organisation Acacia Immigration Australia, hat die Liste der reichsten Australier studiert. Es sind fast ausschließlich Immigranten, die nach 1945 eingewandert waren: „Die meisten würden heute nicht mehr einreisen dürfen, wegen unseres Punktesystems“, sagt der Jurist.

Das Potenzial der Einreisenden einschätzen zu können ist anmaßend

Wer meint, Immigration könne streng nach nutzbringenden Kriterien gesteuert werden, überschätzt die Weitsicht staatlicher Planer. Das Potenzial der Einreisenden einschätzen zu können ist anmaßend. Wer hätte geglaubt, dass der Sohn eines kenianischen Ziegenhirten Jahre später zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt werden würde?

Das größte Problem bei der Forderung, Immigration streng nach nutzbringenden Kriterien zu regeln, ist, dass sie Ausdruck eines engstirnigen, statischen Denkens ist. Sie basiert auf der Vorstellung, dass es in einer Volkswirtschaft nur eine bestimmte, begrenzte Anzahl von Arbeitsplätzen gibt und dass diese, wenn sie von Einwanderern übernommen werden, nicht mehr für Deutsche zur Verfügung stehen. Deshalb könne man sie den Ausländern nicht überlassen und diesen bliebe nur die „Einwanderung in die Sozialsysteme“, die immer wieder beschworen wird.

Wir sind es gewohnt, in Grenzen zu denken, und verlieren dabei den Blick dafür, dass eine Gesellschaft dynamisch ist – oder zumindest sein könnte. Wir sehen unsere Mittel, wie das Geld im Portemonnaie, als eng begrenzt an und haben den Glauben an Wachstum verloren. Das weist nicht den Weg in die Zukunft. Es gibt aber keinen Grund, warum die Aufnahme aktiver Menschen, die ihr Leben neu gestalten wollen, nicht neue Arbeitsplätze schaffen kann.

Als Großbritannien im Jahr 2004, anders als die Bundesrepublik, seine Türen für Einwanderer aus Osteuropa öffnete, strömten bis 2006 geschätzte 600000 Polen ins Land. Es war die größte Einwanderungswelle seit Jahren. Eine Belastung für das Sozialsystem stellte sie nicht dar, da diese Einwanderer von vornherein von der Sozialhilfe oder vom Arbeitslosengeld ausgeschlossen wurden. Bei der Frage, wie die Einwanderung gestaltet werden kann, kommt es darauf an, unser Denken zu öffnen.

via Integration: Migration ist kein Problem, sondern Chance – Nachrichten Debatte – Kommentare – WELT ONLINE.

In Verbindung stehende Artikel

  • 0,,5919966_1,0028. Oktober 2010 -- Härtere Gesetze für Integration
    Aufenthaltsgenehmigung kann widerrufen werden: Leutheusser-Schnarrenberger und De Maizière (r.) verschärfen Ausländerpolitik EINWANDERUNG | 27.10.2010 Härtere Gesetze für Integration Die Bundesregierung verschärft die Gangart im Ausländer- und Zuwanderungsrecht. So genannte Integrationsverweigerer sollen strenger kontrolliert werden, für Zwangsheirat wird ein eigener Straftatbestand geschaffen. (...) Quelle: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6153158,00.html?maca=de-newsletter_...
  • Deutschlandtag der Jungen Union19. Oktober 2010 -- Sind Kanada und Australien Vorbild?
    Seehofers Sieben-Punkte-Plan Deutschland streitet über Integration Sind Kanada und Australien Vorbild? VON DANA SCHÜLBE - zuletzt aktualisiert: 18.10.2010 Berlin (RPO). Im Streit um die Integration von Ausländern in Deutschland mischt sich jetzt der Wirtschaftsminister ein. Rainer Brüderle möchte eine gezielte Einwanderung, indem er ein Punktesystem einführen will. Eine Regelung, die es in Australien und Kanada schon lange gibt. Und die Hürden werden auch dort von mal zu mal höh...
  • Sarrazin hält Berlin für zu dumm16. Juni 2010 -- Sarrazin hält Berlin für zu dumm
    Berlins ehemaliger Finanzsenator Thilo Sarrazin hat wieder zugeschlagen: In einem Interview dozierte er, die Stadt müsse Intellekt von außen importieren, um voran zu kommen. Die Bundesbank hat sich von den Äußerungen distanziert. Berlins ehemaliger Finanzsenator Thilo Sarrazin hat sich erneut sehr kritisch über die Stadt und ihre Eliten geäußert. In einem großen Interview mit der Zeitschrift "Lettre" sagte der jetzige Bundesbank-Vorstand, Berlin sei in seinen politischen Strömungen "nicht ...
  • Entwurf einer Stellungnahme des Europäischen Parlaments zur Bildung und Erziehung von Kindern mit Migrationshintergrund14. Juli 2009 -- Entwurf einer Stellungnahme des Europäischen Parlaments zur Bildung und Erziehung von Kindern mit Migrationshintergrund
    Offener Brief Zusammenfassung und Stellungnahme zum „Entwurf einer Stellungnahme des Europäischen Parlaments zur Bildung und Erziehung von Kindern mit Migrationshintergrund (2008/2328(INI)), vorgelegt vom Ausschuss für Kultur und Bildung des Europäischen Parlaments vom 09.03.2009 In NRW haben über 30% der 15 Jährigen Schüler einen Migrationshintergrund. Der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund in Essen ist 30,6%, in Gelsenkirchen 38,8% und in Duisburg sogar 41,4%. Nahezu die Hälft...
  • Integration? Nein danke!20. Dezember 2010 -- Integration? Nein danke!
    Integration aus der Sicht eines Türken Ich bin 36 jahre alt. Geboren in Krefeld / NRW. Habe die Schule, und jegliche Art der Bildung hier absolviert. Habe hier gearbeitet, habe Deutsche Freunde und respektiere das Grundgesetz. War nie kriminell. Jetzt könnte man meinen ich wäre ein Einzelfall. Doch auch meine Türkischen Freunde sind genau so wie ich es bin. Doch dann kommt ein Thilo Sarazzin, eine Angela Merkel und sagt mir " Du musst dich Integrieren.."! Ich frage mich wenn ic...