{"id":664,"date":"2010-07-27T09:07:00","date_gmt":"2010-07-27T07:07:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=664"},"modified":"2023-04-02T00:30:05","modified_gmt":"2023-04-01T21:30:05","slug":"islamunterricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/07\/27\/islamunterricht\/","title":{"rendered":"Islamunterricht"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-676\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/1279199306582m.jpg\" alt=\"\" width=\"130\" height=\"130\" \/>Mouhanad Khorchid<br \/>\nDer Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchid vor der Universit\u00e4t in M\u00fcnster. Die Hochschule gab die offizielle Berufung Khorchides auf den Lehrstuhl f\u00fcr islamische Religionsp\u00e4dagogik bekannt. (Bild: dpa)<\/p>\n<p>Islamunterricht<\/p>\n<p><strong>Der Islamlehrer von M\u00fcnster<\/strong><\/p>\n<p>Erstellt 23.07.10, 11:56h<br \/>\nMouhanad Khorchide wird den Islam in Deutschland nachhaltig pr\u00e4gen. Fortan macht er aus jungen Muslimen Lehrer f\u00fcr den Islamunterricht. Welche Ansichten tr\u00e4gt der Professor aus dem Libanon in deutsche Schulen hinein?<\/p>\n<p>M\u00dcNSTER &#8211; &#8222;Sind Muslime, die Alkohol trinken, liberal? Oder bin ich konservativ, nur weil ich in die Moschee gehe und bete?&#8220; Mouhanad Khorchide h\u00e4lt nichts von einfachen Etiketten. Der 38-j\u00e4hrige Professor stellt seinen Studenten lieber provokante Fragen und bereitet sie so auf ihren Beruf vor: Religionslehrer f\u00fcr den Islamunterricht an deutschen Schulen. Einen offenen Glauben will er ihnen vermitteln. Einen Islam, der beides erlaubt: &#8222;Muslim und modern zugleich.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist keine leichte Aufgabe. Khorchides Vorg\u00e4nger ist an ihr gescheitert. Muhammad Sven Kalisch, ein Konvertit, war vor sechs Jahren Deutschlands erster Professor f\u00fcr die Ausbildung islamischer Religionslehrer an der Universit\u00e4t M\u00fcnster. Doch dann zweifelte er \u00f6ffentlich die Existenz des Propheten Mohammed an und stellte den Koran als Wort Gottes infrage. Schon bald erhielt er Morddrohungen. Kameras bewachten nun sein B\u00fcro. Muslimische Verb\u00e4nde riefen zum Boykott auf. Die Uni behielt Kalisch, zog ihn aber von der Lehrerausbildung zur\u00fcck. Vor kurzem verk\u00fcndete Kalisch dann, er f\u00fchle sich nicht mehr als Muslim. Seinen Beinamen Muhammad legte er ab.<\/p>\n<p>ein neuer Mann an der Integrations-Front<\/p>\n<p>Khorchide soll die Wogen gl\u00e4tten. Er \u00fcbernimmt den Lehrstuhl f\u00fcr Islamische Religionsp\u00e4dagogik in M\u00fcnster. Der neue Mann an der Integrationsfront? Sein Job gleicht einem Balanceakt &#8211; zwischen Uni, Politik und muslimischen Verb\u00e4nden. Sie waren das letzte Puzzlest\u00fcck im wochenlangen Hin und Her um seine Berufung. Khorchide aber versteht ihr Z\u00f6gern: &#8222;Die Verb\u00e4nde kennen mich nicht.&#8220; Sie wollten nicht wieder ihr Vertrauen in eine Person setzen &#8222;und dann stellt diese etwas von den Glaubensgrunds\u00e4tzen der Religion infrage.&#8220; \u00dcber die Thesen seines Vorg\u00e4ngers sagt er: &#8222;Das hat keinen Sinn.&#8220; Der Islam w\u00e4re demnach nur ein &#8222;menschliches Konstrukt&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Meine Eltern sind Pal\u00e4stinenser, aber ich bin im Libanon geboren und in Saudi Arabien aufgewachsen.&#8220; So stellt Khorchide sich in seinem kleinen Arbeitszimmer vor, in dem sich zahllose B\u00fccher \u00fcber den Islam stapeln. Noch habe er nicht alle ausgepackt, erz\u00e4hlt er. Weil Khorchide als Ausl\u00e4nder in Saudi Arabien nicht studieren durfte, schickten ihn seine Eltern mit 18 Jahren nach Wien. Arzt sollte er werden. Doch er w\u00e4hlte die Soziologie. Irgendwann zog es ihn dann wieder in den Orient. In Beirut lernte er islamische Theologie. Zur\u00fcck in Wien predigte Khorchide fortan auch als Imam auf Deutsch.<\/p>\n<p>ein Miteinander von Muslimen und Christen<\/p>\n<p>Saudi Arabien &#8211; das war der Ort, wo er als Kind die Strenge des Islams kennenlernte, ihre Einf\u00e4ltigkeit, ihren Zwang. Doch mittags, nach Schuleende, lebte er in einer anderen Welt: &#8222;Zu Hause war das Leben sch\u00f6n.&#8220; Seine Eltern beschreibt Khorchide als religi\u00f6s. Aber fern aller Dogmen. &#8222;Sie sind im Libanon aufgewachsen, in einer Gesellschaft, in der Muslime und Christen miteinander leben. Meine Eltern sind diese Pluralit\u00e4t gew\u00f6hnt und das hat sich in dem widergespiegelt, was sie uns Kindern beigebracht haben&#8220;, erz\u00e4hlt der 38-J\u00e4hrige. Sein Vater sei auf eine christliche Schule gegangen und ein Onkel habe eine Christin zur Frau genommen, erinnert er sich.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin aufgewachsen in dieser Spannung. Zwischen der pluralen Sicht des Islams zu Hause und der verschlossenen Gesellschaft Saudi Arabiens.&#8220; Von Kindesalter an habe er deshalb Fragen gestellt: &#8222;Worum geht es in Religion? Um Abgrenzung, um Gesetze, um Gottesdienste?&#8220;<\/p>\n<p>Khorchides wichtigste Erkenntnis auf diesem Weg: &#8222;Man muss sehr kritisch reflektieren. Vor allem \u00fcber das, was einem erz\u00e4hlt wird, was Religion zu sein hat.&#8220; Seinen Studenten trichtert er die Frage ein: &#8222;Ist das wirklich so? Oder steht es doch anders im Koran?&#8220; Zum Beispiel wenn es um die Rolle der Frau geht. Sagt die Religion, dass die Frau zu Hause sitzen und nicht arbeiten soll? &#8222;Nein&#8220;, findet er.<\/p>\n<p>die Familie als entscheidender Faktor<\/p>\n<p>Was seine Eltern ihm vorgelebt haben, pr\u00e4gt ihn noch heute. &#8222;F\u00fcr uns war meine Mutter immer ein Vorbild. Sie war aktiv, hat studiert und auch finanziell unser Leben mitgetragen.&#8220; In Riad, wo Khorchide mit seinen zwei Geschwistern aufwuchs, leitet die Mutter bis heute eine Schule. Selbstverst\u00e4ndlich sei dieses Frauenbild aber nicht. Er gibt zu: Offene Geschlechterrollen in Europa seien f\u00fcr den Islam eine Herausforderung. &#8222;In der muslimischen Welt ist das gekl\u00e4rt.&#8220; Dort gebe es starre Traditionen, Hierarchien und Aufgabenteilungen.<\/p>\n<p>Khorchide beschw\u00f6rt einen &#8222;pluralen Islam&#8220;, der Platz l\u00e4sst f\u00fcr viele Interpretationen. Er f\u00fchrt diesen Gedanken mit einer sanften Kritik an Deutschland zu Ende: &#8222;Ich finde es schade, dass man in dieser pluralen Gesellschaft keinen Raum hat f\u00fcr religi\u00f6se Symbole wie Kopftuch, Kreuz oder Kippa. Ich f\u00e4nde es sch\u00f6n, wenn diese Symbole nicht als Widerspruch zur S\u00e4kularit\u00e4t gedeutet w\u00fcrden.&#8220;<\/p>\n<p>Der Professor bastelt keine &#8222;extra Variante&#8220; des Islams: &#8222;Ich lehre keine spezifisch europ\u00e4ische Theologie, sondern baue auf aufgekl\u00e4rte und humanistische Gedanken aus der islamischen Tradition auf, die inzwischen untergegangen sind&#8220;, erkl\u00e4rt er. Jungen Muslimen will Khorchide einen Glauben anbieten, die sie vor der Identit\u00e4tskrise &#8211; entweder Muslim oder Europ\u00e4er &#8211; bewahrt.<\/p>\n<p>der Koran ist kein Gesetzbuch<\/p>\n<p>Religion und Politik grenzt er klar voneinander ab: &#8222;Es ist nicht Aufgabe der Religion, uns vorzuschreiben, nach welchem politischen System wir leben sollen.&#8220; Diese Dinge handeln Menschen aus. &#8222;Dass der Islam Gesetze vorschl\u00e4gt, quasi als Alternative zum Kapitalismus oder zur Demokratie, das sehe ich nicht ein&#8220;, sagt Khorchide und blickt in sein B\u00fccherregal, wo das Grundgesetz seinen Platz hat. Der Koran sei ein spirituelles und ethisches Buch, aber kein &#8222;juristisches Schema&#8220;.<\/p>\n<p>Khorchide unterrichtet 35 Studenten. Die meisten kommen aus Migrantenfamilien. &#8222;Ihre Kenntnisse sind manchmal sehr traditionell&#8220;, erz\u00e4hlt er. &#8222;Sie kennen den Islam nur von ihren Eltern oder aus der Moschee. Daher sind sie froh \u00fcber unsere Diskussionen.&#8220; Auf ihrem Lehrplan stehen auch Seminare \u00fcber Integration. Au\u00dferdem besuchen die Studenten Einf\u00fchrungskurse in das Christen- und Judentum. Drei Unis in Deutschland bieten Islamp\u00e4dagogik an. Ziel ist es, bundesweit bis zu 2500 Lehrer auszubilden. &#8222;Das ist alles Pionierarbeit.&#8220;<\/p>\n<p>Wozu braucht es Religion in einer modernen Gesellschaft? Khorchide sagt: &#8222;Religionen machen ein Angebot. Sie zeichnen den Weg, um ein guter Mensch zu sein. Der Islam macht ein Angebot, andere Religionen machen andere Angebote.&#8220; Dass er der Richtige f\u00fcr den Posten ist, behauptet er nur ungern. Aus Angst \u00fcberheblich zu sein. Khorchide ist aber \u00fcberzeugt, dass er ein gutes Angebot hat: &#8222;Muslim und modern.&#8220; (dpa)<br \/>\nQuelle: <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mouhanad Khorchid Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchid vor der Universit\u00e4t in M\u00fcnster. 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