{"id":6419,"date":"2013-04-01T15:43:52","date_gmt":"2013-04-01T12:43:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/?p=6419"},"modified":"2023-04-02T13:16:41","modified_gmt":"2023-04-02T10:16:41","slug":"lehrer-als-integrationshelfer-gemischte-klassen-germanische-lehrerzimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2013\/04\/01\/lehrer-als-integrationshelfer-gemischte-klassen-germanische-lehrerzimmer\/","title":{"rendered":"Lehrer als Integrationshelfer: Gemischte Klassen, germanische Lehrerzimmer"},"content":{"rendered":"<div id=\"spArticleWideTopSection\">\n<h2>Lehrer als Integrationshelfer:\u00a0Gemischte Klassen, germanische Lehrerzimmer<\/h2>\n<p>Von\u00a0Birger Menke<\/p>\n<p id=\"spIntroTeaser\"><strong>Die Forderung ist so alt wie dringend: Mehr Lehrer mit Migrationshintergrund m\u00fcssen an deutsche Schulen. Immer noch gibt es viel zu wenige &#8211; eine von ihnen ist Damla Sen. Private Stiftungen und Initiativen der L\u00e4nder zeigen, wie es mehr werden k\u00f6nnten.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"spArticleColumn\" itemscope=\"itemscope\" itemtype=\"http:\/\/schema.org\/Article\">\n<div id=\"spArticleTopAsset\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6420\" alt=\"image-129263-panoV9free-xepf\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/image-129263-panoV9free-xepf.jpg\" width=\"520\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/image-129263-panoV9free-xepf.jpg 520w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/image-129263-panoV9free-xepf-300x144.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><\/p>\n<div>\n<p>Lehrerin Sen: Eine unwahrscheinliche Bildungskarriere<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"spArticleSection\">\n<p>Damla Sen hat es trotzdem geschafft. Die vierte Klasse hatte sie mit guten Noten abgeschlossen, doch ihre Lehrerin riet ihr davon ab, auf das Gymnasium zu wechseln. Schlie\u00dflich k\u00f6nne sie von ihren Eltern nicht ausreichend unterst\u00fctzt werden, da sei nicht zu erwarten, dass sie am Gymnasium mithalten k\u00f6nne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><\/div>\n<p>Sens Eltern sind nahe Ankara geboren, der Vater kam 1962 nach Deutschland, die Mutter 1979. Der Vater sprach zwar gut Deutsch, musste aber arbeiten. Die Mutter war zwar zu Hause, ihr Deutsch war jedoch nicht so gut. Sen kam auf dem Gymnasium dennoch \u00fcber die Runden. Heute ist sie 29 Jahre alt und unterrichtet Deutsch und Geschichte an einem Gymnasium in Frankfurt.&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist eine Bildungskarriere, die so unwahrscheinlich wie selten ist: Sen hatte keine Vorbilder, keiner ihrer Lehrer hatte einen Migrationshintergrund wie sie. Trotzdem interessierte sie sich f\u00fcr den Beruf, hospitierte nach dem Abitur auf eigene Faust in einer Grundschule und einem Gymnasium, fand auf letzterem eine Lehrerin, die sie ermutigte und begann, Deutsch und Geschichte auf Lehramt zu studieren.<\/p>\n<p><b>Es gibt ein Stipendium f\u00fcr Lehramtsstudenten mit Migrationshintergrund<\/b><\/p>\n<p>Ginge es nach der Bundesregierung, g\u00e4be es in Deutschland viel mehr Damla Sens. In ihrem Integrationsprogramm, das Innenminister Thomas de Maizi\u00e8re\u00a0am Mittwoch vorstellte, wirbt die Bundesregierung f\u00fcr mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. Weil sie Einblick in andere Traditionen und Kulturen h\u00e4tten, tr\u00fcgen sie dazu bei, Bildungseinrichtungen kulturell zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Der Wunsch ist so angebracht wie alt: Seit Jahren fordern Fachleute und Politiker, mehr Migranten f\u00fcr den Lehrerberuf zu gewinnen. Besonders seit dem Hilfeschrei des Lehrerkollegiums\u00a0der Berliner R\u00fctli-Schule\u00a0im Jahr 2006 ist der Mangel an solchen Lehrern auch \u00f6ffentlich als Problem erkannt worden.<\/p>\n<p>Im Nationalen Integrationsplan 2007 der Bundesregierung hie\u00df schon, &#8222;die interkulturelle Kompetenz und damit die Unterrichtsqualit\u00e4t in Schulen mit einem hohen Migrantenanteil&#8220; m\u00fcsse durch eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Migranten in der Lehrerschaft verbessert werden.<\/p>\n<p>Doch es blieb meist beim W\u00fcnschen &#8211; ohnehin ist Bildung L\u00e4ndersache.<\/p>\n<p>Ein Stipendium f\u00fcr Lehramtsstudenten mit Migrationshintergrund gibt es in Deutschland, doch es wird privat finanziert. Als die Gr\u00fcnen-Fraktion im baden-w\u00fcrttembergischen Landtag im Fr\u00fchjahr 2010 beantragte, ein Stipendium f\u00fcr Abiturienten mit Migrationshintergrund f\u00fcr ein Lehramtsstudium aufzulegen, antwortete die Landesregierung: &#8222;Angesichts der \u00e4u\u00dferst angespannten Haushaltslage wird kein Spielraum f\u00fcr diesen Vorschlag gesehen.&#8220;<\/p>\n<p>Sen wurde von der Hertie-Stiftung gef\u00f6rdert, 2008 gr\u00fcndete diese das Programm &#8222;Horizonte&#8220;, das sich speziell an angehende Lehrer aus Migrantenfamilien richtet. Derzeit werden 30 Stipendiaten gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p><b>&#8222;Es ist sch\u00f6n, wenn der Bund etwas fordert, was in den L\u00e4ndern l\u00e4ngst lebt&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Sen spricht flie\u00dfend T\u00fcrkisch und kann immer wieder zwischen der Lebenswelt der Sch\u00fcler und den Ansichten ihrer t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Eltern vermitteln. Wenn etwa eine Sch\u00fclerin am Wochenende mit ihren Freunden ausgehen will, ist Sen gefragt: &#8222;Ich kann den Eltern besser vermitteln, dass ihre Tochter nicht gleich ein schlechtes M\u00e4dchen ist.&#8220; Sie habe gegen\u00fcber den Eltern eine andere Glaubw\u00fcrdigkeit, sie gebe ihnen zu verstehen, &#8222;dass niemand sagt: Ihr seid schlechte Eltern &#8211; und doch m\u00fcsst ihr diesen Kulturkonflikt aushalten und im Sinne eurer Tochter entscheiden&#8220;.<\/p>\n<p>Doch trotz der Einigkeit unter Fachleuten und Politikern \u00fcber den Sinn eines h\u00f6heren Migrantenanteils unter Lehrern: Im multikulturellen Deutschland sind Schulen weiterhin eine eigene Welt und werden es vorerst auch bleiben. Nur sechs Prozent aller Studenten mit Migrationshintergrund studieren auf Lehramt.<\/p>\n<p>Manche L\u00e4nder beginnen damit, das Problem anzugehen. Beispiel Hamburg: Jeder zweite Grundsch\u00fcler hat dort ausl\u00e4ndische Wurzeln. &#8222;Zugleich haben nur zwei Prozent der Lehrer einen Migrationshintergrund&#8220;, sagt Peter Daschner, Leiter des Landesinstituts f\u00fcr Lehrerbildung in Hamburg. Schulen h\u00e4tten eine gewaltige Integrationsaufgabe, der k\u00f6nnten sie aber nicht gerecht werden, &#8222;wenn die Klassen kulturell gemischt, die Lehrerzimmer aber sozusagen germanisch sind&#8220;.<\/p>\n<p>Die Hamburger Schulbeh\u00f6rde will das nun \u00e4ndern: In rund zwei Wochen soll ein neues Projekt der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt werden. Vor kurzem wurden eine t\u00fcrkischst\u00e4mmige Lehrerin und ein arabischst\u00e4mmiger Lehrer mit je einer halben Stelle eingestellt. Sie sollen ein Netzwerk spinnen aus Lehrern mit Migrationshintergrund. Zum Integrationsprogramm der Bundesregierung sagt Daschner: &#8222;Es ist doch sch\u00f6n, wenn der Bund etwas fordert, was in den L\u00e4ndern l\u00e4ngst lebt.&#8220;<\/p>\n<p><b>&#8222;Es scheint mir, dass Integration vor den T\u00fcren der Schulen aufh\u00f6rt&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Die Berliner Schulverwaltung wird ein solches Projekt schon am kommenden Mittwoch offiziell starten. Vorbild f\u00fcr Berlin und Hamburg ist das Netzwerk &#8222;Lehrkr\u00e4fte mit Zuwanderungsgeschichte&#8220; in Nordrhein-Westfalen. Gegr\u00fcndet wurde es auf Initiative des Kultusministeriums, seit 2007 k\u00fcmmern sich die vernetzten Lehrer um Nachwuchs. Sie werben unter Jugendlichen und Studenten f\u00fcr den Lehrerberuf, gehen an Schulen und bieten Abiturienten an, sie in der Zeit zwischen Abitur und Studienbeginn f\u00fcr ein paar Wochen an der Schule zu begleiten oder bei einer Klassenfahrt dabei zu sein.<\/p>\n<p>Seit 2008 leitet Antonietta Zeoli das Projekt. Sie wurde in Italien geboren, mit sieben kam sie nach Deutschland. Sie ging auf die Realschule, machte dann das Abitur, studierte, promovierte, und arbeitete dann als Lehrerin an einem Gymnasium. Dort merkte sie, dass sie etwas hatte, das ihren deutschst\u00e4mmigen Kollegen oftmals fehlte: Sensibilit\u00e4t. &#8222;Ein Kollege beschwerte sich zum Beispiel, dass seine russischen Sch\u00fcler ihn nie ansahen. Er fand das respektlos.&#8220; Dabei sei das Gegenteil der Fall gewesen: &#8222;Bei ihnen ist das eine Respektbezeugung.&#8220;<\/p>\n<p>Anfangs fanden sich 31 Lehrer mit Migrationshintergrund zusammen, heute betreut Zeoli rund 400. &#8222;Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte bringen doch eine ganz andere Authentizit\u00e4t rein. Es scheint mir, dass Integration vor den T\u00fcren der Schulen aufh\u00f6rt&#8220;, sagt sie. In Nordrhein-Westfalen seien kaum mehr als ein Prozent der Lehrer Migranten.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz fand der erste &#8222;bundesweite Kongress der Lehrkr\u00e4fte mit Zuwanderungsgeschichte&#8220; in Paderborn statt. Maria B\u00f6hmer, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, lie\u00df ein Gru\u00dfwort verlesen, worin sie versprach, den Nationalen Integrationsplan zu einem Aktionsplan fortzuentwickeln. Sie k\u00fcndigte ein Fachgespr\u00e4ch an, zu dem auch Zeoli als Vertreterin des Netzwerks eingeladen werden sollte. Seither hat Zeoli nichts mehr von B\u00f6hmer geh\u00f6rt. Aktionismus statt Aktionsplan, so scheint es.<\/p>\n<p><b>&#8222;Sch\u00fcler werden doch vergackeiert&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Zeoli spr\u00fcht vor Leidenschaft, sie singt fast, wenn sie \u00fcber ihr Netzwerk spricht, das daf\u00fcr sorgen soll, dass die gesellschaftliche Realit\u00e4t endlich an den Schulen ankommt. &#8222;Sch\u00fcler&#8220;, sagt sie, &#8222;werden doch vergackeiert: Es gibt fast nur deutsche Lehrer, das ist f\u00fcr deutsche Sch\u00fcler ein falsches Bild unserer Gesellschaft, und Jugendlichen mit Migrationshintergrund fehlen die Vorbilder&#8220;.<\/p>\n<p>Die Konsequenzen merkt Zeoli auch, wenn sie Eltern besucht, um sie daf\u00fcr zu gewinnen, dass der Sohn oder die Tochter ein Lehramtsstudium aufnimmt. &#8222;Viele sagen: Der soll doch Jurist werden oder Arzt. Die rechnen gar nicht damit, dass ihr Kind auch Lehrer werden k\u00f6nnte, die M\u00f6glichkeit ziehen sie nicht in Betracht.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<p>So war es auch bei Nora Boutaoui, 27, die wie Sen von der Hertie-Stiftung gef\u00f6rdert wurde. Ihr Vater stammt aus Algerien, ihre Mutter aus Deutschland. Als sie nach ihrem Abitur sagte, dass sie gerne auf Lehramt studieren wolle, war ihr Vater nicht begeistert. &#8222;&#8218;Kind, mit den guten Noten kannst du doch Medizin studieren&#8216;, hat er gesagt.&#8220; Heute sei er begeistert von ihrem Werdegang, &#8222;damals war sein Lehrerbild gepr\u00e4gt von Algerien: Dort sind sie schlecht bezahlt, es gibt keine Aufstiegschancen, Lehrer gilt nicht als ein Akademikerberuf&#8220;.&nbsp;<\/p>\n<p>Boutaoui studierte Franz\u00f6sisch, Politik und Philosophie. Im November wird sie ihr Referendariat in Hamburg beginnen, um Lehrerin an einem Gymnasium zu werden. In Praktika w\u00e4hrend des Studiums merkte sie, dass sie ein Vorbild sein kann, gerade f\u00fcr Sch\u00fcler mit Migrationshintergrund. &#8222;Alleine wenn ich meinen Namen zu Beginn an die Tafel schreiben muss, weil ihn sonst keiner versteht: Da sagen dann Sch\u00fcler: &#8218;Mensch, der ist ja genauso schwer wie meiner&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p>Bisher sind Sen und Boutaoui Ausnahmen, doch mindestens Antonietta Zeoli hat Hoffnung, dass sich etwas \u00e4ndern kann. Die Eins\u00e4tze ihres Netzwerks an Schulen w\u00fcrden evaluiert, das Ergebnis sei deutlich: &#8222;Einige Sch\u00fcler nehmen danach ein Lehramtstudium auf.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lehrer als Integrationshelfer:\u00a0Gemischte Klassen, germanische Lehrerzimmer Von\u00a0Birger Menke Die Forderung ist so alt wie dringend: Mehr Lehrer mit Migrationshintergrund m\u00fcssen an deutsche Schulen. Immer noch gibt es viel zu wenige &#8211; eine von ihnen ist Damla Sen. 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