{"id":6239,"date":"2013-01-04T02:01:16","date_gmt":"2013-01-04T00:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/?p=6239"},"modified":"2014-01-01T23:41:38","modified_gmt":"2014-01-01T21:41:38","slug":"die-turkei-hat-ihre-chance-auf-macht-verspielt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2013\/01\/04\/die-turkei-hat-ihre-chance-auf-macht-verspielt\/","title":{"rendered":"Die T\u00fcrkei hat ihre Chance auf Macht verspielt"},"content":{"rendered":"<p id=\"artAbstract\">Bei der Krise im Gazastreifen spielte die T\u00fcrkei die Rolle eines passiven Zuschauers. Die Strippen zogen andere, \u00c4gyptens Pr\u00e4sident Mursi etwa. Der Grund liegt in einem schweren Fehler Erdogans. Von Boris K\u00e1lnoky<\/p>\n<div id=\"artAufmacherKlein\">\n<div><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6240\" alt=\"Turkish-Prime-Minister-Tayyip-Erdogan-delivers-a-speech-at-Cairo-University-2-\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Turkish-Prime-Minister-Tayyip-Erdogan-delivers-a-speech-at-Cairo-University-2-.jpg\" width=\"444\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Turkish-Prime-Minister-Tayyip-Erdogan-delivers-a-speech-at-Cairo-University-2-.jpg 444w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Turkish-Prime-Minister-Tayyip-Erdogan-delivers-a-speech-at-Cairo-University-2--222x300.jpg 222w\" sizes=\"auto, (max-width: 444px) 100vw, 444px\" \/><\/div>\n<p>Foto: REUTERS Der t\u00fcrkische Premier Erdogan konnte in der L\u00f6sung der Gaza-Krise keine prominente Rolle spielen<\/p><\/div>\n<div id=\"divLeftMarginalTop\">\n<div>\n<header>Weiterf\u00fchrende Links<\/header>\n<ul>\n<li>Syrien-Konflikt: Erdogan will Kommando \u00fcber deutsche Soldaten<\/li>\n<li>Bitte an die Nato: Die Patriots und Erdogans rhetorischer Aktionismus<\/li>\n<li>Nahost: T\u00fcrkisches Doppelspiel in der Gaza-Krise<\/li>\n<li>Nahost-Konflikt: Die seltsame Stille der T\u00fcrkei in der Gaza-Krise<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<div>\n<header>Themen<\/header>\n<ul>\n<li>Recep Tayyip Erdogan<\/li>\n<li>Nahost-Konflikt<\/li>\n<li>Israel<\/li>\n<li>Mohammed Mursi<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/div>\n<p id=\"p0\">Kurz vor Beginn der Gaza-Krise war von einem sehr baldigen Besuch des t\u00fcrkischen Ministerpr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdogan im Gazastreifen die Rede gewesen. Er ist es gewohnt, als Bannertr\u00e4ger der muslimischen Welt gefeiert zu werden. Besonders in Gaza. Schon seit Jahren versucht er, dies mit einem Besuch in dem schmalen Mittelmeerstreifen in politisches Kapital umzum\u00fcnzen.<\/p>\n<p id=\"p1\">Doch davon ist nun nichts mehr zu h\u00f6ren. Erdogan ist in Gaza nicht mehr der eine und einzige Retter der Entrechteten, als der er vor der Krise gesehen wurde. Im Gegenteil: Die T\u00fcrkei war im Konflikt auf die passive Rolle eines Zuschauers reduziert.<\/p>\n<p id=\"p2\">Lediglich Au\u00dfenminister Ahmet Davutoglu reiste nach Gaza, aber nicht als wichtiger diplomatischer Akteur wie etwa der \u00e4gyptische Ministerpr\u00e4sident Hescham Kandil, sondern als einer unter vielen in einer Delegation der Arabischen Liga. Zwar hatte er dort nichts von Belang zu sagen, aber er schaffte es trotzdem in die Schlagzeilen, mit professionell medialisierten Tr\u00e4nen neben der Leiche eines Pal\u00e4stinensers. Sogar die t\u00fcrkische Presse reagierte befremdet. Man k\u00f6nne nur hoffen, dass Davutoglu am Grab eines gefallenen Israelis genauso geweint h\u00e4tte, schrieb der angesehene Kommentator Murat Yetkin.<\/p>\n<p id=\"p3\">Davutoglus Tr\u00e4nen h\u00e4tten auch dem Tod seiner Au\u00dfenpolitik gelten k\u00f6nnen. Sie wurde neo-osmanisch genannt, wogegen er sich immer verwahrte. Was er selbst seinen eigenen Botschaftern eintrichterte, war eine Politik der &#8222;Maximierung des globalen Einflusses der T\u00fcrkei&#8220;.<\/p>\n<p id=\"p4\">Im Gaza-Konflikt aber wurde der Einfluss der T\u00fcrkei reduziert, nicht maximiert. Erdogan und Davutoglu geb\u00e4rdeten sich vor den Kulissen verbal ganz so, als h\u00e4tten sie Bedeutung, aber sie hatten hinter den Kulissen keine. Erdogan und Davutoglu sagten: Wir k\u00f6nnen Hamas jederzeit stoppen, wenn gewisse Garantien gegeben werden. Hamas aber erw\u00e4hnte die T\u00fcrkei nie. Hamas sagte: Nur \u00c4gypten hat das Recht, einen Waffenstillstand zu verk\u00fcnden.<\/p>\n<h2>Reduziert auf Drohgeb\u00e4rden<\/h2>\n<p id=\"p6\">Erdogan wurde in den vergangenen Jahren oft als &#8222;neuer Kalif&#8220; gefeiert, aber des Kalifen neue Kleider erwiesen sich in diesem Konflikt als unsichtbar, zumindest f\u00fcr jene, die sehen k\u00f6nnen. Zwar erschien er in Kairo, aber der Besuch war schon lange vorher geplant gewesen zur Unterzeichnung einer Reihe von Wirtschaftsabkommen. Die Strippen zogen andere. Die T\u00fcrkei war eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p id=\"p7\">Ein Grund f\u00fcr die neue Bedeutungslosigkeit war der wohl schwerste au\u00dfenpolitische Fehler des Gespanns Erdogan\/Davutoglu: der Abbruch aller Beziehungen mit Israel im Jahr 2010. Die T\u00fcrkei beraubte sich damit jeglicher Kan\u00e4le, um im Fall einer internationalen Krise \u2013 wie jetzt \u2013 irgendeinen diplomatischen Einfluss nehmen zu k\u00f6nnen. Ankara war reduziert auf Drohgeb\u00e4rden \u2013 aber es besitzt kein Drohpotenzial mehr, weil es mit dem Abbruch der Beziehungen bereits ausgesch\u00f6pft hat.<\/p>\n<h2>Er erschien gr\u00f6\u00dfer, als er war<\/h2>\n<p id=\"p9\">Diese diplomatische Selbstkastrierung r\u00e4cht sich nun. Aber noch etwas anderes wird offenbar. Ein Grund daf\u00fcr, dass die T\u00fcrkei noch vor zwei Jahren wirklich zum Wortf\u00fchrer der islamischen Welt aufzusteigen schien, war, dass es keine anderen glaubw\u00fcrdigen Stimmen gab. Vor dem &#8222;Arabischen Fr\u00fchling&#8220; gab es nur den Iran mit seiner Weltuntergangssehnsucht sowie diverse undemokratische, prowestliche, aber bei der Bev\u00f6lkerung verhasste arabische Diktaturen. Und dazwischen nur die neue, islamisch-konservative, erfolgreiche, moderne und einigerma\u00dfen demokratische T\u00fcrkei.<\/p>\n<p id=\"p10\">Erdogan stie\u00df mit Wucht und Selbstbewusstsein in dieses Legitimit\u00e4tsvakuum der muslimischen Welt vor \u2013 nur deswegen erschien er pl\u00f6tzlich so gro\u00df. Gr\u00f6\u00dfer, als er war. Gro\u00df im Vergleich zu Nichts. Und nun stellt sich heraus: Es waren vor allem gro\u00dfe Worte. Was aber z\u00e4hlt, ist reale Macht.<\/p>\n<p id=\"p11\">Hamas bezieht seine Waffen und viel Geld aus dem Iran. Gaza ist f\u00fcr seine Versorgung auf \u00c4gypten angewiesen. Von der T\u00fcrkei kommt indirekt ein wenig Geld aus Spenden der radikal muslimischen &#8222;Hilfsorganisation&#8220; IHH, die vor zwei Jahren auch den blutigen Zwischenfall mit der &#8222;Hilfsflotte&#8220; f\u00fcr Gaza inszenierte, wobei neun militante T\u00fcrken nach gewaltt\u00e4tiger Gegenwehr von israelischen Kommandos erschossen wurden. Aber viel mehr ist da nicht.<\/p>\n<p id=\"p12\">Und so ist es verst\u00e4ndlich, dass die T\u00fcrkei in Gaza Einfluss einb\u00fc\u00dft, wenn nun eine demokratisch legitimerte und den Akteuren in Nahost gegen\u00fcber freundlicher eingestellte \u00e4gyptische F\u00fchrung das Heft des Handelns in die Hand nimmt. \u00c4gyptens Pr\u00e4sident Mohammed Mursi beschritt den goldenen Mittelweg zwischen verbaler und \u2013 mit dem Besuch seines Regierungschefs Kandil in Gaza \u2013 auch sichtbarer Unterst\u00fctzung der Hamas, unter Wahrung seiner internationalen Glaubw\u00fcrdigkeit. Dabei stellte er nie die vertraglichen Verpflichtungen seines Landes gegen\u00fcber Israel infrage, sondern beschr\u00e4nkte seinen Protest darauf, seinen Botschafter aus Israel zur\u00fcck zu beordern.<\/p>\n<h2>Globaler Einfluss sieht anders aus<\/h2>\n<p id=\"p14\">Das war ernsthafte, ernst zu nehmende Politik. Im Gegensatz dazu Erdogan: Wie um seine pl\u00f6tzliche Belanglosigkeit zu kompensieren, dr\u00e4ngte er daheim in Istanbul (statt auf hektischen und diplomatisch gewichtigen Nahost-Reisen) mit fast hysterisch schrillen Formulierungen in die Medien, um \u00fcberhaupt noch sichtbar zu bleiben.<\/p>\n<p id=\"p15\">Damit reduzierte er den Einfluss seines Landes weiter, statt ihn zu maximieren. Israel sei ein terroristischer Staat, und seine Handlungen seien terroristische Akte, sagte er. Das brachte ihm einen \u00f6ffentlichen R\u00fcffel aus Washington ein: Seine Rhetorik sei &#8222;nicht hilfreich&#8220;, lie\u00df die amerikanische Regierung offiziell wissen. Globaler Einfluss sieht anders aus.<\/p>\n<p id=\"p16\">Aber Erdogan setzte noch einen drauf: Israel betreibe in Gaza &#8222;ethnische S\u00e4uberungen&#8220; sagte der Mann, der dem wegen V\u00f6lkermordes angeklagten sudanesischen Diktator Omar al-Baschir einst bescheinigt hatte, er k\u00f6nne nichts B\u00f6ses tun, weil er ein Muslim sei.<\/p>\n<p id=\"p17\">Diesen neuerlichen Ausbruch, den Erdogan auch noch blumig ausgemalt hatte \u2013 die T\u00fcrken m\u00fcssten mit ihren &#8222;H\u00e4nden&#8220; gegen die ethnische S\u00e4uberung k\u00e4mpfen und notfalls &#8222;daf\u00fcr sterben&#8220; \u2013 quittierte auch Berlin mit deutlichen Vokalen: &#8222;Indiskutabel&#8220; sei das, sagte Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizi\u00e8re, &#8222;in der Sache und Tonlage v\u00f6llig daneben&#8220;, das m\u00fcsse man &#8222;\u00f6ffentlich verurteilen&#8220;.<\/p>\n<h2>Die Strategie ist ausgereizt<\/h2>\n<p id=\"p19\">Die \u00fcberraschendste Folge des Gaza-Konflikts betrifft somit die Stellung der T\u00fcrkei im Nahen Osten. Zum einen stimmt es, dass sie Vorbild war und ist f\u00fcr viele der neuen islamischen Reformer. Das ist Einfluss. Aber einer, der sich selbst abschafft, indem neue, freiere F\u00fchrungen und F\u00fchrer wie Mohammed Mursi das tun werden, was die T\u00fcrkei versucht: Ihren eigenen Einfluss auszuweiten. Die T\u00fcrkei f\u00fchrte nur, solange es keine anderen F\u00fchrer gab. Damit ist die gesamte Politik eines &#8222;neo-osmanischen&#8220; Einflusses der T\u00fcrkei an seine Grenze gesto\u00dfen.<\/p>\n<p id=\"p20\">Erdogan und Davutoglu sollten das bedenken \u2013 sie werden bald Hilfe brauchen bei neuen Krisen in Syrien, in der Kurdenfrage und im Irak. Ein etwas bescheideneres Auftreten w\u00e4re da hilfreich. Zuallererst vielleicht, indem sie im Verh\u00e4ltnis zu Israel wieder auf Dialog setzen.<\/p>\n<p id=\"p21\">Der Bruch mit Israel vor zwei Jahren hatte nur einen Zweck: Die muslimische Welt zu beeindrucken und zu deren Bannertr\u00e4ger aufzusteigen. Das brachte eine Zeitlang politischen und wirtschaftlichen Nutzen. Aber diese Strategie ist ausgereizt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Krise im Gazastreifen spielte die T\u00fcrkei die Rolle eines passiven Zuschauers. Die Strippen zogen andere, \u00c4gyptens Pr\u00e4sident Mursi etwa. Der Grund liegt in einem schweren Fehler Erdogans. Von Boris K\u00e1lnoky Foto: REUTERS Der t\u00fcrkische Premier Erdogan konnte in der L\u00f6sung der Gaza-Krise keine prominente Rolle spielen Weiterf\u00fchrende Links Syrien-Konflikt: Erdogan will Kommando \u00fcber [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":83,"featured_media":6240,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[322,34,475],"tags":[62],"class_list":["post-6239","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-editors-picks","category-israel","category-naher-und-mittlerer-osten-und-afrika","tag-gaza"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6239","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/83"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6239"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6239\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}