{"id":616,"date":"2010-07-22T22:36:44","date_gmt":"2010-07-22T20:36:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=616"},"modified":"2023-04-02T12:47:22","modified_gmt":"2023-04-02T09:47:22","slug":"die-luge-von-der-gescheiterten-integration-von-eberhard-seidel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/07\/22\/die-luge-von-der-gescheiterten-integration-von-eberhard-seidel\/","title":{"rendered":"Die L\u00fcge von der gescheiterten Integration &#8211; Von Eberhard Seidel"},"content":{"rendered":"<h2>Unsere Journalisten haben keinen Mut mehr zu differenzieren, sie  entpuppen sich immer mehr als Kleinb\u00fcrger, die nicht mehr aufkl\u00e4ren und  etablieren ein aggressives Ihr und Wir in Integrationsfragen<\/h2>\n<p>Seit nunmehr f\u00fcnf Jahren wird das Lied der  gescheiterten Integration gesungen. Ralph Giordano, Seyran Ates, Necla  Kelek und Henryk M. Broder tr\u00e4llern es, ebenso die FAZ und die taz.  L\u00e4ngst hat sich ein bin\u00e4res Weltbild vom \u201eFremden\u201c und \u201eEigenen\u201c in die  K\u00f6pfe eingefr\u00e4st.<\/p>\n<p>\u201eIntegration und Migration\u201c \u2013 an keinem anderen Thema l\u00e4sst sich der  Wandel der \u00d6ffentlichkeit in den zur\u00fcckliegenden Jahre besser  illustrieren. Als ein Teil der politischen Klasse Anfang der  Neunzigerjahre eine Kampagne gegen Asylsuchende entfachte, boten  hunderte Journalisten den Scharfmachern aus den Parlamenten die Stirn.  Sie informierten, kritisierten und kommentierten. Und sie warnten: Hier  werden Freiheits- und Menschenrechte zur Disposition gestellt. Am Ende  stand ein Aufbruch der Zivilgesellschaft \u2013 Proteste, Lichterketten und  schlie\u00dflich, unter der rotgr\u00fcnen Regierung, ab 1998 eine Phase der  Selbstkritik und der Besinnung.<br \/>\nZehn Jahre sp\u00e4ter ist alles anders. Nun ethnisieren und polarisieren vor  allem b\u00fcrgerlich aufgekl\u00e4rte Kreise, allen voran Journalisten \u2013 in der  Qualit\u00e4tspresse ebenso wie im Boulevard. Ein Berufsstand, der so gro\u00dfe  St\u00fccke auf seine Aufgekl\u00e4rtheit, Kritikf\u00e4higkeit und seine W\u00e4chterrolle  h\u00e4lt, entpuppt sich mehr und mehr als eine Ansammlung enthemmter  Kleinb\u00fcrger. Ressentimentgeladen, unf\u00e4hig und unwillig, den aktuellen  Entwicklungsstand der Einwanderungsgesellschaft zu reflektieren.<\/p>\n<p>Ihr vermeintlich aufkl\u00e4rerisches Tun ist gespeist von \u00c4ngsten vor  Verlust der gesellschaftlichen Kontrolle. Eifrig sammeln sie Eindr\u00fccke  in den gesellschaftlichen Randzonen, den Neuk\u00f6llns und den R\u00fctli-Schulen  der Republik. Ohne Skrupel werden Anomien auf die Gesamtheit der  Eingewanderten \u00fcbertragen, ein aggressives Ihr und Wir konstruiert.<br \/>\nHeute sind es Repr\u00e4sentanten der Macht, die dem W\u00fcten der Journaille  entgegentreten. Kanzlerin Merkel, Innenminister Sch\u00e4uble, SPD-Chef  M\u00fcntefering und Au\u00dfenminister Steinmeier \u2013 sie alle bem\u00fchen sich um neue  Wege der Integration. Die Politik als Korrektiv der vierten Gewalt \u2013  eine Paradoxie der deutschen Geschichte.<br \/>\nSeit 2007 sind eine Reihe von umfangreichen Studien und Untersuchungen  zum Migrationsgeschehen in Deutschland erschienen. \u201eMuslime in  Deutschland\u201c zum Beispiel. Ein 500-seitiges erhellendes Werk zu  Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Ei nstellungen zu  Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religi\u00f6s motivierter Gewalt.  Aufschlussreiche Ergebnisse, die in Vielem die Berichterstattung ad  absurdum f\u00fchren.<\/p>\n<p>Differenzierung nach Milieus<\/p>\n<p>Seit Ende 2008 liegt nun die komplette \u201eSinus-Studie \u00fcber  Migranten-Milieus in Deutschland\u201c vor. Sie wurde 2006 begonnen und  ver\u00f6ffentlichte erste Ergebnisse im Herbst 2007. Die quantitativen und  qualitativen Ergebnisse der repr\u00e4sentativen Studie r\u00e4umen gr\u00fcndlich mit  der medialen Konstruktion auf: Migranten sind keine homogene Gruppe; sie  definieren sich nicht vor allem \u00fcber den ethnischen Hintergrund oder  Religion.<br \/>\nErstmals in der Geschichte der Bundesrepublik werden Migranten, analog  zu der deutschen Mehrheitsbev\u00f6lkerung, differenziert nach sozialer Lage  und Grundorientierung betrachtet. Acht Milieus werden vorgestellt. Sie  reichen vom interkulturell-kosmopolitischen Milieu \u00fcber das  statusorientierte und traditionelle Arbeitermilieu bis hin zum  religi\u00f6s-verwurzelten. Ergebnis: Nur rund 7 Prozent der Migranten  geh\u00f6ren dem religi\u00f6s-verwurzeltem Milieu an, das strenge und rigide  Wertvorstellungen vertritt, den patriarchalen und religi\u00f6sen Traditionen  der Herkunftsregionen verhaftet ist und sich in kulturelle Enklaven  zur\u00fcckzieht.<br \/>\nSeit 2007 ver\u00f6ffentlicht das sozialwissenschaftliche Institut Sinus  Sociovision aus Heidelberg nun schon Teilergebnisse der gro\u00df angelegten  Untersuchung, die den Migrantinnen und Migranten ein hohes Ma\u00df an  Integrationsbereitschaft attestiert. Und die darauf aufmerksam macht,  dass der Einfluss religi\u00f6ser Traditionen \u00fcbersch\u00e4tzt wird. So bekennen  sich 84 Prozent zur Trennung von Staat und Religion und meinen, Religion  sei Privatsache.<br \/>\nWahrgenommen oder gar diskutiert werden die Ergebnisse der Studie kaum.  Die taz widmete ihnen seit 2007 einen einzigen Artikel. Im gleichen  Zeitraum erschienen rund 300 Artikel zu Ehrenmord, Zwangsheirat und  R\u00fctli-Schule; Stichworte, die f\u00fcr das Scheitern der Integration stehen.  Nat\u00fcrlich bem\u00fchen sich eine Reihe dieser Artikel um Differenzierung.  Allein durch ihr Referenzsystem bleiben sie allerdings Teil der  insgesamt problematischen bis reaktion\u00e4ren Integrationsdebatte. \u00c4hnlich  sieht es in den anderen Qualit\u00e4tszeitungen der Republik aus.<\/p>\n<p>Integration gilt als \u00fcberfl\u00fcssig<\/p>\n<p>Diese Berichterstattung und nicht die Erkenntnisse der Sinus-Studie  pr\u00e4gen folglich das Alltagsbewusstsein. Demgegen\u00fcber beschreibt die  Sinus-Studie die Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen  unter Migranten: 98 Prozent w\u00e4hlen ihren Ehepartner selber; 83 Prozent  der befragten Menschen mit Migrationshintergrund leben gern in  Deutschland; 82 Prozent sprechen mit ihren engsten Freunden deutsch, und  f\u00fcr 74 Prozent sind Bildung und Wissen wichtige Werte. Obwohl die  Migranten den Deutschen also immer \u00e4hnlicher werden, beharrt die  Publizistik darauf, Migranten weiterhin nach ihrer ethnischen Herkunft  und nicht nach ihren tats\u00e4chlichen Wertvorstellungen und Lebensstilen zu  definieren.<br \/>\nNach einer Ende M\u00e4rz ver\u00f6ffentlichten, repr\u00e4sentativen Studie der  Forschungsgruppe Sinus Sociovision halten 40 Prozent der detuschen  B\u00fcrger Antidiskriminierungspolitik f\u00fcr \u201e\u00fcberfl\u00fcssig\u201c. So wird es zwar zu  Recht als wichtig empfunden, Frauen den gleichen Lohn zu bezahlen wie  M\u00e4nnern oder \u00c4ltere und Behinderte nicht zu benachteiligen. Weniger  Verst\u00e4ndnis haben viele Deutsche f\u00fcr die Gleichbehandlung von Migranten,  Homosexuellen oder Andersgl\u00e4ubigen. Ma\u00dfnahmen auf politischer und  insbesondere auf gesetzlicher Ebene werden abgelehnt.<\/p>\n<p>Zum Autor: Eberhard Seidel, 54, ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von \u201eSchule ohne  Rassismus &#8211; Schule mit Courage\u201c. Au\u00dferdem arbeitet er als Journalist zu  den Schwerpunkten Rechtsextremismus, Migration, politischer Islam und  jugendliche Subkulturen. Gemeinsam mit Sanem Kleff ver\u00f6ffentlichte er  k\u00fcrzlich \u201eStadt der Vielfalt. Das Entstehen des neuen Berlin durch  Migration\u201c (Berlin 2009).<\/p>\n<p>Erstver\u00f6ffentlichung in der TAZ vom 18.04.09<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Journalisten haben keinen Mut mehr zu differenzieren, sie entpuppen sich immer mehr als Kleinb\u00fcrger, die nicht mehr aufkl\u00e4ren und etablieren ein aggressives Ihr und Wir in Integrationsfragen Seit nunmehr f\u00fcnf Jahren wird das Lied der gescheiterten Integration gesungen. Ralph Giordano, Seyran Ates, Necla Kelek und Henryk M. Broder tr\u00e4llern es, ebenso die FAZ und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":4415,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[118,117,1938],"class_list":["post-616","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-turkei","tag-auslander","tag-deutschland-2","tag-integration"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/616","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=616"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/616\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4415"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=616"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=616"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=616"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}