{"id":5563,"date":"2012-05-05T08:23:51","date_gmt":"2012-05-05T05:23:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/?p=5563"},"modified":"2014-01-01T23:30:31","modified_gmt":"2014-01-01T21:30:31","slug":"turkische-unlust-auf-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2012\/05\/05\/turkische-unlust-auf-europa\/","title":{"rendered":"T\u00fcrkische Unlust auf Europa"},"content":{"rendered":"<h1>Doch nicht westw\u00e4rts<\/h1>\n<p>In der T\u00fcrkei macht sich Ern\u00fcchterung breit. Konservative Tendenzen in Gesellschaft und Politik lassen die Frage aufkommen, ob das Land bereit f\u00fcr Europa ist.<\/p>\n<div><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-5564\" title=\"Turkish Prime Minister Recep Tayyip Erdo\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/105092447.jpg\" alt=\"\" width=\"599\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/105092447.jpg 599w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/105092447-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 599px) 100vw, 599px\" \/><\/div>\n<div>gettyimages<\/div>\n<p>Jahrelang war der EU-Beitritt der T\u00fcrkei eine der hei\u00df diskutierten europ\u00e4ischen Fragen. Seit dem Ankara-Protokoll 2005 ist der langfristige Beitritt erkl\u00e4rtes Ziel europ\u00e4ischer Politik. So richtig haben sich die B\u00fcrger mit der Idee der europ\u00e4isch-t\u00fcrkischen Hochzeit allerdings nie angefreundet. Euro-Krise und \u201ePleite-Griechen\u201c haben das Thema in letzter Zeit zus\u00e4tzlich in den Hintergrund gedr\u00e4ngt. W\u00e4hrend Europa auf die Beitrittsfrage zurzeit keinen Gedanken verschwendet, k\u00fchlt auch auf t\u00fcrkischer Seite der Europa-Enthusiasmus deutlich ab.<\/p>\n<p>Die wachsende Ablehnung r\u00fchrt in erster Linie daher, dass man sich durch den langwierigen Prozess get\u00e4uscht f\u00fchlt. Seit 2005 verhandeln die Parteien ohne wirklichen Fortschritt. Rana Birden \u00c7orbac\u0131o\u011flu, Gastdozentin an der Okan University in Istanbul, bezeichnet den Prozess als demotivierend und unterstellt beiden Seiten, in Wahrheit an einem erfolgreichen Abschluss derzeit gar nicht interessiert zu sein. Auch die t\u00fcrkische Jugend hat ihre Meinung in den vergangenen Jahren ge\u00e4ndert. \u015eebnem, Philosophie-Studentin aus Istanbul, war fr\u00fcher \u00fcberzeugte Bef\u00fcrworterin des Betritts. Heute sagt sie: \u201eEuropa, das ist ein Haufen spielender Kinder, die keine neuen mitspielen lassen wollen. So einer Gemeinschaft muss ich mich nicht aufdr\u00e4ngen.\u201c Die Hinhaltetaktik in der Beitrittsfrage wird vielfach als Arroganz interpretiert. Da bleibt man als \u201eMix aus Europ\u00e4ern und Asiaten\u201c doch lieber eigenst\u00e4ndig. Das Bild von den im Sandkasten spielenden Kindern ist bezeichnend f\u00fcr die Au\u00dfenwirkung der EU: ein chaotischer Verbund zerstrittener Egoisten.<\/p>\n<h6>Wirtschaft gut, Menschenrechte bedenklich<\/h6>\n<p>Man k\u00f6nnte das als Trotzreaktion interpretieren \u2013 w\u00e4re da nicht die wachsende \u00dcberzeugung, dass ein EU-Beitritt von zweifelhaftem \u00f6konomischen Nutzen w\u00e4re. Auf den griechischen Nachbarn schauen die T\u00fcrken inzwischen mit einem Gef\u00fchl von Geringsch\u00e4tzung und Spott. Seit 1981 Mitglied der EU, hat Griechenland jahrzehntelang von europ\u00e4ischen Hilfsgeldern profitiert. Vor einer strukturell desastr\u00f6sen Wirtschaft hat das die Griechen nicht bewahrt. Das Land verzeichnete im Jahr 2011 einen R\u00fcckgang des Bruttoinlandsprodukts um 5 Prozent. In der T\u00fcrkei schaut man hingegen auf stolze 4,5 Prozent Wachstum. Warum soll man also nach Europa, geschweige denn in den Euro? Die Krise zeigt, mit welchen Ma\u00dfnahmen aus Br\u00fcssel die mediterranen Mitglieder der Euro-Zone zu k\u00e4mpfen haben. Au\u00dferdem w\u00fcrde die Mitgliedschaft in der Gemeinschaftsw\u00e4hrung die Preise verteuern und die eigene Konkurrenzf\u00e4higkeit bedrohen.<\/p>\n<p>Woran sich die Gem\u00fcter auf beiden Seiten letztlich aber am meisten erhitzen, ist das Thema Menschenrechte. Viele in Europa sehen die T\u00fcrkei noch nicht weit genug auf dem Weg zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Erst im Fr\u00fchjahr fielen 38 Journalisten einer Verhaftungswelle zum Opfer und die NGO \u201eReporter ohne Grenzen\u201c f\u00fchrt die T\u00fcrkei 2011 auf dem Index f\u00fcr Pressefreiheit auf Platz 148 von 179 Staaten. Unter R\u00fcckgriff auf den T\u00fcrkentum-Paragrafen schafft die konservative Regierungspartei AKP eine zunehmend repressive Atmosph\u00e4re. Auch die kemalistische Staatsideologie, Begr\u00fcndung f\u00fcr Laizismus und Orientierung nach Europa, wird neuerdings durch gesellschaftliche und politische Entwicklungen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Erst k\u00fcrzlich pl\u00e4dierte die AKP daf\u00fcr, einen Gottesbezug in die neue Verfassung aufzunehmen und die AKP-Frauen setzen sich f\u00fcr eine Einschr\u00e4nkung des Kopftuchverbots ein.<\/p>\n<h6>Mentalit\u00e4tswandel k\u00f6nnen nicht von au\u00dfen erzwungen werden<\/h6>\n<p>Prowestliche Eliten betrachten diese Ver\u00e4nderungen mit Sorge. Sie bauen darauf, dass genug Druck durch die EU die menschenrechtliche Situation in der T\u00fcrkei verbessern kann. Der Beitritt ist trotz aller Zweifel auf \u00f6konomischem Gebiet f\u00fcr sie die letzte Hoffnung. Eda, Mitte zwanzig und Jurastudentin in Istanbul, berichtet von den Schikanen, die sie als nicht-religi\u00f6se T\u00fcrkin inzwischen selbst mancherorts erlebt: \u201eIch komme in den Himmel, du in die H\u00f6lle\u201c, musste sie sich k\u00fcrzlich von einer \u00c7ar\u015faf-verh\u00fcllten Frau auf der Stra\u00dfe anh\u00f6ren. Die T\u00fcrkei in der EU, das ist f\u00fcr Eda vor allem die Hoffnung, dass die Rechte der Frau auch in der Gesellschaft ankommen. \u00c4hnlich sieht es ihr Freund Mustafa, ebenfalls Jurastudent: Ein Beitritt ist w\u00fcnschenswert, weil er die menschenrechtliche Situation in der T\u00fcrkei verbessern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Was muss zuerst kommen? Eine Hinwendung der t\u00fcrkischen Politik und Gesellschaft zu europ\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben oder EU-Regularien von oben? Mentalit\u00e4tswandel oder Beitritt? F\u00fcr Eda und Mustafa ist klar: Ohne EU wird sich die Lage nicht verbessern, sondern eher verschlechtern. W\u00e4re die t\u00fcrkische Tendenz zu Traditionalismus nur von politischen Kr\u00e4ften verordnet, w\u00e4re das wohl richtig. Dass sich die AKP seit 2011 auf einer soliden Mehrheit von \u00fcber 50 Prozent ausruht, zeigt allerdings, dass ihre Marschrichtung in weiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert ist. Ein EU-Beitritt, nur um einen Wandel hin zu mehr Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten zu erzeugen, erscheint zweifelhaft \u2013 trotz der tragischen Lage in der sich Pro-Europ\u00e4er wie Mustafa und Eda befinden. Soll die T\u00fcrkei ein zuverl\u00e4ssiges Mitglied sein und die normative Kraft der EU nicht weiter ausfransen, muss der Mentalit\u00e4tswandel von innen kommen.<\/p>\n<p>Man beachte das Beispiel Griechenland: Die Einstellung, relativ unbesorgt \u00fcber die eigene Verh\u00e4ltnisse zu leben, hat in der Krise auch ihre Rolle gespielt. Durch den EU-Beitritt 1981 war diese Mentalit\u00e4t weder schlagartig noch kontinuierlich ausgestorben. Es reicht also offenbar nicht, einem Land europ\u00e4ische Standards \u00fcberzust\u00fclpen und dann auf einen automatischen Wandel zu warten.<\/p>\n<p>von Bernhard Clemm<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doch nicht westw\u00e4rts In der T\u00fcrkei macht sich Ern\u00fcchterung breit. 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