{"id":5430,"date":"2012-03-19T21:11:35","date_gmt":"2012-03-19T19:11:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/?p=5430"},"modified":"2012-03-19T21:11:35","modified_gmt":"2012-03-19T19:11:35","slug":"strukturelle-diskriminierung-an-deutschen-schulen-kein-thema-fur-deutschlands-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2012\/03\/19\/strukturelle-diskriminierung-an-deutschen-schulen-kein-thema-fur-deutschlands-medien\/","title":{"rendered":"Strukturelle Diskriminierung an deutschen Schulen \u2013 kein Thema f\u00fcr Deutschlands Medien?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Strukturelle Diskriminierung an deutschen Schulen \u2013 kein Thema f\u00fcr Deutschlands Medien?<\/strong><\/p>\n<p>Die Studie \u201cChancenspiegel\u201d zeigt: Die soziale Herkunft hat erheblichen Einfluss darauf hat, welche Schule ein Kind besucht. Besonders betroffen sind Kinder ausl\u00e4ndischer Herkunft. Sechzig Journalisten rufen Medien dazu auf, nicht mehr zu schweigen.<\/p>\n<p>Der aktuell ver\u00f6ffentlichte \u201eChancenspiegel\u201c der Bertelsmann-Stiftung und des Instituts f\u00fcr Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund haben der Republik einmal mehr vor Augen gef\u00fchrt, dass die soziale Herkunft eines Kindes erheblichen Einfluss darauf hat, ob es nach der Grundschule in Deutschland auf ein Gymnasium geht oder nicht, oder ob es gar auf der F\u00f6rderschule landet und abgeh\u00e4ngt wird. Was dabei oft nur als ein Aspekt zur Sprache kommt und selten explizit skandalisiert wird: Kinder mit ausl\u00e4ndischer Herkunft sind davon besonders und seit langem betroffen. Wir m\u00f6chten daher als Neue Deutsche Medienmacher dazu aufrufen, diesen lautlosen, allt\u00e4glichen Skandal in unserem Land nicht einmal mehr in der Schublade verschwinden zu lassen \u2013 die institutionelle Diskriminierung im deutschen Schulwesen<\/p>\n<p>Worum es uns geht:<br \/>\nKinder aus Einwanderer- und Arbeiterfamilien werden in Deutschland oftmals trotz guter Noten auf Haupt- und Sonderschulen geschickt, die ihre Chancen auf ein erfolgreiches Leben deutlich mindern. Die Pisa-Studie 2009 belegte bereits, dass Einwandererkinder bei vergleichbarer Leistung eine vier- bis f\u00fcnfmal geringere Chance haben, eine Empfehlung f\u00fcr das Gymnasium zu erhalten, als Kinder aus deutschen Familien. Ein Beispiel aus der Praxis: Der heute 20-j\u00e4hrigen Sara Pias aus Wuppertal wurde nach der Grundschule die Hauptschule empfohlen. Erst nach drei Schulwechseln schaffte die Tochter einer italienischen Arbeiterfamilie das Abitur \u2013 viele Eltern sind nicht so hartn\u00e4ckig. Saras Erfahrung mit struktureller Diskriminierung ist einer von vielen F\u00e4llen. Sie passieren auch heute tagt\u00e4glich, sie sind mitverantwortlich f\u00fcr die Bildungsmisere, doch ihnen fehlt die angemessene Publizit\u00e4t.<\/p>\n<p>Dass bei der Benachteiligung die ethnische Herkunft eine Rolle spielt, belegte auch der Befund des Nationalen Bildungsberichts, der konstatiert, dass Einwandererkinder selbst bei gleichem sozio\u00f6konomischen Status doppelt so h\u00e4ufig an Hauptschulen zu finden sind wie Kinder ohne Migrationshintergrund. Bildungsforscher wie Mechtild Gomolla und Frank-Olaf Radtke haben vielfach nachgewiesen, dass diese Diskriminierung Teil des derzeitigen Schulsystems ist. Lehrkr\u00e4fte, die sich dem entgegen stellen, bekommen Probleme. So wurde die bayerische Grundschullehrerin Sabine Czerny strafversetzt, weil ihre Sch\u00fcler zu gut in Mathematik waren und zu wenige an die Hauptschule empfohlen werden konnten. Jeder wei\u00df es, kaum jemand spricht es offen aus: Die Kinder, die diese Schulform \u201ebef\u00fcllen\u201c sollen, sind meist Einwandererkinder.<\/p>\n<p>Die Vereinten Nationen kritisieren Deutschland f\u00fcr die systematischen Benachteiligungen aufgrund der fr\u00fchen Selektion. Es handelt sich hier um die Verletzung eines Menschenrechts \u2013 des Rechts auf Bildung. Dabei handelt es sich nicht um ein Randgruppenthema: Fast jeder dritte Jugendliche in Deutschland hat einen Migrationshintergrund.<\/p>\n<p>Umso unverst\u00e4ndlicher ist es, dass dar\u00fcber in Deutschland nicht angemessen berichtet wird. Auch nach den Ergebnissen der PISA-Tests ging es in der Berichterstattung meist eher um das Aufholen in einzelnen Kompetenzen und nicht um die strukturelle Benachteiligung. Sicher, es gibt auch zu diesem Thema vereinzelt Beitr\u00e4ge und Artikel. Aber ganz im Gegensatz zu seiner Bedeutung findet dieses Thema in den Medienformaten, die die \u00f6ffentliche Debatte pr\u00e4gen, faktisch nicht statt.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren hat kein einziges der politischen Talk-TV-Magazine die beschriebene Diskriminierung von Einwandererkindern im Schulsystem explizit zum Thema gemacht. Gleichwohl stand etwa das Thema \u201eIntegrationsverweigerer\u201c mehrfach im Fokus, ebenso wie Sendungen zur Frage, wie viele Einwanderer respektive \u201eIslam\u201c Deutschland vertrage. War Bildung das Thema, wurde gefragt, ob die Jugend \u201edumm\u201c (Maybrit Illner) oder \u201ezu doof\u201c (Anne Will) sei. \u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr die Titelgeschichten der auflagenst\u00e4rksten Printmagazine und Zeitungen. Gerade bei den meinungsbildenden Leitmedien ist diese Einseitigkeit bei der Themensetzung nicht hinzunehmen und mehr journalistische Ausgewogenheit gefragt.<\/p>\n<p>Wir wollen dazu aufrufen, dieses Thema, das Einwanderer und ihre Nachkommen in Deutschland aber auch die Gesamtgesellschaft existenziell betrifft, nicht mehr zu vernachl\u00e4ssigen. Wir sprechen dabei auch aus eigener Erfahrung, denn vielen von uns, die wir diesen Aufruf unterzeichnen, wurde f\u00e4lschlicherweise auch nicht zugetraut, das Abitur zu machen und zu studieren. Wir fordern daher die Programm- und Blattmacher_innen, die Chefredaktionen und Sendeanstalten, Wochenmagazine und Tageszeitungen auf, diesen Missstand im Jahr 2012 als ein Schwerpunktthema zu setzen. Die Neuen Deutschen Medienmacher, eine Initiative von 400 Journalistinnen, Journalisten und Medienschaffenden mit Migrationshintergrund, bieten an, dabei ihr spezifisches Wissen und ihre journalistische Kompetenz einzubringen.<\/p>\n<p>&#8212;<br \/>\nSch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe<br \/>\nS\u00fcleyman Ko\u015far<\/p>\n<p>Wer immer nur das tut, was er bereits kann<br \/>\nwird auch immer nur das bleiben, was er bereits ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Strukturelle Diskriminierung an deutschen Schulen \u2013 kein Thema f\u00fcr Deutschlands Medien? Die Studie \u201cChancenspiegel\u201d zeigt: Die soziale Herkunft hat erheblichen Einfluss darauf hat, welche Schule ein Kind besucht. Besonders betroffen sind Kinder ausl\u00e4ndischer Herkunft. Sechzig Journalisten rufen Medien dazu auf, nicht mehr zu schweigen. 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