{"id":527,"date":"2010-07-09T10:14:57","date_gmt":"2010-07-09T08:14:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=527"},"modified":"2023-04-02T12:49:29","modified_gmt":"2023-04-02T09:49:29","slug":"ich-war-ein-gastarbeiter-kind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/07\/09\/ich-war-ein-gastarbeiter-kind\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich war ein Gastarbeiter-Kind&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ich hei\u00dfe Cem, das ist ein t\u00fcrkischer Name. Als ich zur Schule ging, hie\u00df niemand in unserer Klasse so, die anderen hatten Namen wie Iris oder Hartmut, deutsche Namen halt. Aber ich bin wie sie in Deutschland geboren, um es genau zu sagen: in Bad Urach, einer schw\u00e4bischen Kleinstadt mit vielen Fachwerkh\u00e4usern. Meine Eltern sind als Gastarbeiter in den sechziger Jahren aus der T\u00fcrkei nach Deutschland gekommen. Beide haben viel gearbeitet. Deshalb hatte ich als Kind Tageseltern.<\/p>\n<p>Das Ehepaar Rehm, das \u00fcber uns wohnte, hat auf mich aufgepasst. Ich habe mich sehr wohl bei ihnen gef\u00fchlt, sie waren wie Oma und Opa f\u00fcr mich. Bei ihnen habe ich gelernt, Deutsch mit schw\u00e4bischem Dialekt zu sprechen. Frau Rehm hat f\u00fcr mich Sp\u00e4tzle gekocht, Herr Rehm hat mit mir Fahrradausfl\u00fcge gemacht.<\/p>\n<p>An den Wochenenden hatten meine Eltern mehr Zeit f\u00fcr mich. Alle zwei Wochen gab es am Wochenende vormittags eine Fernsehsendung in t\u00fcrkischer Sprache, das sogenannte Gastarbeiterprogramm. Es hie\u00df &#8222;Ihre Heimat, unsere Heimat&#8220;. Das war unser Draht in die T\u00fcrkei. Und Briefe nat\u00fcrlich. Internet gab es damals ja noch nicht, und das Telefonieren war viel zu teuer. Aber alle ein bis zwei Jahre haben wir Urlaub in der T\u00fcrkei gemacht. Wir sind mit dem Auto hingefahren, eine furchtbar lange Fahrt war das.<\/p>\n<p><strong>Mischmasch aus T\u00fcrkisch und Deutsch<\/strong><\/p>\n<p>Mit meinen Eltern habe ich T\u00fcrkisch gesprochen, mit den Kindern anderer t\u00fcrkischer Gastarbeiterfamilien einen Mischmasch aus T\u00fcrkisch und Deutsch und in der Schule nat\u00fcrlich Deutsch. Eigentlich war es toll, so beide Kulturen kennenzulernen. Nur manchmal gab es ein paar kleine Kulturkonflikte. Zum Beispiel was das Baden anging.<\/p>\n<p>In unserem Haus gab es damals keine Badewanne. Man musste Wasser erst aufw\u00e4rmen und es in einen Waschzuber sch\u00fctten. Um Wasser zu sparen, hat das Ehepaar Rehm hintereinander im selben Wasser gebadet: zuerst der Opa, dann die Oma und schlie\u00dflich ich. Das war damals wohl normal. Meine Mutter fand das allerdings unvorstellbar. In der T\u00fcrkei gilt stehendes Badewasser n\u00e4mlich als unsauber.<\/p>\n<p>Und auch sonst habe ich manchmal ein paar Unterschiede beobachten k\u00f6nnen. Wenn wir am Wochenende Besuch bekamen oder ein Fest gefeiert wurde, war immer viel los bei uns. Der Fernseher lief, es gab viele S\u00fc\u00dfigkeiten, die Kinder durften lange aufbleiben. Oft bin ich einfach mitten in dem Trubel auf dem Sofa eingeschlafen. Das war bei meinen deutschen Freunden undenkbar. Die hatten p\u00fcnktlich im Bett zu sein und durften auch nicht viel fernsehen.<\/p>\n<p>Meine Mutter hat immer darauf geachtet, dass ich mich nicht ausgeschlossen f\u00fchle. Obwohl wir Muslime sind, hat sie beispielsweise immer einen Weihnachtsbaum aufgestellt, damit ich nicht in Verlegenheit k\u00e4me, wenn mich meine deutschen Freunde danach fragten. Und Karneval habe ich auch immer mitgefeiert und mich verkleidet. Meist als Indianer, einmal auch als Cowboy.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Ich f\u00fchlte mich immer wie alle anderen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte t\u00fcrkische und deutsche Freunde und f\u00fchlte mich immer wie alle anderen. Aber es gab einige Augenblicke, wo andere mich darauf stie\u00dfen, dass ich anders war. Beispielsweise konnte ich fast nicht mit auf eine Klassenfahrt nach England, weil ich als T\u00fcrke nicht einfach durch andere L\u00e4nder reisen durfte. Meine Lehrerin konnte die Grenzbeamten zum Gl\u00fcck \u00fcberreden.<\/p>\n<p>Und manchmal haben mich einige Kinder verteidigt, wenn mich jemand beschimpfte, weil ich Ausl\u00e4nder war. Sie sagten: &#8222;Er kann doch nichts daf\u00fcr, dass er T\u00fcrke ist.&#8220; Sie haben das bestimmt nett gemeint, aber mir wurde dadurch schon klar, dass &#8222;T\u00fcrke sein&#8220; bei manchen nicht sehr angesehen war.<\/p>\n<p>Auf der Realschule wurde ich als Klassen- und auch als Sch\u00fclersprecher gew\u00e4hlt. Damals wurde mir klar, dass man etwas bewirken kann, wenn man sich daf\u00fcr einsetzt. Vielleicht waren das die ersten Schritte, die mich zum Politiker machten. Und als ein Freund mich mit 15 zu den Gr\u00fcnen mitnahm, beschloss ich, dort einzutreten. Ich habe das gemacht, weil die Partei sich f\u00fcr den Umweltschutz und f\u00fcr Frieden einsetzte.<\/p>\n<p>Damals h\u00e4tte ich mir nat\u00fcrlich nicht tr\u00e4umen lassen, dass ich sp\u00e4ter der erste Deutsche t\u00fcrkischer Herkunft sein w\u00fcrde, der in den Bundestag gew\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p><em>Dieser Text ist ein Beitrag aus &#8222;Dein SPIEGEL &#8211; einfach mehr wissen&#8220;, dem Nachrichtenmagazin f\u00fcr neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet \u00fcber Politik und Kultur, \u00fcber Themen aus Natur und Technik, \u00fcber Sport und Spannendes aus aller Welt &#8211; immer unterhaltsam f\u00fcr junge Leser erz\u00e4hlt und erkl\u00e4rt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es\u00a0hier <\/em><em>, bekommen kann man das Heft im\u00a0SPIEGEL-Shop <\/em><em>&#8211; und \u00fcberall im Zeitschriftenhandel.<\/em><\/p>\n<p><em>Protokoll: Alexandra Frank<\/em><\/p>\n<h4>URL:\u00a0<span style=\"font-weight: normal;\"><\/span><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hei\u00dfe Cem, das ist ein t\u00fcrkischer Name. Als ich zur Schule ging, hie\u00df niemand in unserer Klasse so, die anderen hatten Namen wie Iris oder Hartmut, deutsche Namen halt. Aber ich bin wie sie in Deutschland geboren, um es genau zu sagen: in Bad Urach, einer schw\u00e4bischen Kleinstadt mit vielen Fachwerkh\u00e4usern. Meine Eltern sind [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":157887,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[75],"class_list":["post-527","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-tagesordnung","tag-gastarbeiter"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/527","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=527"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/527\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media\/157887"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}