{"id":4377,"date":"2011-07-13T10:57:55","date_gmt":"2011-07-13T07:57:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=4377"},"modified":"2023-04-14T16:29:03","modified_gmt":"2023-04-14T13:29:03","slug":"sexualitat-doppelt-unter-druck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2011\/07\/13\/sexualitat-doppelt-unter-druck\/","title":{"rendered":"Sexualit\u00e4t: Doppelt unter Druck"},"content":{"rendered":"<h2>Wie halten die das aus? Zu Hause d\u00fcrfen Musliminnen nicht mal \u00fcber Sex reden. Jenseits der Familie ist das Thema allgegenw\u00e4rtig.<\/h2>\n<p>\u00a9 ABBAS MOMANI\/AFP\/Getty Images<\/p>\n<p>Zwei muslimische Frauen schauen M\u00e4nnern beim Baden im Meer zu.<\/p>\n<p>Das ist wohl die h\u00f6chste Kunst der Tabuisierung: In muslimischen Wohnzimmern muss das Wort \u00bbSex\u00ab nicht einmal fallen, und trotzdem wei\u00df jeder Teenager seit seiner Kindheit, dass er die Finger davon lassen soll. Eigentlich gilt dieses kulturelle Diktum (ob es auch ein religi\u00f6ses ist, dar\u00fcber streiten die Gelehrten) f\u00fcr Jungen und M\u00e4dchen gleicherma\u00dfen, doch die Jungen k\u00f6nnen sich besser entziehen, und ein \u00bbFehlverhalten\u00ab bei ihnen wird eher als Kavaliersdelikt betrachtet. F\u00fcr beide Geschlechter gilt aber, dass die jungen Muslime meistens gar nicht wissen, warum sie sich enthalten sollen. Fragen k\u00f6nnen sie ja nicht. Die Begr\u00fcndung lautet, dass die Frau nur gesch\u00fctzt leben kann, solange sie nicht sexuell verf\u00fcgbar ist. Die Frau ist frei, weil sie keinen Sex hat. Allerdings stammt diese Begr\u00fcndung aus der Zeit des Propheten.<\/p>\n<p>Aber es wird noch komplizierter: W\u00e4hrend das muslimische Wohnzimmer n\u00e4mlich sex- und lustfreie Zone bleibt (zumindest verbal), Jungen und M\u00e4dchen beim gemeinsamen Fernsehabend mit den Eltern bei jeder Liebesszene nerv\u00f6s und besch\u00e4mt wegzappen, ist der Rest der Welt gnadenlos \u00fcbersexualisiert. Die Klassenkameradinnen knutschen am Wochenende in der Disco herum, und wer nach dem Sport nicht in die Gruppendusche oder in die gemischte Sauna m\u00f6chte, muss sich schon fast daf\u00fcr entschuldigen.<\/p>\n<p>In dieser Welt ist die Frau frei, weil sie Sex hat.<\/p>\n<p>Nun kann man fragen, was die Muslimin eigentlich eher zum Sexobjekt macht: der Druck des elterlichen Wohnzimmers, der sie auf eine sexuelle \u00bbReinheit\u00ab reduziert, oder der Gegendruck der sexuell enttabuisierten Mehrheit, der im Grunde das Gleiche tut, nur mit anderen Mitteln und anderen Wortsch\u00f6pfungen (\u00bbImportbraut\u00ab). Es erfordert schon ein geh\u00f6riges Ma\u00df an St\u00e4rke, um sich unter diesen Druckverh\u00e4ltnissen behaupten zu k\u00f6nnen. Hin und wieder sieht man die trotzigen Ausdr\u00fccke dieses Dilemmas auf den Stra\u00dfen Berlins, Hamburgs oder K\u00f6lns: oben Kopftuch, unten knackenge Jeans und High Heels. So viel zum Thema Zucht und Unterordnung. Auch ein sich neu entwickelnder islamischer Feminismus sucht nach Argumenten, beiden Zumutungen zu trotzen, der Zwangsentbl\u00f6\u00dfung und der patriarchalen Tradition. Die Tatsache, dass das Thema in der Familie totgeschwiegen wird, hei\u00dft nicht, dass jede Muslimin auch tats\u00e4chlich als Jungfrau in die Ehe geht. Und nicht jede weint sich deshalb wegen Gewissenskonflikten nachts in den Schlaf.<\/p>\n<p>Wie millimeternah sich die beiden Arten der Sexualisierung von Musliminnen sind, wie hart der doppelte Druck ist, zeigt das Beispiel von Sila Sahin. Die Schauspielerin aus der TV-Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten war die erste Deutscht\u00fcrkin auf dem Cover des Playboys. Befragt zu ihren Motiven, sich vor der Kamera auszuziehen, sagte sie, sie habe sich bislang gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen untergeordnet und \u00bbimmer nur das gemacht, was andere f\u00fcr mich f\u00fcr richtig hielten\u00ab. Das Shooting mit viel nackter Haut sei ein \u00bbBefreiungsschlag\u00ab gewesen, und sie h\u00e4tte gern noch viel mehr gezeigt, wenn der Playboy gewollt h\u00e4tte. Hier war das T\u00fcrkinsein nicht nur mit \u00bbJungfrausein\u00ab und \u00bbmuslimischer Reinheit\u00ab verbunden, sondern eine Marketingstrategie: \u00bbEcht T\u00fcrkin \u2013 und echt hei\u00df\u00ab.<\/p>\n<p>Auch wenn der pers\u00f6nlichen Entscheidung der jungen Frau Respekt geb\u00fchrt \u2013 es kann in einer liberalen Gesellschaft wie der deutschen durchaus m\u00f6glich sein, es gerade nicht als Befreiung zu sehen, sich zu entbl\u00f6\u00dfen. Manchmal kann das genaue Gegenteil, die Verh\u00fcllung, eine Befreiung sein \u2013 solange sie aus freien St\u00fccken geschieht.<\/p>\n<p>Wo wir gerade beim Playboy sind: F\u00fcr Fatmire Bajramaj, muslimische St\u00fcrmerin der deutschen Fu\u00dfballnationalmannschaft, war es schon eine Befreiung, bei ihrem Vater durchzusetzen, dass sie Fu\u00dfball spielen durfte. Das Ausziehen hat sie ihren Teamkolleginnen \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>via Sexualit\u00e4t: Doppelt unter Druck | Gesellschaft | ZEIT ONLINE.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie halten die das aus? Zu Hause d\u00fcrfen Musliminnen nicht mal \u00fcber Sex reden. Jenseits der Familie ist das Thema allgegenw\u00e4rtig. \u00a9 ABBAS MOMANI\/AFP\/Getty Images Zwei muslimische Frauen schauen M\u00e4nnern beim Baden im Meer zu. 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