{"id":4051,"date":"2011-06-05T15:48:30","date_gmt":"2011-06-05T12:48:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=4051"},"modified":"2023-04-17T22:46:37","modified_gmt":"2023-04-17T19:46:37","slug":"widerstand-gegen-das-erste-akw-der-turkei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2011\/06\/05\/widerstand-gegen-das-erste-akw-der-turkei\/","title":{"rendered":"Widerstand gegen das erste AKW der T\u00fcrkei"},"content":{"rendered":"<p>Ausgerechnet am Treffpunkt von vier tektonischen Platten soll das erste t\u00fcrkische Kernkraftwerk gebaut werden. Die Regierung will damit den Energiehunger des Landes stillen. Doch an der Mittelmeerk\u00fcste formiert sich der Protest. Die Anwohner f\u00fcrchten die radioaktive Strahlung.<\/p>\n<p>Von Steffen Wurzel, ARD-H\u00f6rfunkstudio Istanbul<\/p>\n<p>Wer sich anschauen will, wo das erste Atomkraftwerk der T\u00fcrkei genau gebaut werden soll, braucht eine gute Kondition und vor allem gutes Schuhwerk. An einem Stacheldrahtzaun geht es steil den Berg hinauf, quer durch einen Kieferwald \u00fcber Ger\u00f6ll und trockene \u00c4ste. Oben auf dem Berg angekommen ist eine kleine L\u00fccke im Zaun. Wer hier durchschl\u00fcpft, wird mit einem sensationellen Blick auf eine idyllische Mittelmeerbucht belohnt.<\/p>\n<p>T\u00fcrkische Bucht an der Mittelmeerk\u00fcste Gro\u00dfansicht des Bildes [Bildunterschrift: Idyllisch, aber auch erdbebengef\u00e4hrdet: die Bucht beim Dorf B\u00fcy\u00fckeceli ]<\/p>\n<p>Hier soll das Kernkraftwerk Akkuyu gebaut werden. &#8222;Diese Bucht ist ber\u00fchmt f\u00fcr ihren Fischreichtum. Im Juni kommen hier sogar Wasserschildkr\u00f6ten an Land und legen ihre Eier ab. Ein wirklich malerisches Gebiet&#8220;, sagt der 66-j\u00e4hrige Mehmet Ali Y\u0131lmaz aus dem Nachbardorf B\u00fcy\u00fckeceli und blickt voller Sorge auf die Postkartenidylle.<\/p>\n<p>Noch ist von einer AKW-Baustelle in der weitr\u00e4umig abgesperrten Bucht nichts zu sehen. Stattdessen sattgr\u00fcner Nadelwald, der bis ans Meer ragt. &#8222;Wenn sie das Kernkraftwerk tats\u00e4chlich hierhin bauen&#8220;, so Mehmet Ali Y\u0131lmaz, &#8222;wird die ganze Natur zerst\u00f6rt. Und diese sch\u00f6ne Bucht wird es nur noch in unseren Erinnerungen geben.&#8220;<\/p>\n<p>Drohungen gegen den Ministerpr\u00e4sidenten<\/p>\n<p>Unten im Dorf hat sich bereits herumgesprochen, dass ein deutscher Journalist gekommen ist, der sich f\u00fcr das geplante Atomkraftwerk interessiert. Einige Kinder dr\u00e4ngeln sich in Richtung Mikrofon: &#8222;Der Ministerpr\u00e4sident hat gesagt, dass er hier mal vorbeikommen will. Aber bisher traut er sich nicht. Weil er Angst hat vor uns. Er wei\u00df ganz genau, dass wir ihn hier verpr\u00fcgeln w\u00fcrden!&#8220;<\/p>\n<p>Ein \u00e4lterer Herr schiebt die Kinder beiseite. Aber er gibt ihnen recht: Fast alle Dorfbewohner seien gegen die Atompl\u00e4ne der Regierung Erdogan. Nicht nur, weil ein AKW die nahezu unber\u00fchrte Natur in der Gegend zerst\u00f6ren w\u00fcrde, sondern vor allem weil die Landwirtschaft unter einem Kernkraftwerk leiden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&#8222;Drei Provinzen des Landes ern\u00e4hren die ganze T\u00fcrkei: Antalya, Mersin und Adana. Wir befinden uns hier genau in der Mitte. Wenn das Atomkraftwerk gebaut wird, dann werden m\u00f6glicherweise die Gem\u00fcsefelder und die Obstb\u00e4ume verstrahlt. Wie will es Erdo\u011fgn bittesch\u00f6n verantworten, dass das ganze Land dann verstrahltes Obst und Gem\u00fcse essen muss?!&#8220;, erregt sich der Dorfbewohner.<\/p>\n<p>Das t\u00fcrkische Dorf B\u00fcy\u00fckeceli Gro\u00dfansicht des Bildes [Bildunterschrift: Seine Bewohner f\u00fcrchten um ihre landwirtschaftlichen Produkte: das Dorf B\u00fcy\u00fckeceli ]<\/p>\n<p>&#8222;Es hat hier eine kleine Revolution gegeben&#8220;<\/p>\n<p>Im t\u00fcrkischen Parlamentswahlkampf spielt die Atomdebatte bisher keine Rolle. Obwohl sich sp\u00e4testens seit Mitte M\u00e4rz, seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima, mehr und mehr Menschen in der T\u00fcrkei mit dem Thema Kernenergie besch\u00e4ftigen. Vor allem die Bewohner der betroffenen K\u00fcstenregion am Mittelmeer.<\/p>\n<p>Sabahat Aslan vom Anti-Atom-Forum NKP sagt: &#8222;Alle, die sich fr\u00fcher nicht f\u00fcr uns interessiert haben, kommen jetzt in Str\u00f6men zu uns und beteiligen sich an unseren Aktionen. Hier in der Region hat es eine kleine Revolution gegeben im Bezug auf die Haltung der Leute zur Atomenergie. Der Zulauf ist so riesig, dass er mich selbst \u00fcberrascht hat.&#8220;<\/p>\n<p>Arbeitspl\u00e4tze sind kein Argument<\/p>\n<p>Im kleinen Dorf B\u00fcy\u00fckeceli, zwischen Antalya und Mersin, haben die Bewohner so gut wie kein anderes Thema mehr als das geplante Atomkraftwerk. Erdogan wird hier, das ist sicher, bei der Parlamentswahl am 12. Juni nicht besonders viele Stimmen holen.<\/p>\n<p>Das Argument, das Kraftwerk werde bis zu 800 Arbeitspl\u00e4tze in der Region schaffen, l\u00e4sst dieser Dorfbewohner nicht gelten. &#8222;F\u00fcr einfache Arbeiter wie uns g\u00e4be es doch sowieso nichts zu tun. Hier sind Atom-Experten und Hochtechnologie gefordert. Wir w\u00fcrden nicht einmal die Rohre tragen d\u00fcrfen. Das werden Baumaschinen tun&#8220;, sagt der pensionierte Lehrer Mehmet Ali Y\u0131lmaz. Er ist Sprecher der Atomkraftgegner im Dorf und fasst es so zusammen: &#8222;Erdbeben kommen und gehen, Tsunamis kommen und gehen, sogar Erdogan wird eines Tages abgew\u00e4hlt. Aber ein Atomkraftwerk hier w\u00e4re eine Katastrophe f\u00fcr immer.&#8220;<\/p>\n<p>via Widerstand gegen das erste AKW der T\u00fcrkei | tagesschau.de.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgerechnet am Treffpunkt von vier tektonischen Platten soll das erste t\u00fcrkische Kernkraftwerk gebaut werden. Die Regierung will damit den Energiehunger des Landes stillen. Doch an der Mittelmeerk\u00fcste formiert sich der Protest. Die Anwohner f\u00fcrchten die radioaktive Strahlung. 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