{"id":3676,"date":"2011-05-02T15:59:54","date_gmt":"2011-05-02T12:59:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=3676"},"modified":"2023-04-02T12:56:15","modified_gmt":"2023-04-02T09:56:15","slug":"ausbildung-in-deutschland-karriere-in-der-turkei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2011\/05\/02\/ausbildung-in-deutschland-karriere-in-der-turkei\/","title":{"rendered":"Ausbildung in Deutschland, Karriere in der T\u00fcrkei"},"content":{"rendered":"<p>Viele T\u00fcrkischst\u00e4mmige verlassen Deutschland nach dem Studium. Sie tun dies vor allem wegen der Perspektiven und w\u00fcrden gern zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>Sie hatte oft davon getr\u00e4umt, einmal in Istanbul zu leben. Als es soweit war, konnte Rah\u00fckal Turgut einfach nicht Nein sagen. Ein Istanbuler Verlag hatte der Rheinl\u00e4nderin mit t\u00fcrkischen Wurzeln eine Festanstellung als Koordinatorin angeboten: Ein sicherer Job, gutes Geld und ein Leben in ihrer Traumstadt. Das war die willkommene Gelegenheit. Turgut musste nicht lange nachdenken. Zwei Jahre ist ihr Umzug nach Istanbul jetzt her. Heute schw\u00e4rmt die 36-J\u00e4hrige zwar noch immer: &#8222;Ich liebe K\u00f6ln&#8220;, f\u00fcgt dann aber gleich hinzu: &#8222;F\u00fcr mich war es trotzdem die richtige Entscheidung zu gehen&#8220;.<\/p>\n<p>Gehen oder bleiben? So wie Turgut denken zwei Drittel der t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Akademiker in\u00a0Deutschland \u00fcber einen Fortzug nach. Bereits 2008 wurde dies in der Studie <em>T\u00fcrkische Akademiker und Studenten in\u00a0Deutschland <\/em>belegt. Vergangene Woche forderte der Sachverst\u00e4ndigenrat deutscher Stiftungen f\u00fcr Integration und Migration (SVR) attraktivere Perspektiven f\u00fcr Migranten mit Hochschulabschluss in\u00a0Deutschland: &#8222;Der Brain-Drain l\u00e4uft&#8220;, machte Migrationsforscher Klaus Bade deutlich und meinte dabei nicht nur Deutscht\u00fcrken: &#8222;Wir vergraulen die neue Elite der Einwanderungsgesellschaft insgesamt&#8220;.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat Rah\u00fckal Turgut eine ausgezeichnete deutsche Bildungsbiografie: Die geb\u00fcrtige Weselerin hat nach dem Abitur in Paderborn studiert: Anglistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften. Im Anschluss hat sie f\u00fcr eine deutsch-t\u00fcrkische Umweltstiftung gearbeitet sowie als freie Mitarbeiterin f\u00fcr den Westdeutschen Rundfunk. Dass ihre Zukunft einmal in der T\u00fcrkei liegen w\u00fcrde, war da noch nicht vorherzusehen. Doch unterschwellig blieb die Heimat ihrer Eltern bei ihr immer pr\u00e4sent. Ein Teil der Familie war dort geblieben. Als Kind verbrachte sie eine Zeit in der T\u00fcrkei. Eltern und Verwandte erz\u00e4hlten oft Geschichten von fr\u00fcher. Sie sagt: &#8222;Ich fand es immer irgendwie schade, dass ich die T\u00fcrkei und das Leben dort nicht richtig kannte.&#8220;<\/p>\n<p>Doch auch die Aussicht auf Karriere machten ihr die Entscheidung einfacher, zu gehen. Sie habe sich im Verlagswesen schon &#8222;sehr gute Chancen einger\u00e4umt&#8220;, sagt sie. Turgut beherrscht T\u00fcrkisch und Deutsch akzentfrei. Die t\u00fcrkische Wirtschaft w\u00e4chst, und Deutschland ist der gr\u00f6\u00dfte Handelspartner. &#8222;Ist doch klar, dass es da M\u00f6glichkeiten gibt&#8220;, sagt sie.<\/p>\n<p>Mobil, mehrsprachig und sehr gut ausgebildet \u2013 die Abwanderung dieser Elitegruppe treffe Deutschland besonders hart, sagt Kamuran Sezer, Soziologe und Leiter des Instituts Futureorg, das die Studie zur Abwanderung t\u00fcrkischer Migranten durchgef\u00fchrt hat. Er spricht von einem &#8222;intellektuellen Aderlass, der die Lebensqualit\u00e4t in Deutschland insgesamt schm\u00e4lert&#8220;. Die Politik m\u00fcsse unbedingt g\u00fcnstigere Rahmenbedingungen schaffen, damit Akademiker mit Migrationshintergrund im Land gehalten werden k\u00f6nnen. Daf\u00fcr nennt er vor allem den Abbau von &#8222;Arbeitsmarktbarrieren&#8220;. Seinen Studien zufolge br\u00e4uchten deutscht\u00fcrkische Akademiker in Deutschland zurzeit nach ihrem Uni-Abschluss durchschnittlich zwei bis drei Jahre bis zum Einstieg in den Beruf. &#8222;Das sorgt nat\u00fcrlich f\u00fcr Frustration&#8220;, so Sezer.<\/p>\n<p>Doch auch in der T\u00fcrkei ist es f\u00fcr viele Deutscht\u00fcrken nicht immer einfach. Davon kann beispielsweise Jale B\u00fckc\u00fcoglu erz\u00e4hlen. Nach dem Studium in Stuttgart verlie\u00df die heute 38-j\u00e4hrige Diplom-Informatikerin Deutschland, um bei einem gro\u00dfen IT-Unternehmen in Istanbul anzufangen. Nach zweieinhalb Jahren kam sie wieder zur\u00fcck. Das Heimweh hatte sie fr\u00fch gepackt. Auch weil ihr T\u00fcrkisch anfangs nicht perfekt war. Die Worte kamen ihr noch nicht fl\u00fcssig \u00fcber die Lippen. Die Kollegen fanden ihren Akzent &#8222;s\u00fc\u00df&#8220;. Hinzu kamen Arbeitsbedingungen, die der Schw\u00e4bin Schwierigkeiten bereiteten: B\u00fckc\u00fcoglu erz\u00e4hlt von nur 15 Tagen Urlaub im Jahr und dazu schlechten Aufstiegsm\u00f6glichkeiten, bei denen h\u00e4ufig gute Beziehungen statt Qualifikation entscheidend seien.<\/p>\n<p>Auch das Private machte ihr Probleme. Die Nachbarn h\u00e4tten sich &#8222;f\u00fcr jeden Einkauf interessiert, den man macht&#8220;. Und einmal habe sie in einem Krankenhaus &#8222;im Stehen mit Schmerzen darauf warten m\u00fcssen, das irgendein Fax von der Krankenkasse ankommt&#8220;. Heute sagt B\u00fckc\u00fcoglu in weichem schw\u00e4bischen Tonfall: &#8222;Ich liebe Istanbul nach wie vor, aber bei mir hat es sich einfach summiert.&#8220;<\/p>\n<p>Abwandern muss also nicht immer gleich auswandern bedeuten. Darauf verweist auch Soziologe Sezer: &#8222;Es ist ein steuerbares Ph\u00e4nomen und kein abgeschlossener Vorgang&#8220;. Die Politik k\u00f6nne und m\u00fcsse Anreize schaffen, den jungen Akademikern Deutschland schmackhaft zu machen \u2013 und zwar schnellstm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Dass die Stimmung vieler Deutscht\u00fcrken eher auf Abschied steht, hat auch Jale B\u00fckc\u00fcoglu nach ihrer R\u00fcckkehr aus Istanbul\u00a0 erfahren. Von den Reaktionen ihrer deutscht\u00fcrkischen Freunde in Stuttgart war sie \u00fcberrascht. &#8222;Viele konnten es \u00fcberhaupt nicht glauben&#8220;, sagt sie heute nachdenklich. &#8222;Dass ich nach Deutschland zur\u00fcckgekommen bin, fanden sie einfach nur verr\u00fcckt.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele T\u00fcrkischst\u00e4mmige verlassen Deutschland nach dem Studium. Sie tun dies vor allem wegen der Perspektiven und w\u00fcrden gern zur\u00fcckkommen. Sie hatte oft davon getr\u00e4umt, einmal in Istanbul zu leben. Als es soweit war, konnte Rah\u00fckal Turgut einfach nicht Nein sagen. 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