{"id":3594,"date":"2011-04-27T11:22:57","date_gmt":"2011-04-27T08:22:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=3594"},"modified":"2023-04-02T00:32:37","modified_gmt":"2023-04-01T21:32:37","slug":"baha-gungor-ayatollah-baha-bestach-furn-parkplatz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2011\/04\/27\/baha-gungor-ayatollah-baha-bestach-furn-parkplatz\/","title":{"rendered":"Baha G\u00fcng\u00f6r: &#8222;Ayatollah&#8220; Baha bestach f\u00fcr&#8217;n Parkplatz"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Ayatollah&#8220; Baha bestach f\u00fcr&#8217;n Parkplatz<\/h3>\n<p><strong>Im September 1984 wagte ich den Schritt in berufliche  Selbst\u00e4ndigkeit und zog nach Istanbul um. Die Stadt, in der ich 1950  geboren und die ich 1961 verlassen hatte, wurde zu meinem neuen  &#8222;Arbeitsplatz&#8220; im Dienst der WAZ und mehrerer Zeitungen in Deutschland,  \u00d6sterreich und in der Schweiz. Doch ich kam als &#8222;Fremder&#8220; zur\u00fcck und  hatte noch viel zu lernen in der Bosporus-Metropole, die damals noch  unter Kriegsrecht stand. <\/strong><br \/>\n\ufeff\ufeff\ufeff\ufeff\ufeff\ufeff<\/p>\n<div>Als einen der ersten f\u00fchrenden  Journalisten steuerte ich Nezih Demirkent an. Der vor zehn Jahren  verstorbene Herausgeber der Wirtschaftszeitung &#8222;D\u00fcnya&#8220; nahm sich meiner  an und schickte mich als \u00dcbergangsl\u00f6sung bis zum Aufbau eines eigenen  Korrespondentenb\u00fcros zur Nachrichtenagentur T\u00fcrk Haberler Ajansi. Dort  sollte ich als &#8222;Gastjournalist&#8220; aus Almanya den Quellen nahe sein. Die  Redaktionsleitung setzte mich an einen alten Schreibtisch in der  Telefonzentrale. Es war noch eine Telefonzentrale, wie wir sie aus den  Schwarz-Wei\u00df-Filmen kennen. &#8222;Das Fr\u00e4ulein vom Amt&#8220; hatte sechs Leitungen  zu beherrschen &#8211; und vor allem die St\u00f6psel in die richtigen L\u00f6cher  stecken, damit die Anrufer auch mit den richtigen Gespr\u00e4chspartnern  sprechen konnten.<\/div>\n<p><strong>Angst vor dem &#8222;Kuckuck&#8220;<\/strong><br \/>\n\ufeff\ufeff<\/p>\n<div>Vereinbart wurde, dass ich die  Telefon- und Telexleitungen der Agentur benutzen durfte. Die Kosten f\u00fcr  Telex und Telefon nach Essen zur WAZ-Zentrale erstatte ich zum  Monatsende in bar. Doch es ging der Agentur finanziell sehr schlecht.  Aus Angst davor, dass der &#8222;Kuckuck&#8220; zuschl\u00e4gt, nahm ich vor Reisen oder  an Wochenenden meine Schreibmaschine sowie meine wichtigsten B\u00fccher in  einem Koffer mit nach Hause und brachte sie montags wieder mit.<\/div>\n<p><strong>Kollegen wurden zu Serienkillern von M\u00e4usen<\/strong><\/p>\n<p>Ich f\u00fctterte hin und wieder die Tauben mit Sesamkringeln, wenn ich  warten musste, bis eine Telefonleitung zur Verf\u00fcgung stand oder die  Telexleitung frei war. Die Kr\u00fcmel diesseits des Fensters zum Innenhof  fielen auf den Boden oder ich verga\u00df auch schon mal die Sesamkringel auf  dem Tisch. So durfte ich mich auch nicht wundern, wenn mitunter morgens  erst einmal die M\u00e4use vor allem die jungen Kolleginnen kreischend aus  meiner N\u00e4he wegliefen und die jungen Kollegen zu Serienkillern  Istanbuler M\u00e4use wurden.<\/p>\n<table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/1.bp.blogspot.com\/-j_AR9KiwIqU\/TbN18bUpLAI\/AAAAAAAAAKY\/LhexXyH9tKs\/s320\/Scannen0002.jpg\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"320\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong><em>Gespr\u00e4che beim Barbier waren<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em>stets gut f\u00fcr neue Ideen<\/em><\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>\ufeff<br \/>\n<strong>Arbeiten unter Milit\u00e4rzensur<\/strong><\/p>\n<div>Auch Istanbul war damals f\u00fcr  mich ein\u00a0&#8222;Niemandsland&#8220;. Es herrschte noch Kriegsrecht, obwohl seit den  ersten Parlamentswahlen im Anschluss an die dreij\u00e4hrige  Milit\u00e4rherrschaft bereits zehn Monate vergangen waren. Immer wieder  kamen die jungen Kolleginnen und Kollegen mit Informationen zu mir, die  sie wegen der Milit\u00e4rzensur nicht verwerten durften. Ich aber durfte das  und war als &#8222;deutscher Journalist&#8220; im Vorteil.<\/div>\n<div>\ufeff\ufeff<\/div>\n<div><strong>Journalistische Inspiration beim Barbier<\/strong><\/div>\n<div>\ufeff\ufeff<\/div>\n<div>In  den ersten Wochen lernte ich, wo der n\u00e4chste Barbier war, bei dem ich  mich gerne rasieren lie\u00df. Es waren herrliche Gespr\u00e4che &#8211; vor allem \u00fcber  Fu\u00dfball, Politik und Menschen, die den \u00dcbergang von einem geschlossenen  Wirtschaftssystem in ein offenes verkraften mussten. Alles, was verboten  war, der Besitz von Devisen oder ausl\u00e4ndischen Zigaretten zum Beispiel,  war erlaubt. Der t\u00fcrkische Tee schmeckte gut und die sich zu den  Gespr\u00e4chen gesellenden Kunden aus der Umgebung waren interessante  Informationsquellen und inspirierten zu guten Reportagen und Berichten.<\/div>\n<p>\ufeff<\/p>\n<table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/4.bp.blogspot.com\/-vQugwLC5ano\/TbN4dLfY4II\/AAAAAAAAAKg\/b9JImBUidP8\/s320\/Scannen0005.jpg\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"259\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong><em>Beim &#8222;Tavla&#8220;lernte ich <\/em><\/strong><strong><em>&#8222;t\u00fcrkische Verhaltensweisen&#8220; <\/em><\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>\ufeff<strong>Keine Chance als &#8222;Deutscher&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Auch beim Backgammonspiel lernte ich im historischen Presseviertel  Cagaloglu viel dazu. Was sagt man wann? Wie \u00e4rgert und verunsichert man  seinen Gegenspieler? Welche Kraftausdr\u00fccke sind erlaubt und welche  nicht? Beim Essen mit Kollegen und Kolleginnen mittags in einfachen  Restaurants lernte ich so langsam, mich wieder wie ein T\u00fcrke zu  verhalten. Denn mit deutschen Herangehensweisen hatte ich keine Chance.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Ayatollah&#8220; wegen Alkoholverzicht <\/strong><br \/>\n<strong> <\/strong><br \/>\nUnter dem Dach des Geb\u00e4udes des Istanbuler Journalistenverbandes befand  sich ein einfaches Restaurant. Fast jeden Abend habe ich dort gewartet,  bis die Sto\u00dfzeit vorbei und die Stra\u00dfen zu meiner Wohnung in Yesilyurt  etwa 20 Kilometer vom Zentrum entfernt ertr\u00e4glich frei geworden waren.  Doch den Raki habe ich immer wieder abgelehnt, um nicht alkoholisiert  nach Hause fahren zu m\u00fcssen. Ich trank Ayran und a\u00df dazu ger\u00f6stete  Kichererbsen (Leblebi). Mit der Zeit wurde ich von der Kollegengemeinde  immer \u00f6fter als &#8222;Ayatollah&#8220; begr\u00fc\u00dft, wenn ich das Restaurant betrat,  weil ich nichts trank.<br \/>\n\ufeff<\/p>\n<table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/1.bp.blogspot.com\/-nn6BTWCg7lk\/TbN3Sva7QaI\/AAAAAAAAAKc\/2jisXDdY3AM\/s320\/Scannen0003.jpg\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"320\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong><em>Plaudern mit Kollegen vor\u00a0Heimfahrt\u00a0ohne Alkohol<\/em><\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>\ufeff<\/p>\n<div><strong>\u00c4rger mit Verkehrsh\u00fctchen<\/strong><\/div>\n<div>Doch hatte ich ein ganz gro\u00dfes  Problem mit meinem Auto. Immer wenn ich in das belebte Gebiet kam, war  die Parkplatznot enorm. Sehr oft musste ich etwa einen Kilometer weiter  an der Hagia Sophia parken, was vor allem bei schlechtem Wetter oder  Zeitknappheit \u00e4rgerlich war. Vor den Geb\u00e4uden waren an den B\u00fcrgersteigen  unz\u00e4hlige Verkehrsh\u00fctchen, die von den Polizisten bei bestimmten Leuten  mitgenommen wurden, damit diese parken konnten.<\/div>\n<div><strong>Zeitungstrick verhalf zum Parkplatz<\/strong><\/div>\n<div>Eines morgens war mir das zu  dumm geworden, dass bei mir der Polizist nie ein H\u00fctchen zur Seite nahm.  St\u00e4ndig sagte er mir, dass in der Stra\u00dfe das Parken verboten sei. Ich  kam in mein B\u00fcro und fragte in die Runde, warum das so sei.<\/div>\n<div>&#8222;Hast du dem Polizisten etwas Geld gegeben oder angeboten?&#8220; fragte ein Kollege.<\/div>\n<div>&#8222;Nein, so etwas mache ich nicht. Ich will keine Polizisten bestechen!&#8220; sagte ich beharrlich.<\/div>\n<div>&#8222;Du bist einfach zu deutsch, hier bist du in Istanbul. Ohne eine Zuwendung wirst du nie wie wir parken k\u00f6nnen.&#8220;<\/div>\n<div>&#8222;Wie macht man das denn?&#8220;<\/div>\n<div>&#8222;Nun,  du fragst ihn einfach, was er so haben will. Einmal im Monat steckst du  das Geld in einen Umschlag und diesen versteckst du in einer Zeitung.  Wenn du ihm dann sagst, du h\u00e4ttest eine neue Zeitung f\u00fcr ihn, wird er  die Zeitung nehmen und dann hast du auch kein Parkplatzproblem mehr.&#8220;<\/div>\n<div><strong>Jeder Polizist ist anders<\/strong><\/div>\n<div>Da hatte ich wieder etwas dazu  gelernt. Als ich ein paar Monate sp\u00e4ter in mein eigenes B\u00fcro etwa 300  Meter bergab gegen\u00fcber dem Sitz des Provinzgouverneurs zog, wusste ich  schon, wie ich mit dem dort zust\u00e4ndigen Polizisten umgehen musste, um  stets einen Parkplatz zu ergattern. Nur wechselten die Polizisten immer  wieder in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden. Einer wollte die &#8222;Zeitung&#8220;, andere  wiederum Zigaretten, Whisky oder Schuhe.<\/div>\n<div>Nur einer, den ich nie vergessen werde, war ganz ehrlich: &#8222;Ich will von dir kein Geld.&#8220;<\/div>\n<div>&#8222;Wie aber kann ich mich dankbar zeigen?&#8220;<\/div>\n<div>&#8222;Ganz  einfach. Wenn es regnet oder wenn es kalt ist, komme ich einfach in  dein B\u00fcro, lehne meinen R\u00fccken an deine Heizung und du bestellst mir ein  paar Gl\u00e4ser Tee.&#8220;<\/div>\n<div>\ufeff<\/div>\n<table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/4.bp.blogspot.com\/-r91BXPn9gI8\/TbN6MOkkYDI\/AAAAAAAAAKk\/Hcg7VRhHo6M\/s320\/Scannen0001.jpg\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"203\" height=\"320\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong><em>Ich musste meine Geburtsstadt <\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em>neu entdecken und sie studieren<\/em><\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>\ufeff<\/p>\n<div><strong>Europ\u00e4isierung\u00a0verringerte\u00a0Bestechlichkeit<\/strong><\/div>\n<div>In den 90er Jahren hat sich viel  ver\u00e4ndert in der T\u00fcrkei. Die Bestechlichkeit von einfachen  Verkehrspolizisten wurde gezielt bek\u00e4mpft. Inzwischen hatten sie auch  neue Uniformen und verhielten sich immer europ\u00e4ischer. Einmal wurde ich  auf einer Landstra\u00dfe nahe Denizli wegen Geschwindigkeits\u00fcberschreitung  angehalten. Unter einem Baum, dessen Schatten die Hitze etwas  ertr\u00e4glicher machte, wollte ich den beiden Polizisten Geld geben, damit  sie mich schnell weiterfahren lassen und auf ein teureres  Verwarnungsgeld verzichteten: &#8222;Wir wollen in die EU. So was gibt es  nicht mehr.&#8220;<\/div>\n<div>&#8222;Ja, wenn ich aber die Strafe zahle, habe kein Bargeld mehr.&#8220;<\/div>\n<div>&#8222;Lassen Sie einfach die Papiere hier, fahren sie in die n\u00e4chste Stadt mit einem Bankautomaten.&#8220;<\/div>\n<div>&#8222;Wenn ich aber von ihren Kollegen angehalten werde und keine Papiere habe, was dann?&#8220;<\/div>\n<div>&#8222;Dann  sagen sie ihnen, was passiert ist, und sie werden uns schon per Funk  finden und nachfragen. Machen sie sich keine Sorgen.&#8220;<\/div>\n<div>&#8222;Ach, ich habe noch deutsche Mark. Kann ich die Strafe in D-Mark bezahlen?&#8220;<\/div>\n<div>&#8222;Nein, wir wollen t\u00fcrkisches Geld. Da hinten ist eine Tankstelle. Die wechseln bestimmt.&#8220;<\/div>\n<div>Ich hatte keine Chance. Die  Europ\u00e4isierung der T\u00fcrkei hatte enorme Fortschritte gemacht. Zumindest  konnte sich kein Autofahrer mehr wie fr\u00fcher sicher sein, mit ein paar  Kr\u00f6ten Bestechung der Strafe zu entkommen. Das ist auch gut so!<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Quelle: <\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ayatollah&#8220; Baha bestach f\u00fcr&#8217;n Parkplatz Im September 1984 wagte ich den Schritt in berufliche Selbst\u00e4ndigkeit und zog nach Istanbul um. Die Stadt, in der ich 1950 geboren und die ich 1961 verlassen hatte, wurde zu meinem neuen &#8222;Arbeitsplatz&#8220; im Dienst der WAZ und mehrerer Zeitungen in Deutschland, \u00d6sterreich und in der Schweiz. 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