{"id":3352,"date":"2011-03-16T17:28:53","date_gmt":"2011-03-16T15:28:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=3352"},"modified":"2011-03-16T17:29:23","modified_gmt":"2011-03-16T15:29:23","slug":"rezension-islamverherrlichung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2011\/03\/16\/rezension-islamverherrlichung\/","title":{"rendered":"Rezension: Islamverherrlichung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Rezension<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schneiders, Thorsten (Hrsg.), 2010: Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird. <\/strong>401 S. VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften, Wiesbaden, ISBN 978-3-531-16258-4.<\/p>\n<p>\u201eIn den Dialog treten hei\u00dft, eingestehen, dass auch der Andere Recht haben kann\u201c (Hans Georg Gadamer) mit diesem Zitat endet Haci-Halil Uslucan seinen Beitrag innerhalb des umfangreichen Sammelbandes von Gerald Schneiders. Auch in diesem Band liest sich das \u201eWho is Who\u201c der Islam- und Integrations-Gallionsfiguren Deutschlands, wie etwa Katajun Amirpur, Hartmut Bobzin, Kemal Bozay, Rainer Brunner, Rabeya M\u00fcller u.a.<\/p>\n<p>Der gesamte Band ist aufgeteilt in drei gro\u00dfe Kapitel:<\/p>\n<ul>\n<li>Grundlagen des theoretischen Diskurses,<\/li>\n<li>Gegenw\u00e4rtiger Umgang mit dem islamischen Erbe in Europa<\/li>\n<li>Verhalten und Eigendarstellung von Muslimen in Deutschland<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Vierhundertseitenwerk zu rezensieren stellt eine besondere Herausforderung dar, wenn die wissenschaftlich besonders wertvollen Erkenntnisse kurz und knapp dargestellt werden sollen. An dieser Stelle kann lediglich eine Auswahl aus den vielf\u00e4ltigen Erkenntnissen wiedergegeben werden.<\/p>\n<p>Wussten Sie, dass es drei Hauptans\u00e4tze zur Interpretation der fr\u00fchen Quellen zum Islam gibt? <strong>David Kiltz<\/strong> verdeutlicht dies mittels des traditionalistischen, des revisionistischen und des integrativen Ansatzes. (Vgl. S. 19 ff.) In seinem Beitrag \u201eSchatten \u00fcber den Anf\u00e4ngen \u2013 Was sagen fr\u00fche Quellen zum Islam \u00fcber das aus, was wirklich war?\u201c geht er \u2013 vereinfacht ausgedr\u00fcckt \u2013 drei Erkl\u00e4rungsans\u00e4tzen fr\u00fcherer Quellen nach. Hierbei unterscheidet er innerislamische literarische Quellen, au\u00dferislamische literarische Quellen und Realien bzw. Inschriften und bildliche Darstellungen.<\/p>\n<p>Die \u201eTraditionalisten\u201c in der islamischen Welt folgen nach Kiltz im Wesentlichen der innerislamischen \u00dcberlieferung, d.h. der Tradition. Dabei wird diese als weitgehend historisch korrekt angesehen. In der traditionellen westlichen Islamwissenschaft werden nach Kiltz die klassischen islamischen Werke nach kritischer Sichtung ebenfalls als wesentliche Basis f\u00fcr die fr\u00fchislamische Geschichte verwendet. (Vgl. S. 20) Zu den Vertretern der \u201eklassischen Schule\u201c werden bspw. William Montgomery Watt und Rudi Paret gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Im revisionistischen Ansatz werden die islamischen Prophetenbiographien und Erz\u00e4hlungen zu historischen Ereignissen als \u201eheilsgeschichtliche\u201c Konstrukte abgelehnt. John Wansbrough, Patricia Crone und Michael Cook werden\u00a0 hierbei zu den bekannten Vertretern dieser Richtung gez\u00e4hlt. Crone habe sogar versucht, ganz ohne traditionelle islamische Quellen\u00a0 eine Rekonstruktion der fr\u00fchislamischen Geschichte vorzunehmen und sich dabei nur mit au\u00dferislamischen Quellen befasst. (vgl. S. 21). Der vor allem bekannteste Vertreter der revisionistischen Richtung ist der Islamwissenschaftler Muhammad Sven Kalisch, der die Existenz des Propheten \u201eMuhhammad\u201c gem\u00e4\u00df dieser Richtung negiert. Seiner Ansicht nach hat es den Propheten nicht gegeben. (Vgl. S. 21)<\/p>\n<p>Der dritte als \u201eintegrative\u201c Schule bezeichnete Ansatz erachtet die Herkunft des Propheten Muhammed aus Mekka als wahrscheinlich und versucht die verschiedenen Quellen zu harmonisieren. Hierbei soll der Blick \u201evon au\u00dfen\u201c helfen, den Koran nicht als historisch unmittelbar auswertbare Quelle zu sehen, sondern als literarisch-kodierte Aussage \u00fcber seine Zeit und \u00fcber seine Genese. Zu den Vertretern dieses Ansatzes werden u.a. Angelika Neuwirth, Gabriel Said Reynolds, Michael Cuypers etc. gez\u00e4hlt. (Vgl. S. 26)<\/p>\n<p>Im Beitrag von <strong>Felix K\u00f6rner<\/strong> \u201eDer Koran ist mehr als die Aufforderung, anst\u00e4ndig zu sein. Hermeneutische Neuans\u00e4tze zur historisch-kritischen Auslegung in der T\u00fcrkei\u201c werden t\u00fcrkische Theologen und ihre historisch-kritische Schriftauslegung n\u00e4her betrachtet. (Vgl. S. 29 ff.) Er versucht dies am Beispiel der Neuans\u00e4tze von zwei t\u00fcrkischen Wissenschaftlern namens Mehmet Pacaci und \u00d6mer \u00d6zsoy darzustellen. Beide haben beachtliche akademisch-theologische Karrieren. Mehmet Pacaci arbeitet im t\u00fcrkischen Staatsdienst als Religionsattach\u00e9 in Washington D.C. und \u00d6mer \u00d6zsoy als Professor f\u00fcr Islamische Religion an der Universit\u00e4t Frankfurt. K\u00f6rner konstatiert den beiden \u201eein hohes Ma\u00df an historisch-kritischem Denken\u201c: sie ber\u00fccksichtigen u.a.<\/p>\n<ul>\n<li>das Bezogenheitskriterium, d.h. der Koran ist kontextbezogen zu verstehen, auszulegen und zu rekonstruieren;<\/li>\n<li>das Beschr\u00e4nktheitskriterium, d.h. der Koran kann hinsichtlich seiner Botschaft und Formulierung unterschiedlich verstanden werden. Damit ist ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Beschr\u00e4nktheit von Formulierungen zu zeigen.<\/li>\n<li>das Abstands-Kriterium, d.h. Skepsis gegen\u00fcber der Verschriftlichung des Koran dahingehend zu zeigen als dass der Leser den Appell im Koran, die angestrebte Suggestion wie auch den Unterscheid zwischen zeitgen\u00f6ssischem und dem koranischen Arabisch bewusst und mit geschichtlichem Abstand versteht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die kritische Reflexion der Historizit\u00e4t und der Gegenwart in der theologischen Auslegung sei mittels der beiden Wissenschaftler in der t\u00fcrkischen islamischen Theologie nachvollziehbar geworden. (Vgl. S. 43) Dies habe Aussicht auf gro\u00dfen Erfolg f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>In diesem Sinne kann das Zitat von Thomas Morus im Beitrag von \u00d6mer \u00d6zsoy und Serdar G\u00fcnes wiedergegeben werden, wonach die Tradition nicht das Halten der Asche, \u201esondern das Weitergeben der Flamme\u201c (S. 82) der neuen islamisch-theologischen Erkenntnisse ist. Im Sammelband wird deutlich, dass ein geistiger Aufbruch in ein neues Zeitalter im gegenseitigen Austausch der Religionen und Kulturen schon l\u00e4ngst begonnen hat.\u00a0 Denn wie \u00d6zsoy\/G\u00fcnes schreiben, ist das, was uns als fertiges Produkt der islamischen Tradition vorliegt, die gewachsene Interaktion mit dem Abendland. (Vgl. S. 81)<\/p>\n<p>Die \u00dcberschrift des Sammelbandes verweist nach eingehendem Studium der einzelnen Beitr\u00e4ge darauf,\u00a0 dass in diesem Band solche Kritiker zu Worte kommen, die ihren Beitrag f\u00fcr die Weiterentwicklung der islamischen Theologie, Kultur etc. durch wertvolle Kritik leisten. Daher passt die \u00dcberschrift der \u201eIslamfreundlichkeit\u201c und ihre Gegen\u00fcberstellung zum ersten Sammelband \u201eIslamfeindlichkeit\u201c: im ersten Sammelband geht es um die Darstellung teilweise nicht konstruktiver bis hin zu vernichtender Kritik; im zweiten Sammelband um die Darstellung einer eher als wohlwollend zu bezeichnenden Kritik am Islam. Beide Sammelb\u00e4nde verdienen eine exzeptionelle Stellung innerhalb der Wissenschaft.<\/p>\n<p>Askim M\u00fcller-Bozkurt, Kerpen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Rezension Schneiders, Thorsten (Hrsg.), 2010: Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird. 401 S. VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften, Wiesbaden, ISBN 978-3-531-16258-4. \u201eIn den Dialog treten hei\u00dft, eingestehen, dass auch der Andere Recht haben kann\u201c (Hans Georg Gadamer) mit diesem Zitat endet Haci-Halil Uslucan seinen Beitrag innerhalb des umfangreichen Sammelbandes von Gerald Schneiders. 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