{"id":3230,"date":"2011-02-11T10:45:44","date_gmt":"2011-02-11T08:45:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=3230"},"modified":"2023-04-02T12:53:23","modified_gmt":"2023-04-02T09:53:23","slug":"wie-gut-sind-krisen-prognostizierbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2011\/02\/11\/wie-gut-sind-krisen-prognostizierbar\/","title":{"rendered":"Wie gut sind Krisen prognostizierbar?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bifurkation von Systemen<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<h2>Wie gut sind Krisen prognostizierbar?<\/h2>\n<p>Die Antwort vorweg: Krisen sind schon recht gut prognostizierbar, es  kommt jedoch immer auf die Art, Umfang, Qualit\u00e4t und Beobachtungsdauer  der Daten und Informationen an, die betrachtet werden. Und das Wort Krise \u2013 aus dem griechischen stammend \u2013 bedeutet nicht anderes als eine  problematische, mit einem Wendepunkt verkn\u00fcpfte Entscheidungssituation  zu haben. Der Begriff der Bifurkation von Systemen taucht bisher in  politischen, sicherheitspolitischen, sozialen, wirtschaftlichen oder  milit\u00e4rischen Zusammenh\u00e4ngen so gut wie gar nicht in der Literatur auf,  sondern nahezu ausschlie\u00dflich in der Mathematik, der Physik, der  Anatomie, der Biologie und auch in der Geographie. Vereinfacht gesagt  handelt es sich bei einer Bifurkation um eine Zustands\u00e4nderung, eine Teilung, eine Gabelung, oder eine  spontane Ver\u00e4nderung von bisher stabilen oder scheinbar stabilen  Zust\u00e4nden oder Systemen. Vermeintlich \u201e\u00fcberraschende\u201c oder \u201eunerwartete\u201c  politische System\u00e4nderungen sind Bifurkationen, die den meisten F\u00e4llen  absehbar und prognostizierbar sind.<\/p>\n<p><strong>Tunesien und \u00c4gypten \u2013 \u00fcberraschend?<\/strong><\/p>\n<p>Als die Unruhen in Tunesien ausbrachen, als in \u00c4gypten im Ende Januar  2011 das Volk durch Demonstrationen nach Demokratie, nach Freiheit  rief, hie\u00df es von vielen Seiten der Politik im In- und Ausland: \u201eDas hat  uns \u00fcberrascht!\u201c Dass die meisten Medien f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht immer  unbedingt \u00fcber analytischen Tiefgang verf\u00fcgen und eher sehr vereinfacht  eben solche \u00c4u\u00dferungen aus der Politik ungefiltert wiedergeben, sei mit  Nachsicht zur Kenntnis genommen. Es geht in den meisten Medien um  Auflagen und Umsatz, und nicht prim\u00e4r um Analysen.<\/p>\n<p>Haben also die Entwicklungen in Tunesien und \u00c4gypten \u201ealle\u201c  \u00fcberrascht? Die Antwort lautet ganz klar: Nein.\u00a0 Sp\u00e4testens ungef\u00e4hr  Mitte Dezember 2010 waren f\u00fcr \u00c4gypten die Warnsignale deutlich auf rot.  Mittlerweile sind Anfragen in US-Gremien anh\u00e4ngig, wieso beispielsweise  die Central Intelligence Agency (CIA) nicht rechtzeitig gewarnt habe. Hat sie, so ist politischen Statements  aus den USA zu vernehmen. Die gleiche Frage w\u00e4re berechtigterweise auch  in Deutschland zu stellen: Keiner hat gewarnt \u2013 oder hat keiner  hingeh\u00f6rt? Die Bifurkation in \u00c4gypten war und ist nicht \u00fcberraschend.  Andere L\u00e4nder werden folgen.<\/p>\n<p><strong>Indikatoren<\/strong><\/p>\n<p>Langfristindikatoren und Daten verschiedenster Art, wie  beispielsweise zum Gesundheitswesen, Arbeitslosigkeit, Entwicklung der  Kriminalit\u00e4t, Preise von Rohstoffen und Lebensmitteln, Finanzdaten und  auch \u00c4nderungen im Bruttoinlandsprodukt, um nur einige zu nennen, geben  schon Jahre im voraus Indikationen, dass eine Bifurkation eintreten  kann. Dies kann nicht nur f\u00fcr einen ganzen Staat \u2013 gleich in welcher  Rechtsform \u2013 indiziert und damit prognostiziert werden, sondern  heruntergebrochen werden bis auf einzelne Bundesstaaten, Regionen,  St\u00e4dte oder Stadtteile. Im Wesentlichen kommt es dabei auf eine  effiziente Datenaggregation an, um zugleich aus dem vorhandenen und  st\u00e4ndig, m\u00f6glichst kontinuierlich zu erweiternden Datenbestand  Korrelationen mit scheinbar nicht zusammenh\u00e4ngenden Daten und Zeitreihen  herbeizuf\u00fchren und diese zu analysieren.<\/p>\n<p>Es ist insbesondere zu Beginn von Trends bzw. Korrelationen  selbstverst\u00e4ndlich nicht sofort erkennbar, ob es sich um unwesentliche,  zu vernachl\u00e4ssigende Entwicklungen und Trends handelt, oder im Laufe des  Beobachtungszeitraumes die Datenaggregation auf einen Megatrend, wenn nicht sogar auf einen Gigatrend hindeutet, der zum Ende des jeweiligen Trends in einer Bifurkation,  also in einen Zusammenbruch oder zumindest einer Teilung eines Systems  f\u00fchrt. Schon diese kurzen Ausf\u00fchrungen machen deutlich: Kontinuierliche  Trendanalysen vielf\u00e4ltigster Art sind unabdingbar, rechtzeitig  Entscheidungen treffen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bei genauerer Betrachtungsweise des Verhaltens von politischen System  oder Wirtschaftssystemen wird dem Analytiker relativ schnell deutlich,  dass es sich hier um sogenannte nicht-lineare, multidimensionale, kybernetische, dynamische Systeme handelt, deren Verhalten in der Mathematik und in der Physik beispielsweise auch in der Chaos-Theorie, also der Theorie komplexer Systeme, beschrieben wird.<\/p>\n<p><strong>Geht es auch einfacher?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den durchschnittlichen Staatsb\u00fcrger dr\u00e4ngt sich hierbei die Frage  auf: Geht das nicht alles ein wenig einfacher? Muss ich das alles  verstehen? Doch, es geht einfacher und man muss auch nicht alles \u00fcber  die Hintergr\u00fcnde verstehen. Ein gewisses Grundverst\u00e4ndnis f\u00fcr das  Verhalten von Systemen sollte allerdings bei hohen und h\u00f6chsten  politischen Staatslenkern oder Wirtschaftsf\u00fchrern zumindest in  Grundz\u00fcgen vorhanden sein, um auf regionale, nationale oder  internationale Trends und Entwicklungen rechtzeitig reagieren zu k\u00f6nnen,  damit es nicht irgendwann doch hei\u00dft: <em>\u201eDas hat uns aber alle \u00fcberrascht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch schadet es dem oder der \u00fcblichen Durchschnittspolitiker(In) im  Parlament und in den Landtagen nicht, sich mit dem Verhalten von solchen  komplexen Systemen mit sowohl wirtschaftlichen, sozialen und  politischen Sekund\u00e4r- und Terti\u00e4rwirkung grunds\u00e4tzlich  auseinanderzusetzen. Die anvertrauten B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen haben einen  politischen Anspruch darauf, dass die bestm\u00f6glichen Entscheidungen  getroffen werden \u2013 rechtzeitig, sinnbringend und vor allem nicht  populistisch.<\/p>\n<p>Es stehen so einige m\u00f6gliche Bifurkationen in Deutschland, in Europa  als auch weltweit in den kommenden Monaten und Jahren \u201evor der T\u00fcre\u201c. Es  bedarf schon gewisser Fertigkeiten und Weitsicht damit umzugehen, ohne  dass das Chaos nach Eintritt der Bifurkation v\u00f6llig unbeherrschbar wird.  Ansonsten drohen \u00fcber Jahre Aufst\u00e4nde, Unruhen, B\u00fcrgerkriege,  kriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde oder Kriege.<\/p>\n<p>F\u00fcr Wirtschaftsf\u00fchrer gleich welcher Branche ist das Grundverst\u00e4ndnis  um die Bifurkation \u00fcberlebenswichtig. Viele Unternehmen \u2013 sowohl aus  dem Mittelstand als auch Gro\u00dfunternehmen \u2013 existieren heute nicht mehr,  weil sie sich nicht rechtzeitig damit auseinandergesetzt, nicht  rechtzeitig und m\u00f6glichst vollumf\u00e4nglich Trends analysiert haben, um  daraus weitgreifende, zukunftsweisende Entscheidungen abzuleiten. Das  Ende ist auch hier eine Bifurkation. Der Name der Bifurkation: Entweder  Schlie\u00dfung oder Konkurs. Hier sind dann zwar unter Umst\u00e4nden auch  Hunderte oder Tausende betroffen, was sehr bedauerlich ist, jedoch eher  selten eine ganze Region oder ein ganzes Staatswesen.<\/p>\n<p><strong>Beispiele von Bifurkationen<\/strong><\/p>\n<p>Bifurkationen gab es in tausenden von Jahren schon viele. Viele davon  endeten im v\u00f6lligen Chaos. Menschen entzogen sich durch Suizid, andere  starben durch Genozid und weitere Auswirkungen von Kriegen taten das  \u00dcbrige dazu. Verm\u00f6gen nicht nur in Milliardenh\u00f6he, sondern in  Billionenh\u00f6he wurde vernichtet. Ganze Staaten verschwanden oder  schlossen sich zu einem neuen System zusammen. Gro\u00dfreiche wie  beispielsweise die Ausdehnung der Hunnen, das R\u00f6mische Reich, das  Osmanische Reich, das \u201eGro\u00dfdeutsche Reich\u201c, die Sowjetunion, \u201eThe  British Empire\u201c, Kolonialstaaten wie zum Beispiel Spanien oder Portugal  verschwanden beziehungsweise reduzierten sich auf eine geringere  Staatsfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Nicht immer alles verlief in einem Chaos und nicht alles innerhalb  weniger Tage. Manches zog sich \u00fcber Jahre oder Jahrzehnte hin. Viele  Ver\u00e4nderungen waren daher auch nicht \u00fcberraschend, sondern die Trends  waren schon \u00fcber Monate und Jahre im voraus erkennbar. Dennoch: Haben es  alle Zeitgenossen der jeweiligen Zeit immer erkannt?<\/p>\n<p><strong>DotCom-Blase<\/strong><\/p>\n<p>Zu den einfachen Beispielen von sich abzeichnenden Bifurkationen und  damit vorausgehenden Trends geh\u00f6rt zum Beispiel die sogenannte  \u201eB\u00f6rsenblase\u201c bzw. \u201eDotCom-Blase\u201c, die im Jahr 2000 geplatzt ist.  W\u00e4hrend die Medien nahezu alle noch in Jubelstimmung waren und jeder  Anleger beim Kauf einer Telekom-Aktie oder irgendeiner Neuemission sich  als Finanzgenie betrachtete, waren hier und dort \u2013 verst\u00e4ndlicherweise  sehr leise und bedachtet \u2013 andere Marktteilnehmer am Werke, denen durch  sorgf\u00e4ltige Trendbeobachtung schon l\u00e4nger klar war: Das geht nicht gut,  das geht nicht so weiter. Das Ergebnis der \u201eDotCom-Blase\u201c ist allgemein  bekannt: \u201eV\u00f6llig \u00fcberraschend.\u201c Eher weniger bekannt ist: Beim Platzen  der Blase und der danach folgenden mehrj\u00e4hrigen Talfahrt wurden auch  Milliarden verdient. Nun, so wird man sich fragen, wieso hat kaum jemand  gewarnt vor dem Platzen, vor dem Ende dieses unschwer erkennbaren,  langj\u00e4hrigen Trends bis zum Eintritt dieser speziellen Bifurkation? Die  Antwort hierauf ist recht einfach. Sie lautet rein kriminalistisch  formuliert: <em>\u201eCui bono?\u201c<\/em> Die Antwort darauf muss sich jeder selbst geben. Und: Einige wenige haben auch gewarnt. Es hat nur niemand hingeh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Wiedervereinigung Deutschlands<\/strong><\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel \u2013 hier aus dem Bereich des Staatswesens: Alle  waren v\u00f6llig \u00fcberrascht, als 1989 durch eine friedliche Revolution die  damalige DDR \u201ezusammenbrach\u201c und die Grenzen zur Bundesrepublik  Deutschland friedfertig ge\u00f6ffnet wurden. Insbesondere die amtierenden  Politiker in Regierung und Opposition in Bonn waren auf dem falschen Fu\u00df  erwischt worden \u2013 diesmal im positiven Sinne. Hat niemand die sozialen  Entwicklungen in der DDR im Vorfeld als Trend registriert? Hat niemand  die Zunahme der Opposition in der DDR registriert? Hat niemand den  Anstieg der Reisen in die sogenannten Bruderl\u00e4nder registriert \u2013  speziell nach Ungarn? Alles waren mehr oder weniger offene  Informationen.<\/p>\n<p>Man muss den Trend nur wahrnehmen, analysieren und die  Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmter Ver\u00e4nderungen (Bifurkation)  kontinuierlich betrachten. Es ist m\u00fc\u00dfig im Nachhinein dar\u00fcber zu  reflektieren, wer hier seine Hausaufgaben nicht gemacht und die damalige  Bundesregierung nicht entsprechend und fr\u00fchzeitig ins Bild gesetzt hat.  Da es sich bei der damaligen DDR um de facto eine  \u201eAuslandsangelegenheit\u201c handelte, w\u00e4ren hier entweder der Bundesnachrichtendienst (BND) und\/oder das Ausw\u00e4rtige Amt (AA) in der Pflicht gewesen die Trends zu beobachten, strukturiert in  Zeitreihenform zu analysieren und Eintrittswahrscheinlichkeiten  dynamisch zu bewerten. Ein Chaos im Sinne einer gewaltt\u00e4tigen  Ver\u00e4nderung oder durch Unruhen oder durch b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde  ist bei diesem Vorgang nicht eingetreten, auch wenn die spontane  Entwicklung f\u00fcr die meisten B\u00fcrger sicherlich doch \u00fcberraschend war.<\/p>\n<p><strong>Finanzmarktcrash 2008<\/strong><\/p>\n<p>Eine besonders bemerkenswerte Bifurkation stellt dieses Beispiel dar.  Allein die Bezeichnung dieser Bifurkation ist schon falsch  beziehungsweise irref\u00fchrend, auch wenn diese Bezeichnung Millionen mal  in nationalen und internationalen Medien verwendet wurde. Es spielt auch  keine Rolle, wenn statt der Zahl 2008 abwechselnd die Zahl 2009 genannt  wird, denn die Bezeichnung ist genau so falsch, und \u00e4ndert an der  bemerkenswerten Trendentwicklung dieser Bifurkation jedoch auch nichts.  Denn es handelt sich hier um einen Crah auf Raten. Das interessante an  dieser Bifurkation ist: Wir sind noch mittendrin. Will hei\u00dfen: Wir sind  noch nicht durch \u2013 in Deutschland, in Europa, weltweit. Wir haben es bei  dieser Bifurkation also auch nicht mit einen Stichtag oder Stichmonat  oder Stichjahr zu tun, sondern es ist etwas Gr\u00f6\u00dferes. Wie lange es noch  dauern wird und welche Konsequenzen allumf\u00e4nglich und weltweit daraus  noch resultieren werden, wird \u2013 und ich glaube \u2013 m\u00f6chte auch niemand so  ganz genau \u00f6ffentlich sagen.<\/p>\n<p>Der Hintergrund zu diesem Finanzmarktcrash ist wie folgt sehr  vereinfachend beschrieben: Von einigen wenigen internationalen  Finanzmarktteilnehmern wurden hochkomplexe Finanzmarktprodukte  entwickelt. Dabei wurden vereinfacht dargestellt Verbindlichkeiten, also  Schulden, aus allen nur vorstellbaren Bereichen, wie zum Beispiel  Immobilienfinanzierungen, Kreditkartenkredite, KfZ-Finanzierungen und  vieles mehr so geb\u00fcndelt, das daraus wiederum neue Finanzmarktprodukte  entstanden. Diese wurden wiederum weiterverkauft an andere Banken,  Versicherungen, Anleger sowie zur Rentenvorsorge. Das Konstrukt war bzw.  ist so komplex, dass selbst diverse beteiligte Banken nicht mehr  durchgeblickt haben, wie die genauen Sachverhalte eigentlich aussehen.<\/p>\n<p>\u00dcber diese Sachverhalte wurden mittlerweile ganze B\u00fccher verfasst und  Untersuchungsberichte erstellt. Diverse Strafanzeigen gegen Banken,  Makler, Vermittler und ehemalige Bankenvorst\u00e4nde laufen immer noch.  Hunderte von Banken speziell in den USA sind mittlerweile \u201ebancarotta\u201c,  in Deutschland und Europa haben sich einige Banken unter sogenannte  \u201estaatliche Schutzschirme\u201c gefl\u00fcchtet. Es bleibt zu beobachten, was mit  den nationalen und internationalen Versicherungsgesellschaften zuk\u00fcnftig  werden wird. Der Hintergrund ist, dass f\u00fcr den Fall, dass eine solche  Rettung nicht erfolgt w\u00e4re, es gewisse \u201esystemische Probleme\u201c gegeben  h\u00e4tte oder geben w\u00fcrde. Mit dieser v\u00f6llig diffusen (politischen)  Formulierung d\u00fcrften die Meisten so gut wie nichts anfangen k\u00f6nnen.  Vielleicht ist das auch ganz gut so. Daher nur als Kurzerkl\u00e4rung:  Stellen Sie sich das Schlimmste vor, was passieren k\u00f6nnte \u2013 dann liegen  Sie einigerma\u00dfen richtig.<\/p>\n<p>Die Auswirkung auf die internationalen Volkswirtschaften aller L\u00e4nder  ist mittlerweile allgemein bekannt und seit 2008 im Fokus der Medien.  Der bisherige Schaden und die Auswirkungen liegt weltweit irgendwo im  zweistelligen Billionenbereich (amerikanisch: \u201eTrillions\u201c). Auch wenn  diese noch \u201eaktive\u201c Bifurkation, deren weiterer Verlauf allenfalls  spekulativ abgesch\u00e4tzt werden kann, inhaltlich sehr interessant sein  mag, so ist ein viel interessanter Punkt folgender: Durch eine saubere,  ungef\u00e4rbte und emotionslose Trendanalyse diverser Zeitreihen \u00fcber  zwanzig bis drei\u00dfig Jahre und daraus abzuleitenden Entscheidungen h\u00e4tte  es nicht so weit kommen m\u00fcssen, dass wir heute mitten in einer solchen  Bifurkation sind und das Ende noch nicht absehbar ist.<\/p>\n<p><strong>Trends, Bifurkation und die Kanzlerrunde<\/strong><\/p>\n<p>Untersuchungsberichte und Medienberichte belegen: Was 2008 \/ 2009 die  \u201egesamte Politik\u201c nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Staaten  in Europa sowie die USA angeblich \u201ev\u00f6llig \u00fcberrascht\u201c hat, war als  zunehmend aufwachsendes Problem in hohen und h\u00f6chsten Gespr\u00e4chskreisen  l\u00e4ngst bekannt und erzeugte sicherlich auch eine gewisse Betroffenheit.  Diese Betroffenheit wurde allerdings durch \u201estilles Aussitzen\u201c des  Problems zum Ausdruck gebracht. Neuere amerikanische  Untersuchungsberichte zur Finanzkrise belegen, dass in internationalen  Finanzkreisen die Risiken seit ungef\u00e4hr 1998\/99 bekannt waren. Und wer  hat diesen Trend, dieses Risiko \u00f6ffentlich angsprochen? Wer hat etwas  unternommen? Niemand.<\/p>\n<p>In Fr\u00fchjahr 2003 gab es eine h\u00f6chst vertrauliche Kanzlerrunde im  Bundeskanzleramt. Eigentlich war es eher so etwas wie die Beichte der  deutschen Finanzwirtschaft: <em>\u201eWir haben ein gewisses Problem mit einigen Banken. Und dieses Problem sieht wirklich nicht gut aus.\u201c<\/em> Was die Top-Vertreter der deutschen Finanzwirtschaft aufgrund eigener,  langfristiger Zahlen- und Trendanalysen festgestellt hatten war: Es ist  auf absehbare Zeit wahrscheinlich, dass einige Banken \u201ebancarotta\u201c anmelden m\u00fcssen, falls die Bundesregierung nicht in geeigneter Form die  Hand dar\u00fcber h\u00e4lt. Der englische Begriff \u201ebad banks\u201c machte die Runde  im Kanzleramt \u2013 klingt ja auch irgendwie vornehmer als das italienische  \u201ebancarotta\u201c.<\/p>\n<p>Wenn schon jemand beichtet \u2013 hier also die Top-Vertreter der  deutschen Finanzwirtschaft, dann muss es auf der anderen Seite im  Bundeskanzleramt 2003 ja auch so etwas wie \u201eBeichtv\u00e4ter\u201c gegeben haben.  Hat es auch: Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der (SPD), Vizekanzler und  Au\u00dfenminister Joschka Fischer (B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN) und  Bundesfinanzminister Hans Eichel. Doch die Beichtv\u00e4ter wollten 2003 von  \u201ebad banks\u201c nichts h\u00f6ren \u2013 das war politisch nicht opportun, das h\u00e4tte  keine W\u00e4hlerstimmen gebracht.<\/p>\n<p>Und nur wenige Jahre sp\u00e4ter, im Jahr 2011, wo das Scherbengericht  wegen nicht erfolgter Trendanalyse zu diesem brisanten Finanzmarktthema \u2013  es geht immerhin um die Instabilit\u00e4t eines ganzen Staatswesens \u2013 immer  mehr an die \u00d6ffentlichkeit gelangt, da meldet sich Gerhard Schr\u00f6der in  den Medien wieder zu Wort und fordert \u201edie CDU m\u00f6ge sich doch bitte um  die Finanzkrise k\u00fcmmern\u201c. Das Wort Chuzpe scheint Schr\u00f6der vermutlich v\u00f6llig fremd zu sein. Schr\u00f6der als  Bundeskanzler sowie die Bundesminister haben einen Eid vor den  Mitgliedern des Bundestages geleistet:<\/p>\n<p><em>\u201eIch schw\u00f6re, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes  widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz  und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten  gewissenhaft erf\u00fcllen und Gerechtigkeit gegen jedermann \u00fcben werde. So  wahr mir Gott helfe.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Schr\u00f6der und andere haben Ihren Eid offensichtlich gebrochen. Ist das  jetzt Hochverrat? Ist das Landesverrat? Es gibt Staaten, da steht auf  Hochverrat die Todesstrafe. Wird das brisante Finanzmarktthema auch auf  Bundesebene eventuell von Strafverfolgungsbeh\u00f6rden noch aufgegriffen  oder eher \u201eunter Genossen\u201c unter der Hand geregelt? Waschen sich alle  die H\u00e4nde in Unschuld bei dem erkannten kritischen Trend nicht  rechtzeitig gehandelt zu haben?<\/p>\n<p>Wieso hat die Bundesbank nicht fr\u00fchzeitig eingegriffen in diese sich  abzeichnende Bifurkation? Wenn die Bundesbank nicht Bescheid wusste \u2013  wer dann? Wieso haben alle, ausnahmslos alle im Bundestag vertretenen  Parteien seit 2003 nichts unternommen, dieser extrem kritischen  Bifurkation entgegenzuwirken? Wieso haben alle Parteien erst ab 2008 \/  2009 diesen Trend \u201emit gro\u00dfer \u00dcberraschung\u201c wahrgenommen? Hat \u00fcberhaupt  jemand diesen Trend in politisch verantwortlicher Position verfolgt?  Wer? Der m\u00f6ge \u201ehier\u201c rufen.<\/p>\n<p>Die Aufz\u00e4hlungen m\u00f6gen als Beispiele gen\u00fcgen f\u00fcr die Bifurkation von  Systemen. Dies l\u00e4sst sich auf jede Art von beliebigen Datenreihen  \u00fcbertragen. Die Frage \u201eWie gut sind Krisen prognostizierbar?\u201c l\u00e4sst sich  dahingehend beantworten, dass einerseits die Qualit\u00e4t von Informationen  und Daten sowie die Fr\u00fchzeitigkeit eine wichtige Rolle spielen  verbunden mit der Art der darauf aufbauenden Zeitreihenanalyse.<\/p>\n<p>In einem Wirtschaftsunternehmen ist die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung daf\u00fcr  verantwortlich, wer Trendanalysen letztendlich durchf\u00fchrt. In einem  Staat wie Deutschland verantwortet es der Bundeskanzler oder die  Bundeskanzlerin. Ob diese Analysen nun unmittelbar im Bundeskanzleramt  erstellt werden, im Wirtschaftsministerium, im Finanzministerium, bei  der Bundesbank, beim Bundesnachrichtendienst, bei der Bundeswehr oder  irgendwo anders, ist grunds\u00e4tzlich v\u00f6llig egal und lediglich von Art und  Auftrag abh\u00e4ngig. Im Bedarfsfall werden Einzelanalysen sowie Daten und  Zeitreihen zu einem Ganzen zusammengef\u00fchrt. Man erh\u00e4lt ein vollst\u00e4ndiges  Lagebild \u2013 emotionsfrei. Angemessenes, m\u00f6glichst fr\u00fchzeitiges Handeln  muss der dann folgende Schritt sein. Sonst nutzt die ganze  Prognostizierbarkeit einer Bifurkation nichts, sondern tritt unter  Umst\u00e4nden mit voller Wucht und ungebremst ein.<\/p>\n<p>\u00a9 Ralf R. Zielonka<br \/>\nBonn, 09. Februar 2011<\/p>\n<p>Quelle: <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bifurkation von Systemen Wie gut sind Krisen prognostizierbar? Die Antwort vorweg: Krisen sind schon recht gut prognostizierbar, es kommt jedoch immer auf die Art, Umfang, Qualit\u00e4t und Beobachtungsdauer der Daten und Informationen an, die betrachtet werden. 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