{"id":2887,"date":"2010-12-08T10:25:35","date_gmt":"2010-12-08T08:25:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=2887"},"modified":"2023-04-02T12:53:22","modified_gmt":"2023-04-02T09:53:22","slug":"judisch-christliche-kultur-auf-den-spuren-eines-begriffs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/12\/08\/judisch-christliche-kultur-auf-den-spuren-eines-begriffs\/","title":{"rendered":"\u00bbJ\u00fcdisch-christliche Kultur\u00ab \u2013 auf den Spuren eines Begriffs"},"content":{"rendered":"<p>Von Andreas Unger 08.12.2010<\/p>\n<p><strong>Europas Wurzeln<br \/>\n\u00bbJ\u00fcdisch-christliche Kultur\u00ab \u2013 auf den Spuren eines Begriffs<\/strong><br \/>\nJede zweite Kritik an Christian Wulffs Aussage \u00bbDer Islam geh\u00f6rt zu Deutschland\u00ab hat sich auf die \u00bbj\u00fcdisch-christliche Tradition\u00ab bzw. \u00bbKultur\u00ab Deutschlands berufen. Die CDU hat gerade beschlossen, dass Zuwanderer sich an unsere \u00bbLeitkultur\u00ab zu halten haben, welche insbesondere gepr\u00e4gt sei durch \u00bbj\u00fcdisch-christliche Tradition\u00ab.<\/p>\n<p>Der Begriff ist vieldeutig.<br \/>\nZum einen bezeichnet er Offensichtliches, n\u00e4mlich, dass das Neue Testament auf der j\u00fcdischen Religion fu\u00dft. \u00bbJesus war schlie\u00dflich kein Wikinger\u00ab, sagt Umberto Eco dazu. Im religi\u00f6sen Bereich taucht dieser Begriff daher seit langem auf. Davon zeugen die vielen \u00bbj\u00fcdisch-christlichen Dialoge\u00ab oder, mehr auf das konkrete Zusammenleben bezogen, die zahlreichen \u00bbGesellschaften f\u00fcr j\u00fcdisch-christliche Zusammenarbeit\u00ab.<br \/>\nIn den Geisteswissenschaften erh\u00e4lt der Begriff eine erweiterte Bedeutung. So versucht J\u00fcrgen Habermas, \u00bbgriechische Metaphysik\u00ab, \u00bbj\u00fcdische Gerechtigkeits- und. christliche Liebesethik\u00ab als immer wieder neu angeeignete Wurzeln von Konzepten der s\u00e4kularisierten Moderne auszumachen. Dabei verwendet er vereinzelt auch den Begriff \u00bbj\u00fcdisch-christlich\u00ab. Er kann aber auch gebraucht werden um auszudr\u00fccken, dass die europ\u00e4ische Geschichte von Pers\u00f6nlichkeiten j\u00fcdischer Herkunft, von Maimonides \u00fcber Spinoza, die Mendelssohns, Heine und Marx bis hin zu Einstein, mitgepr\u00e4gt worden ist.<br \/>\nNicht zu vergessen ist dabei allerdings, dass viele von ihnen der j\u00fcdischen Religion durchaus kritisch gegen\u00fcberstanden. (Im \u00fcbrigen stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob unsere Kultur und damit unser Denken seit Jahrhunderten nicht vielleicht mehr noch von ganz anderen Entwicklungen beeinflusst ist als denen, die sich in religi\u00f6sen Begriffen fassen lassen: von der Aufkl\u00e4rung und S\u00e4kularisierung, von den Naturwissenschaften und der Technik, ja schlie\u00dflich, wenn man so will, vom Kapitalismus und den Denk- und Verhaltensmustern, die mit ihm einhergehen.)<br \/>\nSollte nun aber drittens mit \u00bbj\u00fcdisch-christlich\u00ab eine Tradition des fruchtbaren oder zumindest ertr\u00e4glichen Zusammenlebens von Christen und Juden suggeriert werden, so ist der Begriff schlichtweg falsch. Bekannterma\u00dfen war in der Geschichte im allgemeinen das Gegenteil der Fall. Aus diesem Grunde lehnen ihn auch so verschiedenartige j\u00fcdische Pers\u00f6nlichkeiten wie Avi Primor, der ehemalige Botschafter Israels, und Henryk M. Broder kategorisch ab.<br \/>\nEin zweifelhafter Begriff also: Wieso kann er eine solche Konjunktur erleben?<br \/>\nIm \u00f6ffentlichen Raum tauchte er offenbar zuerst in den USA auf, wo er anfangs noch im theologischen Sinn und dann in Abwehr antisemitischer Tendenzen gebraucht wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete er dann das B\u00fcndel von Tugenden, das die USA<br \/>\nseit den puritanischen Pilgerv\u00e4tern gro\u00df gemacht habe. In diesem Sinn wird er von konservativen Politikern seit Eisenhower gebraucht. In einer Rede vor der Nationalen Vereinigung der evangelikalen Kirchen wendet Ronald Reagan sich 1983 zuerst im Namen der \u00bbj\u00fcdisch-christlichen Tradition\u00ab gegen Tendenzen zur S\u00e4kularisierung, die sich in Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung, Abtreibung und Drogenmissbrauch \u00e4u\u00dfern, bevor er dann<br \/>\nauf derselben Grundlage die \u00bbmarxistisch-leninistische\u00ab Sowjetunion als \u00bbReich des B\u00f6sen\u00ab kennzeichnet.<br \/>\n10 Jahre sp\u00e4ter ist der Feind ein anderer. In seinem ber\u00fchmten Aufsatz von 1993 zitiert Samuel P. Huntington den Orientalisten Bernard Lewis \u00bb&#8230; This is no less than a clash of civilisations \u2013 the perhaps irrational but surely historic reaction of an ancient rival (gemeint ist der Islam) against our Judeo-Christian heritage, our secular present, and the world-wide expansion of both\u00ab, womit gleichzeitig ein anderes Schlagwort und Denkmodell, n\u00e4mlich der \u00bbKampf der Kulturen\u00ab erfunden war.<br \/>\nIm Zusammenhang damit, vermutlich bef\u00f6rdert durch den 11. September 2001 und den folgenden \u00bbKrieg gegen den Terror\u00ab mit Israel als \u00bbSpeerspitze\u00ab, breitet sich \u00bbj\u00fcdisch-christlich\u00ab nun auch in Europa im politischen Diskurs aus. Der Zeitpunkt ist deshalb bemerkenswert, weil so eine g\u00e4ngige Vermutung widerlegt wird, die Verwendung des Begriffs im \u00f6ffentlichen Raum habe in der Nachkriegszeit begonnen \u2013 als Reaktion auf den Holocaust.<br \/>\nNein, damals, also auch bei der Gr\u00fcndung der EWG als Vorl\u00e4uferin der EU, war in der BRD das \u00bbchristliche Abendland\u00ab in Mode, mit dem man sich sowohl von den Nazis als auch den Sowjets absetzen konnte. 2003 spricht sich die konservative Fraktion im Europaparlament unter Berufung auf die j\u00fcdisch-christliche Kultur\u00ab Europas gegen das Beitrittsgesuch der T\u00fcrkei aus. Gleichzeitig m\u00f6chte sie die \u00bbj\u00fcdisch-christlichen Wurzeln\u00ab in der Pr\u00e4ambel des EU-Verfassungsvertrags verankert sehen, eine Forderung, der sich auch Angela Merkel immer wieder anschlie\u00dft. Zur selben Zeit bem\u00fchte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der neben anderen Fundamenten der deutschen Kultur auch die \u00bbchristlich-j\u00fcdische Religion\u00ab, um seine Ablehnung des Tragens von Kopft\u00fcchern im Staatsdienst zu begr\u00fcnden.<br \/>\nNimmt man zu diesen Stellungnahmen nun die anfangs erw\u00e4hnten \u00c4u\u00dferungen der Wulff-Krititiker und den Leitantrag der CDU hinzu, so wird unschwer erkennbar was der Sinn der Verwendung des Begriffs \u00bbj\u00fcdisch-christlich\u00ab ist: nichts anderes als der Ausschluss des Islam und all dessen, was mit ihm verbunden wird, aus dem Bereich des Zusammenlebens<br \/>\nund der Gemeinsamkeit.<br \/>\nAuf die aktuelle Situation bezogen, ist deshalb den Kritikern von Christian Wulff einiges entgegengehalten worden. Wie aber steht es um die Vergangenheit? Gibt es dort eine Gemeinsamkeit mit dem Islam? Anders ausgedr\u00fcckt, hat auch der Islam zur Entwicklung (West?) Europas beigetragen?<br \/>\nTimothy Garton Ash hat in der taz vom 8.11. zu Recht darauf hingewiesen, dass man sich bei der Beantwortung dieser Frage ganz besonders vor Voreingenommenheit h\u00fcten m\u00fcsse und hat sie unter Hinweis auf die Tatsache, \u00bbdass sich Europa \u00fcber Jahrhunderte gegen den Islam definiert hat\u00ab, dann eher verneint.<br \/>\nDas eine schlie\u00dft aber nun das andere nicht aus, im Gegenteil: In seinem Bem\u00fchen um Widerlegung des Islam konnte Thomas von Aquin etwa der Fragestellung des spanisch-arabischen Philosophen Averroes, wie sich Offenbarungsreligion mit der Philosophie vereinen lasse, nicht ausweichen, was wiederum nicht ohne Einfluss auf sein theologisches System blieb. Und die Kriege gegen die Muslime in Spanien sowie die Kreuzz\u00fcge im Nahen Osten boten den Christen eben auch eine hervorragende M\u00f6glichkeit, die breite arabisch-islamische Kultur kennenzulernen \u2013 eine Kultur, an der \u00fcbrigens nicht nur Juden, sondern anfangs auch Christen mitwirkten. und die sich ihrerseits vieles aus der griechisch-hellenistischen, persischen, indischen und chinesischen Kultur zunutze gemacht hat.<br \/>\nDass die Europ\u00e4er sich in der Folge verschiedenartigste Elemente dieser Kultur aus Wissenschaften, Medizin, Technik, und, wie sich in Wolfram von Eschenbachs \u00bbParzival\u00ab zeigt, Lebensgewohnheiten der oberen Schichten angeeignet und anverwandelt haben, daran besteht mittlerweile kein Zweifel mehr. In j\u00fcngster Zeit haben dies beispielsweise die B\u00fccher von Kurt Flasch \u00fcber die Auseinandersetzungen in der Philosophie des Mittelalters und von Hans Belting \u00fcber die Erfindung der Zentralperspektive noch einmal deutlich aufgezeigt.<br \/>\nMit anderen Worten: Wenn man sich schon auf das fragw\u00fcrdige Spiel mit den \u00bbWurzeln\u00ab Europas einl\u00e4sst, dann darf eine kleine arabisch-islamische Wurzel nicht vernachl\u00e4ssigt werden. Damit aber verl\u00f6re das \u00bbJ\u00fcdisch-christliche\u00ab seinen Ausschlie\u00dflichkeitscharakter und w\u00e4re somit zum Ausschluss des \u00bbIslam\u00ab kaum mehr geeignet.<br \/>\nAndreas Unger arbeitet seit Langem zum Thema \u00bbFeindbilder, Kampf oder Zusammenwirken der Kulturen\u00ab. Bei Reclam ver\u00f6ffentlichte er das Buch \u00bbVon Algebra bis Zucker. Arabische W\u00f6rter im Deutschen\u00ab.<\/p>\n<p>Quelle: <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Andreas Unger 08.12.2010 Europas Wurzeln \u00bbJ\u00fcdisch-christliche Kultur\u00ab \u2013 auf den Spuren eines Begriffs Jede zweite Kritik an Christian Wulffs Aussage \u00bbDer Islam geh\u00f6rt zu Deutschland\u00ab hat sich auf die \u00bbj\u00fcdisch-christliche Tradition\u00ab bzw. \u00bbKultur\u00ab Deutschlands berufen. 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