{"id":2817,"date":"2010-12-07T10:00:12","date_gmt":"2010-12-07T08:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=2817"},"modified":"2023-04-02T12:53:21","modified_gmt":"2023-04-02T09:53:21","slug":"fluchtpunkt-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/12\/07\/fluchtpunkt-antisemitismus\/","title":{"rendered":"Fluchtpunkt Antisemitismus"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2880\" title=\"Heitmeyer_taz\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/Heitmeyer_taz.jpg\" alt=\"\" width=\"92\" height=\"92\" \/><\/p>\n<p>Wilhelm Heitmeyer<\/p>\n<p>Bildquelle: taz<\/p>\n<p>07.12.2010<br \/>\n<strong>Fluchtpunkt Antisemitismus<\/strong><br \/>\nNeue Studie: Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer sieht zunehmende Entsolidarisierung des B\u00fcrgertums<br \/>\nVon J\u00fcrgen Amendt<br \/>\nDeutsche Zust\u00e4nde: Fremdenfeindlichkeit breitet sich hierzulande ausgerechnet in der Schicht aus, die bislang als relativ immun gegen Intoleranz galt und die sich selbst gern als liberal und aufgeschlossen bezeichnet \u2013 im gehobenen B\u00fcrgertum. Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer attestiert bei Einkommensbeziehern ab 2600 Euro netto im Monat eine grassierende Angst vor allem Fremden, die sich in Islamfeindlichkeit \u00e4u\u00dfert. Seit vielen Jahren untersucht Heitmeyer die soziale Befindlichkeit der Deutschen und erstmals zeigt sich, dass in der Finanz- und Wirtschaftskrise besonders bei den Wohlhabenden im Land die Ressentiments zugenommen haben. Islamophobie, so Heitmeyer bei der Vorstellung der Studie letzten Freitag, steige auch im politisch sich links von der Mitte verortenden Milieu. Und: In der Krise nimmt auch der Antisemitismus wieder zu. Das B\u00fcrgertum verrohe zunehmend, res\u00fcmierte der Bielefelder Wissenschaftler.<br \/>\nF\u00fcr den Philosophen Theodor W. Adorno befand sich unter dem Lack der Zivilisation stets die Barbarei. Aufkl\u00e4rung, Humanit\u00e4t, N\u00e4chstenliebe, Empathie \u2013 all diese Werte, mit denen sich b\u00fcrgerliche Gesellschaften versichern, besser zu sein als der archaische, derbe b\u00e4uerlich-proletarische Scho\u00df, aus dem sie sich einst entwickelten, sind fragil und stehen zur Disposition, wenn die Zivilgesellschaft, wie die b\u00fcrgerliche Gesellschaft euphemistisch genannt wird, in Bedr\u00e4ngnis ger\u00e4t. Wer sich \u2013 auch nur scheinbar \u2013 nicht einf\u00fcgt in das \u00bbsture Leben, in das man sich schickt\u00ab (Adorno), dem wird die b\u00fcrgerliche Wertsch\u00e4tzung versagt. Eine Mehrheit in der Schweiz hat das vor Wochenfrist mit der Entscheidung demonstriert, straff\u00e4llig gewordene und verurteilte Ausl\u00e4nder nach Verb\u00fc\u00dfung der Haft ohne Einzelfallpr\u00fcfung abzuschieben. Auch in Italien, den Niederlanden, Belgien, also um uns herum, separiert die b\u00fcrgerliche Gesellschaft in ein \u00bbWir\u00ab und \u00bbdie Anderen\u00ab.<br \/>\nDass Deutschland bislang keinen Politiker vom Schlage des niederl\u00e4ndischen Rechtspopulisten Geert Wilders kennt, der die Intoleranz zum alleinigen Programm erhoben hat und damit erfolgreich ist, liegt in erster Linie an einem historisch begr\u00fcndeten moralischen Abwehrreflex gegen alles, was im Ruch steht, Erinnerungen an die NS-Zeit im In- und Ausland wachzurufen. Doch beruhigen kann das nicht. Denn bislang galt auch: Rassismus kommt von unten, wird von oben dann und wann befeuert, nie aber geteilt. Mit dem P\u00f6bel macht man sich nicht gemein! 20 Jahre lang mussten fast ausschlie\u00dflich glatzk\u00f6pfige junge M\u00e4nner aus Ostdeutschland als Sinnbild f\u00fcr jene Verrohung herhalten.<br \/>\nDiese vornehme Zur\u00fcckhaltung, die selbst stets nur Schauspiel war, um die dem \u00bbP\u00f6bel\u00ab attestierte Verrohung bei sich selbst nicht erkennen zu m\u00fcssen, wird jetzt aufgegeben. Sie kann aufgegeben werden, nachdem die Debatte um die Thesen des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin dem dumpfen Ressentiment die bildungsb\u00fcrgerlichen Weihen verliehen hat. \u00bbMan wird doch noch sagen d\u00fcrfen \u2026\u00ab schallt es jetzt nicht mehr von den Stammtischen des gemeinen Biervolkes. Bei einem guten Wein l\u00e4sst es sich vortrefflich \u00fcber \u00bbkriminelle Ausl\u00e4nder\u00ab, \u00bbHartz-IV-Schmarotzer\u00ab und die \u00bbislamische Gefahr\u00ab r\u00e4sonieren. Bedrohlich ist das vor allem, weil dieses Denken bis in die politische Linke hinein auf Zustimmung st\u00f6\u00dft \u2013 unter den Sympathisanten der Linkspartei findet die Forderung nach einer automatischen Abschiebung von straff\u00e4llig gewordenen Ausl\u00e4ndern nach Schweizer Vorbild mit 85 Prozent die h\u00f6chste Unterst\u00fctzung innerhalb des demokratischen Parteienspektrums.<br \/>\nDer Rassismus des \u00bbP\u00f6bels\u00ab ist wenig gegen ein B\u00fcrgertum, das sich in Selbstaufgabe in den Antisemitismus fl\u00fcchtet, weil es um seine Privilegien f\u00fcrchtet. Davor gefeit zu sein, hei\u00dft zu erkennen: Aufkl\u00e4rung, Humanit\u00e4t, N\u00e4chstenliebe, Empathie rechnen sich \u00f6konomisch nicht, wir brauchen sie aber um unser selbst willen!<\/p>\n<p>URL: <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilhelm Heitmeyer Bildquelle: taz 07.12.2010 Fluchtpunkt Antisemitismus Neue Studie: Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer sieht zunehmende Entsolidarisierung des B\u00fcrgertums Von J\u00fcrgen Amendt Deutsche Zust\u00e4nde: Fremdenfeindlichkeit breitet sich hierzulande ausgerechnet in der Schicht aus, die bislang als relativ immun gegen Intoleranz galt und die sich selbst gern als liberal und aufgeschlossen bezeichnet \u2013 im gehobenen B\u00fcrgertum. 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