{"id":2753,"date":"2010-12-01T11:02:05","date_gmt":"2010-12-01T09:02:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=2753"},"modified":"2023-04-02T12:52:29","modified_gmt":"2023-04-02T09:52:29","slug":"integrationspolitik-noch-jung-und-schon-gescheitert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/12\/01\/integrationspolitik-noch-jung-und-schon-gescheitert\/","title":{"rendered":"Integrationspolitik: Noch jung und schon gescheitert?"},"content":{"rendered":"<p>01.12.2010<br \/>\n<strong>Integrationspolitik: Noch jung und schon gescheitert?<\/strong><br \/>\nSPD veranstaltete Podiumsdiskussion mit Experten \/ Gabriel will Migranten st\u00e4rker in die Politik einbeziehen<\/p>\n<p>Von Martin Lejeune<br \/>\nIn Berlin diskutierten am Montag \u00fcber 200 Teilnehmer die Integrationspolitik als junge Disziplin. Die Redner konstatierten eine neue Dimension der Diffamierung, forderten den fl\u00e4chendeckenden Religionsunterricht und kritisierten den Integrationsbegriff als solchen.<br \/>\n\u00bbIntegrationspolitik in Deutschland. So jung und schon gescheitert?\u00ab, fragte die SPD-Veranstaltung im Willy-Brandt-Haus, die h\u00e4ufig um den abwesenden und doch omnipr\u00e4senten Thilo Sarrazin kreiste. In seiner Er\u00f6ffnungsrede merkte Parteichef Sigmar Gabriel selbstkritisch an, die SPD habe in der Vergangenheit eher Politik f\u00fcr Migranten gemacht, als mit ihnen. Fortan m\u00fcsse Integration unter dem Motto \u00bbPolitik mit allen f\u00fcr alle\u00ab stehen.<br \/>\nIn Deutschland hat jeder F\u00fcnfte einen Migrationshintergrund. Nur sechs Millionen von ihnen sind Ausl\u00e4nder. Naika Foroutan, Sozialwissenschaftlerin an der Humboldt Universit\u00e4t Berlin, merkte man ihre Wut auf den Noch-Genossen Sarrazin und den \u00bbSchaden, den seine Thesen angerichtet haben\u00ab, deutlich an. Foroutan bek\u00e4mpft dessen rassistische Thesen schon lange und setzt sich daf\u00fcr ein, \u00bbdass muslimische Migranten und echte Deutsche einen gemeinsamen Weg gehen, anstatt dass eine Gruppe der anderen folgen muss\u00ab. Mit angriffslustigem Unterton f\u00fcgte sie hinzu: \u00bbIch will nicht, dass Bio-Deutsche, dass autochthone Deutsche ihren bestimmten Status Quo anderen aufzwingen und denen, die das nicht erreicht haben, vorwerfen: Das habt ihr noch nicht geschafft, dort m\u00fcsst ihr aber hin.\u00ab<br \/>\nForoutan h\u00e4lt eine nationale Integrationspolitik sowieso f\u00fcr illusorisch. Es \u00bbgibt zu unterschiedliche Ausgangspunkte in unterschiedlichen St\u00e4dten mit unterschiedlichem sozialen Gef\u00e4lle\u00ab. Statt einer Integrationspolitik verlangte sie, \u00bbKriterien wie Kultur und Religion\u00ab unber\u00fccksichtigt zu lassen und daf\u00fcr insgesamt den Blick auf Entfremdungsstrukturen in dieser Gesellschaft zu richten. \u00bbWir sprechen von Integration statt von Rassismus. Doch wir m\u00fcssen zu einer Politik kommen, die niemanden ausschlie\u00dft.\u00ab Hinter Bezeichnungen steckten immer auch Ressentiments, so Foroutan. \u00bb72 Prozent der Kinder, die 2011 in Frankfurt am Main eingeschult werden, haben einen Migrationshintergrund. Sind das etwa alle Ausl\u00e4nder?\u00ab<br \/>\nRauf Ceylan, Religionswissenschaftler an der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck mit dem Schwerpunkt gegenwartsbezogene Islamforschung, kam ebenfalls mit einer Zahl nach Berlin: \u00bbEtwa 900 000 muslimische Sch\u00fcler gibt es in Deutschland, f\u00fcr die es in den meisten Bundesl\u00e4nder keinen Religionsunterricht gibt\u00ab, erkl\u00e4rte Ceylan und forderte, diesen fl\u00e4chendeckend einzuf\u00fchren. Sein Institut ist bundesweit das erste, das Imame an einer Universit\u00e4t ausbildet. Ceylan klagte, dass Muslime \u00bbmeist im negativen Kontext dargestellt werden\u00ab und nannte die Beispiele Kopftuch, Terror und h\u00e4usliche Gewalt.<br \/>\nStephan Kramer, Generalsekret\u00e4r des Zentralrates der Juden, dessen Gemeindemitglieder zu mehr als 95 Prozent Zuwanderer aus dem Gebiet der fr\u00fcheren Sowjetunion sind, stellte fest: \u00bbJuden sind in weiten Teilen dieser Gesellschaft Fremde. Es ist f\u00fcr viele Deutsche schwer vorstellbar, dass Juden auch Deutsche sein k\u00f6nnen.\u00ab Die uns\u00e4gliche Sarrazin-Debatte bedeutet f\u00fcr die Fremdenfeindlichkeit in diesem Land auch in Kramers Augen eine \u00bbneue Dimension in der Qualit\u00e4t von Aggression und Diffamierung gegen\u00fcber Migranten\u00ab.<br \/>\nKramer kritisierte Kanzlerin Merkel f\u00fcr ihre \u00c4u\u00dferung, wer sich nicht an christlich-j\u00fcdisch-abendl\u00e4ndischen Werten orientiere, sei fehl am Platz. Denn diese christlich-j\u00fcdische Leitkultur habe es niemals gegeben. \u00bbUnd diese \u00c4u\u00dferungen haben nur das Ziel, eine dritte Kultur, die muslimische, auszuschlie\u00dfen. Und f\u00fcr so eine Bundeskanzlerin ist hier kein Platz.\u00ab Kramer fragte: \u00bbWas macht Deutschland eigentlich so sexy, dass man hierherkommen, leben und an der Gesellschaft teilhaben m\u00f6chte? Und zwar nicht als Gastarbeiter, sondern als gleichberechtigter und -gestellter Deutscher?\u00ab Eine Antwort fand er nicht.<br \/>\nEin T\u00fcrke aus dem Publikum sagte zu Kramer: \u00bbIn Finnland, Schweden, England oder Kanada sehe ich eine Perspektive f\u00fcr meine Kinder. Aber nicht in Deutschland.\u00ab Weil hier nur \u00fcber Integration diskutiert werde, anstatt Ausl\u00e4ndern auf Augenh\u00f6he zu begegnen: \u00bbIch m\u00f6chte vom Fernsehen auch mal zu meiner Meinung zu Gorleben befragt werden und nicht immer nur zum Thema Integration.\u00ab<\/p>\n<p>URL: <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>01.12.2010 Integrationspolitik: Noch jung und schon gescheitert? SPD veranstaltete Podiumsdiskussion mit Experten \/ Gabriel will Migranten st\u00e4rker in die Politik einbeziehen Von Martin Lejeune In Berlin diskutierten am Montag \u00fcber 200 Teilnehmer die Integrationspolitik als junge Disziplin. 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