{"id":2402,"date":"2010-11-10T21:55:50","date_gmt":"2010-11-10T19:55:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=2402"},"modified":"2010-11-10T21:55:50","modified_gmt":"2010-11-10T19:55:50","slug":"was-ist-integration-leserartikel-zeit-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/11\/10\/was-ist-integration-leserartikel-zeit-online\/","title":{"rendered":"Was ist Integration? | Leserartikel | ZEIT ONLINE"},"content":{"rendered":"<p>Seit Jahrzenten wird in Deutschland \u00fcber die Integration der Einwanderer, insbesondere \u00fcber die der t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Einwanderer diskutiert, ohne diesen Begriff zu definieren. Zwar wird dabei oft das Schlagwort benutzt, dass Integration &#8222;keine Einbahnstra\u00dfe&#8220; sei; doch die Schuld wird stets bei den Einwanderern gesucht. Dabei gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die diesen Begriff pr\u00e4zise definieren. So hebt Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny hervor, der in seinem Buch &#8222;Soziologie des Fremdarbeiterproblems&#8220; (1973) die Integration der Einwanderer in der Schweiz untersucht hat, dass die Integration davon abh\u00e4ngt, ob die aufneh- mende Gesellschaft die Statuslinien &#8211; Bildung, Beruf, Einkommen &#8211; den Einwanderern \u00f6ffnet oder sie weitgehend geschlossen h\u00e4lt. Er kommt zu dem Schluss, dass die Schweiz als Aufnahmegesellschaft die Statuslinien den Einwanderern in der Regel nicht \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Auch die Bundesrepublik Deutschland h\u00e4lt die Statuslinien &#8211; Bildung, Beruf, Einkommen &#8211; mittels geschriebener und ungeschriebener Gesetze den Einwanderern weitgehend geschlossen. Dabei ist irrelevant, ob die t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Einwanderer bereits deutsche Staatsb\u00fcrger sind oder nicht und ob sie in Deutschkland geboren worden sind oder nicht: In Deutschland wird die Staatsb\u00fcrgerschaft noch immer mit der Abstammung (ius sanguinis) gleichgesetzt, obwohl die Staats- b\u00fcrgerschaft seit 2000 auf dem Geburtsortsprinzip (ius soli) beruht.<\/p>\n<p>Um ein Beispiel f\u00fcr die Statuslinie &#8222;Bildung&#8220; zu geben: Nachdem Deutschland in den PISA-Studien schlecht abgeschnitten hatte, wurde die Schuld auf die Migrantenkinder abgew\u00e4lzt und in allen Bundesl\u00e4ndern neue Schulgesetze erlassen. Sie alle sehen nun vor, dass die Deutschkenntnisse der Kinder ein Jahr vor der Einschulung untersucht werden sollen. Und wenn ein Kind nicht &#8222;ausreichend&#8220; Deutsch kann, das &#8222;seinem Alter entspricht&#8220;, soll es zun\u00e4chst in die Vor- schule geschickt werden (und dann freilich in die Sonderschule).. Dass bei diesen Sprachuntersuchungen, ob die Kinder mit sechs Jahren &#8222;ihrem Alter entspre- chend ausreichend&#8220; Deutsch k\u00f6nnen oder nicht, die einsprachig aufwachsende deutsche Kinder als Ma\u00dfstab genommen werden, liegt auf der Hand. Denn laut sprachwissenschaftlicher und -didaktischer Untersuchungen in Kanada und Australien erreicht ein Kind, das in zweisprachigem Lebensumfeld aufw\u00e4chst (Familiensprache nicht identisch mit der Gesellschaftssprache) mit 6 &#8211; 7 Jahren in keiner Sprache das Niveau eines in einsprachigem Lebensumfeld aufwachsen- den Kindes. Hier sei auf zwei weitere Untersuchungen hingewiesen, und zwar die von Pertti Toukomaa &amp; Tove Skutnabb-Kangas, die den Spracherwerb der in Schweden lebenden finnischen Kinder untersucht haben. Das Ergebnis der Untersuchung &#8222;The Intensive Teaching of the Mother Tongue to Migrant Children at Preschool Age&#8220; (Tampere 1977) lautet: Finnische Kinder, die in der Grundschule auch Finnisch lernen, k\u00f6nnen besser Schwedisch lernen, als finnische Kinder, deren Familiensprache in der Schule nicht ber\u00fccksichtigt wird. Seit dieser Untersuchung lernen finnische Kinder an schwedischen Grundschulen auch ihre Familiensprache Finnisch.<\/p>\n<p>Anstatt die sprachwissenschaftlichen und -didaktischen Untersuchungen umzusetzen und die &#8222;nat\u00fcrliche Zweisprachigkeit&#8220; der t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Kinder<\/p>\n<p>in der Grundschule zu ber\u00fccksichtigen, werden sie in Deutschland wie einsprachige Kinder behandelt, um sie schon vor der Einschulung in die Sonderschule<\/p>\n<p>(mit dem euphemistischen Namen &#8222;F\u00f6rderschule&#8220;) zu schicken; d. h. um die Statuslinie &#8222;Bildung&#8220; diesen Kindern von vornherein geschlossen zu halten. Dabei lautet der Auftrag der Schule in Deutschland &#8222;die Kinder dort abzuholen, wo sie sind und ihre bereits vorhandenen F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten entsprechend<\/p>\n<p>zu entwickeln.&#8220; Dieser Auftrag der Schule scheint jedoch f\u00fcr die t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Kinder keine G\u00fcltigkeit zu besitzen. Das ist Ungleichbehandlung!<\/p>\n<p>Es wird wie ein Leierkasten wiederholt, &#8222;die t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Kinder m\u00fcssen Deutsch lernen&#8220;! Nat\u00fcrlich m\u00fcssen sie Deutsch lernen, aber wie? Auf die Methode kommt es n\u00e4mlich an! Andererseits wird nie die Frage gestelllt, ob die t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Migranten, die gut Deutsch k\u00f6nnen, auch ihrer Ausbildung entspre- chende Berufe aus\u00fcben d\u00fcrfen? Daran werden sie n\u00e4mlich auch gehindert, indem ihre im Ausland erworbenen Abschl\u00fcsse nicht anerkannt werden. Abgesehen davon, das Ignorieren der Familiensprache der t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Kinder und Jugendlichen, deren Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen ist, seitens der aufnehmenden Gesellschaft, in die sie sich gern integrieren wollen, von der sie anerkannt werden wollen, vermindert deren Selbstwertgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Auf diese Weise schafft die deutsche Gesellschaft ihre Machos selber!<\/p>\n<p>Frau Dr. phil. Esin ILERI<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahrzenten wird in Deutschland \u00fcber die Integration der Einwanderer, insbesondere \u00fcber die der t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Einwanderer diskutiert, ohne diesen Begriff zu definieren. Zwar wird dabei oft das Schlagwort benutzt, dass Integration &#8222;keine Einbahnstra\u00dfe&#8220; sei; doch die Schuld wird stets bei den Einwanderern gesucht. Dabei gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die diesen Begriff pr\u00e4zise definieren. 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