{"id":2389,"date":"2010-11-10T14:03:28","date_gmt":"2010-11-10T12:03:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=2389"},"modified":"2023-04-01T21:18:30","modified_gmt":"2023-04-01T18:18:30","slug":"tezcan-warum-habt-ihr-110-000-turken-eingeburgert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/11\/10\/tezcan-warum-habt-ihr-110-000-turken-eingeburgert\/","title":{"rendered":"Tezcan: &#8222;Warum habt ihr 110.000 T\u00fcrken eingeb\u00fcrgert?&#8220;"},"content":{"rendered":"<div id=\"articletext\">\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2390\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/kadri_ecved_tezcan.jpg\" alt=\"\" width=\"460\" height=\"345\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/kadri_ecved_tezcan.jpg 460w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/kadri_ecved_tezcan-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/p>\n<p><strong>Kadri Ecved Tezcan:<\/strong> Wollen Sie, dass ich im Interview als Diplomat antworte, was langweilig wird? Oder soll ich als jemand antworten, der seit einem Jahr in Wien lebt und viele Kontakte zu den 250.000 T\u00fcrken hier hat?<\/p>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich ziehe die zweite Variante vor. Was l\u00e4uft bei der Integration der T\u00fcrken in \u00d6sterreich falsch?<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte eines vorweg sagen: Anders als Griechen oder Italiener begannen die T\u00fcrken erst vor 35, 40 Jahren zu emigrieren. \u00d6sterreich war \u00fcbrigens das letzte Land, in das t\u00fcrkische B\u00fcrger kamen. Die L\u00f6hne in Deutschland waren h\u00f6her.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Hat das zur Folge, dass es f\u00fcr T\u00fcrken nicht einfach ist, sich an Regeln im Ausland anzupassen?<\/strong><\/p>\n<p>Das nicht. Ich wollte damit nur sagen, dass auch Einwanderer in den USA ihre Probleme hatten. Aber diese Probleme sind nun vergessen. Integration ist ein Prozess. Ich war vor fast zwanzig Jahren Generalkonsul in Hamburg. Jedes Jahr lud ich die M\u00e4dchen und Buben, die aufs Gymnasium aufgenommen wurden, in meine Residenz ein und gratulierte ihnen mit Geschenken. Es gab damals so wenige t\u00fcrkische Gymnasiasten. Heute k\u00f6nnte ich das in \u00d6sterreich nicht tun, denn es gibt hierzulande ungef\u00e4hr 2000 t\u00fcrkischst\u00e4mmige Studenten, die hier geboren wurden, plus 20.000 t\u00fcrkische Gymnasiasten. Das ist wunderbar.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Das mag ein Fortschritt sein. Aber ein Blick in die Statistik zeigt, dass t\u00fcrkischst\u00e4mmige Jugendliche an Gymnasien oder gar Universit\u00e4ten ganz deutlich unterrepr\u00e4sentiert sind.<\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen noch einige Hausaufgaben erledigen. Aber auch die \u00f6sterreichische Seite muss etwas unternehmen. Es gibt Schulen, in denen t\u00fcrkische Kinder mit 60, 70 Prozent die Mehrheit stellen. Warum? Weil sie in Ghettos leben. Wenn T\u00fcrken in Wien Wohnungen beantragen, werden sie immer in dieselbe Gegend geschickt, gleichzeitig wirft man ihnen vor, Ghettos zu formen. Und \u00f6sterreichische Familie schicken ihre Kinder nicht an Schulen, in denen ethnische Minderheiten die Mehrheit stellen. So werden T\u00fcrken in die Ecke gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wer sollte ihnen andere Wohnungen anbieten? Die Stadt Wien?<\/strong><\/p>\n<p>Es geht um etwas anderes: um Toleranz. Jedes Jahr bekommen die T\u00fcrken einen \u00f6ffentlichen Ort, einen Park etwa, zugeteilt, um ihr Kermes-Fest zu feiern. Sie kochen, spielen, tanzen, zeigen ihre eigene Kultur. Die einzigen \u00d6sterreicher, die Kermes besuchen, sind Politiker auf der Jagd nach W\u00e4hlerstimmen. W\u00e4hlen geht trotzdem nur die H\u00e4lfte der T\u00fcrken. Die Wiener schauen bei solchen Festen nicht einmal aus dem Fenster. Au\u00dfer im Urlaub interessieren sich die \u00d6sterreicher nicht f\u00fcr andere Kulturen. \u00d6sterreich war ein Imperium mit verschiedenen ethnischen Gruppen. Es sollte gewohnt sein, mit Ausl\u00e4ndern zu leben. Was geht hier vor?<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Viele Wiener haben offenbar Angst davor, dass sie in manchen Stadtteilen zur Minderheit werden und die t\u00fcrkische Kultur dominiert.<\/strong><\/p>\n<p>Die Welt \u00e4ndert sich. Es geht nicht mehr darum, wer dominiert und wer nicht. Es gibt keine Grenzen. Je mehr Kulturen es gibt, desto reicher werden wir.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Problem ist, dass die Gesellschaft in Deutschland oder \u00d6sterreich nicht mehr an Multikulturalismus glaubt. Das Konzept hat nicht funktioniert.<\/strong><\/p>\n<p>Warum hat es nicht funktioniert? Integration ist ein kulturelles und soziales Problem. Aber in \u00d6sterreich ist das Innenministerium f\u00fcr Integration verantwortlich. Das ist unglaublich. Das Innenministerium kann f\u00fcr Asyl oder Visa und viele Sicherheitsprobleme zust\u00e4ndig sein. Aber die Innenministerin sollte aufh\u00f6ren, in den Integrationsprozess zu intervenieren. Wenn man dem Innenministerium ein Problem gibt, wird dabei eine Polizeil\u00f6sung rauskommen.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Welche Zust\u00e4ndigkeit empfehlen Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Das Sozialministerium, das Familienministerium, aber nicht das Innenministerium. Meine Leute fragen mich: Stellen wir hier ein Sicherheitsproblem dar? Ich habe mit der Innenministerin gesprochen. Sie m\u00f6chte das alles nicht h\u00f6ren. Sie ist in der falschen Partei.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>In welcher Partei sollte Maria Fekter denn sein?<\/strong><\/p>\n<p>Sie ist Mitglied einer Volkspartei, die sich als liberal versteht. Oder bin ich falsch informiert? Was sie vertritt, entspricht nicht einer liberalen, offenen Geisteshaltung. Das Gleiche gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr Angela Merkel. Ich war so \u00fcberrascht, als sie vor zwei Wochen sagte, Multikulturalismus habe versagt und Deutschland sei eine christliche Gesellschaft. Was f\u00fcr eine Mentalit\u00e4t ist das? Ich kann nicht glauben, dass ich das im Jahr 2010 in Europa h\u00f6ren muss, das angeblich das Zentrum der Toleranz und Menschenrechte ist. Diese Werte haben andere von euch gelernt, und jetzt kehrt ihr diesen Werten den R\u00fccken. Trotzdem will ich nicht sagen, dass die Migranten keine Fehler gemacht haben.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie je mit Heinz-Christian Strache oder einem anderen Politiker der FP\u00d6 gesprochen?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Ich habe ihn getroffen. Wir haben \u00fcbereingestimmt, in nichts \u00fcbereinzustimmen, was Integration anlangt. Strache hat keine Idee, wie sich die Welt entwickelt. Ich habe auch noch nie eine sozialdemokratische Partei wie in diesem Land gesehen. Normalerweise verteidigen Sozialdemokraten die Rechte von Menschen, wo immer sie auch herkommen. Wissen Sie, was mir Sozialdemokraten hier gesagt haben? \u201eWenn wir etwas dazu sagen, bekommt Strache mehr Stimmen.\u201c Das ist unglaublich.<\/p>\n<p><strong>Viele \u00d6sterreicher sehen das anders. Sie empfinden Unbehagen bei einzelnen Aspekte der Kultur, die T\u00fcrken mitgebracht haben. Sie m\u00f6gen nicht, wie Frauen behandelt werden, sie wollen keine Frauen in Kopft\u00fcchern herumlaufen sehen. Sie wollen auch nicht, dass junge Macho-T\u00fcrken Mitsch\u00fcler terrorisieren.<\/strong><\/p>\n<p>Davon habe ich nie geh\u00f6rt. Ich habe viele Statistiken gesehen aus dem Innenministerium, aus dem Justizministerium &#8230;<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Es ist kein Verbrechen, andere Jugendliche zu drangsalieren &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>&#8230; aber T\u00fcrken sind nicht an der Spitze dieser Listen. Erlauben Sie mir noch eine Frage. Wenn etwas nicht zu Ihrer Kultur geh\u00f6rt, haben Sie dann das Recht zu sagen, Sie wollen diese Menschen nicht? Das ist eine andere Kultur, ein anderes Parfum, eine andere Folklore. Ihr m\u00fcsst damit leben. Warum habt ihr 110.000 T\u00fcrken eingeb\u00fcrgert? Wie konntet ihr sie als B\u00fcrger akzeptieren, wenn es so ein gro\u00dfes Integrationsproblem mit ihnen gibt? Ihr m\u00fcsst mit ihnen reden. Die T\u00fcrken sind gl\u00fccklich, sie wollen nichts von euch. Sie wollen nur nicht wie ein Virus behandelt werden. Die Gesellschaft sollte sie integrieren und von ihnen profitieren. Ihr m\u00fcsst keine Migranten mehr holen. Ihr habt sie hier. Aber ihr m\u00fcsst an sie glauben, und sie m\u00fcssen an euch glauben.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Aber Politiker m\u00fcssen doch zum Beispiel das Recht haben zu sagen, dass sie keine Zwangsheiraten wollen &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Wir wollen auch nicht, dass unsere T\u00f6chter zwangsverheiratet werden.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Und man kann von T\u00fcrken auch verlangen, dass sie Deutsch lernen.<\/strong><\/p>\n<p>Definitiv, ich sage meinen Leuten immer: Lernt Deutsch und haltet euch an die Regeln dieses Landes!<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Warum also klappt es nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Sie haben es selbst sehr offen gesagt: Die Leute wollen hier keine Frauen mit Kopft\u00fcchern sehen. Ist das denn gegen das Gesetz? Nein, ihr habt da nichts zu sagen. Es steht jedem frei, was er auf dem Kopf tr\u00e4gt. Wenn es hier die Freiheit gibt, nackt zu baden, sollte es auch die Freiheit geben, Kopft\u00fccher zu tragen. Wenn jemand die Leute zwingt, Kopft\u00fccher zu tragen, dann sollte der Rechtsstaat intervenieren. Dasselbe muss f\u00fcr jene gelten, die sich weigern, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Wir haben ein Problem mit M\u00e4dchen, die mit 13 nicht mehr in die Schule gehen.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie haben auch das Problem, dass zu wenige Frauen arbeiten gehen.<\/strong><\/p>\n<p>Sie liegen falsch, die t\u00fcrkischen Frauen arbeiten.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ja, aber zu Hause. Die Besch\u00e4ftigtenquote bei t\u00fcrkischen Frauen betr\u00e4gt nur 39 Prozent.<\/strong><\/p>\n<p>Hausfrau zu sein ist auch ein Job.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Migranten, die zu Hause bleiben, sind Teil des Integrationsproblems.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber wenn Sie mein Freund sein wollen, sollten auch Sie etwas daf\u00fcr tun.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie meinen also, dass die \u00d6sterreicher den T\u00fcrken nicht das Gef\u00fchl geben, dass sie hier willkommen sind?<\/strong><\/p>\n<p>Ich werde nicht nur den \u00d6sterreichern Vorw\u00fcrfe machen. Wir haben auch Probleme, mit anderen Leuten in Kontakt zu treten. Warum? Migranten in New York oder anderswo formen auch Ghettos. Das Erste, was sie im Ausland machen, ist, Landsleute zu suchen.<\/p>\n<p><strong>Aber man bleibt nicht 30 Jahre im Ghetto. Man versucht sich zu verbessern und sieht zu, dass die eigenen Kinder in eine bessere Schule gehen. Ich sehe keine dynamische soziale Entwicklung hier.<\/strong><\/p>\n<p>Ich sehe viel Erfolg. Es gibt mehr als 3500 t\u00fcrkische Unternehmer hier, 110 \u00c4rzte, K\u00fcnstler, Ballerinas. Warum bringen Ihre Medien nicht mehr Erfolgsgeschichten?<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wer den derzeitigen Ausbildungsstand analysiert, blickt in eine d\u00fcstere Zukunft. Die meisten jungen T\u00fcrken gehen in die Hauptschule, viele sogar in die Sonderschule. Haben Sie eine Idee, wie sich das \u00e4ndern lie\u00dfe?<\/strong><\/p>\n<p>Viele t\u00fcrkische Eltern glauben, dass ihre Kinder perfekt Deutsch und T\u00fcrkisch sprechen. Ich erkl\u00e4re ihnen dann, dass man mit 500 W\u00f6rtern noch keine Sprache beherrscht und ihre Kinder weder Deutsch noch T\u00fcrkisch gut sprechen.<\/p>\n<p>Hier liegt das Problem: In den letzten 20 Jahren haben uns \u00f6sterreichische Regierungen nicht erlaubt, Lehrer aus der T\u00fcrkei zu holen, um die Kinder in T\u00fcrkisch zu unterrichten. Wenn Kinder ihre Muttersprache nicht korrekt lernen, werden sie auch eine andere Sprache nicht gut erfassen. Es gibt in Wien ein Institut f\u00fcr Orientalistik, wo Studenten T\u00fcrkisch lernen, die auch perfekt Deutsch sprechen. Das Einzige, was fehlt, ist ein Lehrstuhl f\u00fcr P\u00e4dagogik. Dann kann \u00d6sterreich seine eigenen T\u00fcrkischlehrer haben.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie viele Lehrer wollen Sie holen?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht sind 100 genug. Es gibt ungef\u00e4hr 5000 bis 7000 junge T\u00fcrken, die vor dem Besuch der Volksschule stehen. Ich bin sicher: Wenn sie im Kindergarten T\u00fcrkisch und nat\u00fcrlich auch flie\u00dfend Deutsch lernen, ist das ein Gegengift f\u00fcrs Integrationsproblem.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Sollten die T\u00fcrken T\u00fcrkisch als Fremdsprache in der Schule lernen?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Ziel ist es, dass T\u00fcrkisch als Maturasprache akzeptiert wird. Dann werden wir auch t\u00fcrkische Lehrer haben. Ich wei\u00df nicht, warum T\u00fcrkisch nicht als Maturasprache akzeptiert wird.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Haben Sie je daran gedacht, eine t\u00fcrkische Schule in Wien zu gr\u00fcnden?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Aber wenn es eine Nachfrage gibt, wird man auch dar\u00fcber nachdenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Sollten t\u00fcrkische Eltern Deutsch oder T\u00fcrkisch mit ihren Kindern sprechen?<\/strong><\/p>\n<p>Das werde ich ihnen nicht vorschreiben. Aber ob Eltern, Kinder oder Jugendliche, sie sollten alle Deutsch k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wenn Eltern mit ihren Kindern nicht Deutsch sprechen, fehlt die Grundlage. Schlimmer wird es noch, wenn t\u00fcrkische Eltern ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken.<\/strong><\/p>\n<p>Das sollte verpflichtend sein. Jedes Kind sollte den Kindergarten besuchen. Ab drei oder vier, wie in den \u00f6sterreichischen Familien.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Warum sind etwa Kinder kroatischer Eltern besser in der Schule?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist sehr einfach. Weil die Kroaten Christen sind, sie sind willkommen in der Gesellschaft, die T\u00fcrken nicht.<\/p>\n<p><strong>Vielleicht haben sie auch ein gr\u00f6\u00dferes Verlangen, sozial aufzusteigen.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man nicht willkommen ist und von der Gesellschaft immer an den Rand gedr\u00e4ngt wird, warum soll man dann Teil dieser Gesellschaft sein wollen?<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Um besser als die anderen zu sein, um es ihnen zu zeigen.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine westliche Mentalit\u00e4t. Wir haben nicht diese merkantilistische Philosophie. Unsere Philosophie im Islam lautet anders: Was immer du hast, von Gott gegeben, ist genug f\u00fcr dich. Das Einzige, was du tun musst, ist Gutes f\u00fcr deine Leute in der Familie und in deiner Umgebung. Die T\u00fcrken in Wien helfen einander. Sie wissen, sie sind nicht willkommen.<\/p>\n<p><strong>Warum glauben Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Stadt, die behauptet, ein kulturelles Zentrum Europas zu sein, stimmten fast 30 Prozent f\u00fcr eine extrem rechte Partei. Wenn ich der Generalsekret\u00e4r der UNO, der OSZE oder der Opec w\u00e4re, w\u00fcrde ich nicht hier bleiben. Wenn ihr keine Ausl\u00e4nder hier wollt, dann jagt sie doch fort. Es gibt viele L\u00e4nder auf der Welt, in denen Ausl\u00e4nder willkommen sind. Ihr m\u00fcsst lernen, mit anderen Leuten zusammenzuleben. Was f\u00fcr ein Problem hat \u00d6sterreich?<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Geht es wirklich um den Islam? Mit den Persern hier gibt es keine Probleme.<\/strong><\/p>\n<p>Wie viele Perser gibt es denn hier? Man sieht sie nicht. Wenn man sie sehen w\u00fcrde, h\u00e4tten sie genau das gleiche Problem. Es steckt immer diese religi\u00f6se Abneigung dahinter. Vor den Anschl\u00e4gen vom 11.September gab es das nicht. Aber seither stellen die Massenmedien den Islam als schlecht und terroristisch dar. Wo ist die Kirche? Ich traf den Kardinal, er ist ein wunderbarer Mann, und er sagte mir, er habe ein gutes Verh\u00e4ltnis zu den T\u00fcrken. Ich sagte ihm: Eminenz, das ist nicht genug, Sie m\u00fcssen sich st\u00e4rker zu Wort melden und in Ihrer Zeitungskolumne auch schreiben, dass der Islam genauso wertvoll ist wie Ihre eigene Religion.<\/p>\n<p><strong>Was erwarten Sie von den Beh\u00f6rden?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt viele Menschen guten Willens. Ich war in vielen Rath\u00e4usern, \u00fcberall gibt es Integrationssektionen. Aber sie warten in ihren B\u00fcros, bis die Leute zu ihnen kommen. Sie haben keine Vision. Es gibt keine Koordination und keine Kooperation. Meine vier Vorg\u00e4nger als Botschafter und ich wurden nie um Zusammenarbeit in Integrationsfragen gebeten. Ich wei\u00df, was meine Leute wollen und wie sie \u00fcberzeugt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Was hatten Sie f\u00fcr Erfahrungen mit \u00f6sterreichischer Gastfreundschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin seit einem Jahr hier. Ich war nur einmal in das Haus einer \u00f6sterreichischen Familie eingeladen, vergangenes Wochenende in Krems. Es ist ein gro\u00dfer Unterschied zwischen Wien und dem Rest \u00d6sterreichs. Wenn ich Wien verlasse, sind alle gastfreundlicher.<\/p>\n<p><strong>Es hat Sie niemand aus dem Au\u00dfenamt zu sich nach Hause eingeladen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Aber das macht nichts. Es laden mich so viele T\u00fcrken ein.<\/p>\n<p><strong>Sie spiegeln sozusagen das Integrationsproblem auf h\u00f6herem Niveau wider.<\/strong><\/p>\n<p>In den ersten Monaten nach seiner Ankunft macht ein Botschafter H\u00f6flichkeitsbesuche. Als ich um ein Treffen mit dem Au\u00dfenminister ansuchte, hie\u00df es, der Au\u00dfenminister empf\u00e4ngt keine Botschafter. K\u00f6nnen Sie das glauben? Ich bin ein Botschafter von 250.000 Menschen, die in diesem Land leben. \u00dcber welchen Dialog reden wir hier?<\/p>\n<div>\n<div>ZUR PERSON<\/div>\n<div>Kadri Ecvet Tezcan ist seit einem Jahr t\u00fcrkischer Botschafter in Wien. Der 61-j\u00e4hrige steht seit fast vier Jahrzehnten im Dienst des t\u00fcrkischen Au\u00dfenamts und hat w\u00e4hrend seiner Laufbahn unter anderem in Deutschland, Polen und Aserbaidschan gearbeitet. Bevor er nach Wien kam, war er in Ankara stellvertretender Staatssekret\u00e4r f\u00fcr Allgemeine Politische Angelegenheiten.<\/p>\n<p>Tezcan stammt vom asiatischen Bosporus-Ufer Istanbuls, seine Frau vom europ\u00e4ischen. Sein 23-j\u00e4hriger Sohn studiert in Istanbul, die 31-j\u00e4hrige Tochter hat einen Doktoratsabschluss in deutscher Literatur und lehrt an einer Universit\u00e4t in Istanbul.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>(&#8222;Die Presse&#8220;, Print-Ausgabe, 10.11.2010)<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kadri Ecved Tezcan: Wollen Sie, dass ich im Interview als Diplomat antworte, was langweilig wird? Oder soll ich als jemand antworten, der seit einem Jahr in Wien lebt und viele Kontakte zu den 250.000 T\u00fcrken hier hat? Ich ziehe die zweite Variante vor. Was l\u00e4uft bei der Integration der T\u00fcrken in \u00d6sterreich falsch? 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