{"id":2329,"date":"2010-11-09T14:21:31","date_gmt":"2010-11-09T12:21:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=2329"},"modified":"2014-01-01T22:45:12","modified_gmt":"2014-01-01T20:45:12","slug":"cohn-bendit-turkei-und-europa-brauchen-einander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/11\/09\/cohn-bendit-turkei-und-europa-brauchen-einander\/","title":{"rendered":"Cohn-Bendit: T\u00fcrkei und Europa brauchen einander"},"content":{"rendered":"<p>Auch wenn der t\u00fcrkische Ministerpr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan sich angesichts eines EU-Beitritts eher bedeckt h\u00e4lt, k\u00f6nnte Daniel Cohn-Bendit einer seiner besten F\u00fcrsprecher sein. Auf seiner Reise nach Istanbul Anfang November versuchte der Chef der Gr\u00fcnenfraktion im EU-Parlament dem Beitrittsprozess neuen Schwung zu geben. Um das Thema war es in letzter Zeit still geworden.<\/p>\n<p>Zumindest f\u00fcr die Gr\u00fcnen hat die T\u00fcrkei nach wie vor ihren Platz in Europa.<\/p>\n<p>Christophe Midol-Monnet, euronews: Wir befinden uns hier auf der europ\u00e4ischen Seite des Bosporus. Wie nimmt die T\u00fcrkei Europa wahr?<\/p>\n<p>Daniel Cohn-Bendit, europ\u00e4ischer Gr\u00fcnen-Politiker: Man hat hier einige Schwierigkeiten, Europa zu verstehen. Der Beitrittsprozess wurde in der T\u00fcrkei \u2013 oder zumindest in einem Teil des Landes \u2013 sehr hoffnungsvoll verfolgt. Nun allerdings hat man den Eindruck, dass Europa die T\u00fcrkei ausbremst. Deswegen \u00fcbt Europa auf die T\u00fcrkei keinen gro\u00dfen Reiz mehr aus. Das ist nicht gut.<\/p>\n<p>euronews: Wir wissen, dass Sie einen Beitritt der T\u00fcrkei bef\u00fcrworten. Verstehen Sie sich selbst als eine aussterbende Spezies?<\/p>\n<p>Cohn-Bendit: Die, die einen m\u00f6glichen Beitritt der T\u00fcrkei bef\u00fcrworten, sind in der Minderheit; sie sind zwar keine aussterbende, aber eine bedrohte Spezies. Wenn man aber heutzutage die Wichtigkeit der T\u00fcrkei betrachtet \u2013 ihre diplomatische, politische und wirtschaftliche Bedeutung, dann sollte Europa sich einige Fragen stellen. Denn in die Beziehungen zwischen Europa und der T\u00fcrkei werden mehr und mehr Dinge vermischt. Wir k\u00f6nnen uns aus diesem Prozess jedoch nicht mit einem einfachen \u201cNein\u201d verabschieden. Ich glaube, die Zukunft wird zeigen, dass Europa die T\u00fcrkei braucht und umgekehrt.<\/p>\n<p>euronews: Aber politisch gesehen klafft ein Graben, der sich durch die Bev\u00f6lkerung und die politischen Klassen zieht.<\/p>\n<p>Cohn-Bendit: Wenn wir die Aufgaben betrachten, die momentan vor uns liegen \u2013 wie der Nahost-Konflikt, die Probleme im Dialog mit dem Iran, so braucht die T\u00fcrkei Unterst\u00fctzung aus Europa und den USA, um weiter ihre Rolle zu spielen.<\/p>\n<p>Und ihre Rolle wird anerkannt, weil es einen Verhandlungsprozess mit Europa gibt. Wenn dieser Prozess gekappt wird, k\u00f6nnte die T\u00fcrkei ihre Rolle nicht spielen. Wir werden meiner Meinung nach in den kommenden Monaten ein entspannteres Klima haben, das es heute so noch nicht gibt.<\/p>\n<p>euronews: Nichtsdestotrotz treten die Verhandlungen auf der Stelle.<\/p>\n<p>Cohn-Bendit: Die Beitrittsverhandlungen treten auf der Stelle. Im Juni stehen Wahlen in der T\u00fcrkei an.<\/p>\n<p>Man muss zun\u00e4chst das Problem mit Zypern l\u00f6sen. Zypern ist nicht das gr\u00f6\u00dfte Hindernis, aber es legt vieles lahm. Die Verhandlungen brauchen neuen Anschub. Es muss direkten wirtschaftlichen Austausch mit Nordzypern geben. Dazu muss Europa Druck aus\u00fcben, damit Hafen und Flughafen in Nordzypern ge\u00f6ffnet werden. Die T\u00fcrken werden dann f\u00fcr die griechischen Zyprer die H\u00e4fen und die Flugh\u00e4fen \u00f6ffnen. Ankara muss seine Truppen in Nordzypern reduzieren. Mit politischem Willen w\u00e4re das m\u00f6glich. Unsere Rolle besteht darin, entsprechenden Druck auf den politischen Willen zu machen.<\/p>\n<p>euronews: Wie \u00fcberzeugen Sie pers\u00f6nlich einen Staatsb\u00fcrger von der Bedeutung des t\u00fcrkischen EU-Beitritts?<\/p>\n<p>Cohn-Bendit: Vor den EU-B\u00fcrgern m\u00fcssen die Politiker \u00fcberzeugt werden. Dem B\u00fcrger muss klar gemacht werden, dass ein m\u00e4chtiges Europa im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung die Unterst\u00fctzung der T\u00fcrkei braucht, um Wirtschaft und Umweltfragen zu regeln. Und angesichts der Probleme mit islamischen L\u00e4ndern sowie einer Radikalisierung des Islam und in Hinblick auf den Nahostkonflikts kann die T\u00fcrkei uns gewisse Vorteile bringen, die wir auch brauchen. So m\u00fcssen die EU-B\u00fcrger \u00fcberzeugt werden.<\/p>\n<p>euronews: M\u00fcssen wir auch mit den Klischees \u00fcber Schleier aufr\u00e4umen?<\/p>\n<p>Cohn-Bendit: T\u00fcrkinnen tragen keine Schleier, sie tragen Kopft\u00fccher. Auf dem Land trugen Franz\u00f6sinnen vor ungef\u00e4hr 50 Jahren auch ein Kopftuch. Es handelt sich hier nicht um einen Schleier, sie sind nicht verschleiert, sondern tragen ein Kopftuch. Meines Erachtens besteht das Problem nicht im Kopftuch, sondern in dem, was im Kopf passiert. Haben wir es hier mit einem von der Kirche losgel\u00f6sten Staat zu tun?<\/p>\n<p>Die Debatte in der T\u00fcrkei \u00fcber die n\u00e4chste Verfassung, die nach den Wahlen im Juni verfasst wird, wird von fundamentaler Bedeutung sein. Ein Staat, der die Freiheit aller Individuen sch\u00fctzt, der die Freiheit jedes Glaubens und ein Recht auf Atheismus garantiert, der gleichgeschlechtliche Beziehungen erm\u00f6glicht, genau wie es die grundliegenden europ\u00e4ischen Menschenrechte vorsehen. So sieht die Zukunft in der T\u00fcrkei aus \u2013 mit oder ohne Kopftuch, aber ohne Schleier. Niemand in der T\u00fcrkei ist verschleiert.<\/p>\n<p>euronews: Wir sind an einem Tiefpunkt der t\u00fcrkisch-europ\u00e4ischen Beziehungen angekommen. Wann, falls \u00fcberhaupt, kann es wieder bergauf gehen?<\/p>\n<p>Cohn-Bendit: H\u00f6ren Sie, ich kann nicht hellsehen. Aber nat\u00fcrlich wird es wieder bergauf gehen, weil es gemeinsame Interessen gibt, beide Seiten sind sehr involviert. Aber wann? Keine Ahnung. Unsere Politik muss Druck machen, damit die Verhandlungskapitel wieder ge\u00f6ffnet werden, damit die n\u00f6tigen t\u00fcrkischen Gesetze beispielsweise zu Gewerkschaften vom Parlament verabschiedet werden. Und damit es nach den n\u00e4chsten Wahlen im Juni einen wahrhaften Verfassungsdurchbruch gibt\u2026<\/p>\n<p>Copyright \u00a9 2010 euronews<\/p>\n<p>via\u00a0euronews &#8211; Cohn-Bendit: T\u00fcrkei und Europa brauchen einander.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn der t\u00fcrkische Ministerpr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan sich angesichts eines EU-Beitritts eher bedeckt h\u00e4lt, k\u00f6nnte Daniel Cohn-Bendit einer seiner besten F\u00fcrsprecher sein. Auf seiner Reise nach Istanbul Anfang November versuchte der Chef der Gr\u00fcnenfraktion im EU-Parlament dem Beitrittsprozess neuen Schwung zu geben. Um das Thema war es in letzter Zeit still geworden. 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