{"id":2095,"date":"2010-11-02T14:38:16","date_gmt":"2010-11-02T12:38:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=2095"},"modified":"2023-04-02T12:51:53","modified_gmt":"2023-04-02T09:51:53","slug":"ein-integrationskonzept-fehlt-noch-immer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/11\/02\/ein-integrationskonzept-fehlt-noch-immer\/","title":{"rendered":"&#8222;Ein Integrationskonzept fehlt noch immer&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Migrationsexperte Heinz Fassmann im Interview \u00fcber das Scheitern des Multikulti-Ansatzes, FP\u00d6-w\u00e4hlende Nowotnys und die T\u00fcrkei.<\/strong><\/p>\n<p><strong>DiePresse.com: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel erkl\u00e4rte k\u00fcrzlich den Multikulti-Ansatz f\u00fcr gescheitert. W\u00fcrden Sie zustimmen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2096\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/fassmann.jpg\" alt=\"\" width=\"121\" height=\"151\" \/>Heinz Fassmann:<\/strong> Der Multikuliti-Ansatz in seiner verkl\u00e4rten Vision einer Koexistenz, ohne aufeinander zuzugehen, ist mit Sicherheit gescheitert, auch in \u00d6sterreich. Wir haben mittlerweile eingesehen, dass wir uns trotz kultureller Vielfalt auf ein Mindestma\u00df an gemeinsamen Werten einigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Ausgel\u00f6st hatte die Debatte das Buch von Thilo Sarrazin. Haben Sie es gelesen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe Ausz\u00fcge davon gelesen. Der analytische Teil des Buchs ist sicher ernsthaft zu diskutieren. Bei einer grunds\u00e4tzlichen Sichtweise bin ich unzufrieden: Ein Ausl\u00e4nder bleibt bei Sarrazin immer Ausl\u00e4nder, auch in der zweiten und dritten Generation, deshalb kommt er dann zu sehr bedrohlichen Zahlen, bis sich Deutschland dann eben letztlich abschafft. Er ber\u00fccksichtigt nicht die gesellschaftliche Dynamik. Er greift dann auch zur Fiktion, das ist wissenschaftlich wenig seri\u00f6s.<\/p>\n<p><strong>Sarrazin vermeldete auch, dass &#8222;Muslime eine unterdurchschnittliche Beteiligung am Arbeitsmarkt&#8220; haben. Trifft diese Aussage auch f\u00fcr \u00d6sterreich zu?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das liegt vor allem an der geringen Erwerbsquote t\u00fcrkischer Frauen, die durch den Familiennachzug nach \u00d6sterreich gekommen sind. Das hat mit einer starken Orientierung der Frauen auf Haus und Herd zu tun. Und diese wiederum hat etwas mit Sprachkompetenzen zu tun, aber auch mit einem Familienbild, das wir eigentlich schon vor zwanzig, drei\u00dfig Jahren abgelegt haben. Das sorgt dann auch f\u00fcr Skepsis.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt die Religion selbst bei der Integrationsf\u00e4higkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Man sollte die Religionen nicht stigmatisieren. Es geht eher um Traditionen. Es ist eine verk\u00fcrzte Debatte zu sagen: Jetzt ist der Islam an allem Schuld. Statt den Generalverdacht auf eine Religion zu lenken, sollte man die Dinge beim Namen nennen, zum Beispiel: Uns st\u00f6rt aus gesellschaftspolitischen Gr\u00fcnden die geringe Frauenerwerbsquote oder eine gewisse Macho-Kultur.<\/p>\n<p><strong>Laut einer GFK-Studie f\u00fchlen sich zwei Drittel der t\u00fcrkisch-st\u00e4mmigen B\u00fcrger eher der T\u00fcrkei als \u00d6sterreich zugeh\u00f6rig, eine Mehrheit lehnt die \u00f6sterreichische Lebensweise ab. Woran liegt das?<\/strong><\/p>\n<p>In der gleichen GFK-Studie zeigt sich aber auch, dass sich rund zwei Drittel der T\u00fcrken hier sehr oder eher wohl f\u00fchlen. Es stimmt aber, dass es zu t\u00fcrkischen Zuwandern eine gr\u00f6\u00dfere soziale und kulturelle Distanz gibt, die im tagt\u00e4glichen Leben sp\u00fcrbar ist. Das ist keine Konstruktion. Ein Grund ist vielleicht, dass die T\u00fcrken ein sehr ausgepr\u00e4gtes Nationalbewusstsein besitzen, dass sie nur z\u00f6gerlich und ungern in ein anderes Nationalbewusstsein eintreten l\u00e4sst. Das wird auch manchmal von der t\u00fcrkischen Politik unterst\u00fctzt. Wenn zum Beispiel der t\u00fcrkische Premier Erdogan sagt, dass Assimilation eine S\u00fcnde ist, dann ist das eine klare Aussage: Ihr bleibt immer Teil unserer Volksgemeinschaft.<\/p>\n<p><strong>Warum wurde die Integrationspolitik in \u00d6sterreich lange verschlafen?<\/strong><\/p>\n<p>Es war lange Zeit einfach kein Thema. Als die ersten Gastarbeiter kamen, ging man von einer Art Saisonarbeit aus, dass die Menschen kommen und wenn die Nachfrage am Arbeitsmarkt nachl\u00e4sst, wieder gehen. Die Politik hat lange gebraucht, um zu bemerken, dass Menschen auch hier bleiben, diese Schrecksekunde hat von Anfang der Sechziger bis Anfang des neuen Jahrtausends gedauert, als mit der Integrationsvereinbarung die allererste Ma\u00dfnahme gesetzt wurde. Bis dahin wurden aber zwei Generationen gar nicht mit integrationspolitischen Ma\u00dfnahmen behelligt &#8211; mit dem Erfolg, den wir eben haben.<\/p>\n<p><strong>Jetzt soll die Rot-Wei\u00df-Rot-Card die Zuwanderung aus Drittl\u00e4ndern mit einem Punktesystem regeln. Ein Schritt in die richtige Richtung?<\/strong><\/p>\n<p>Sicher, der gro\u00dfe Nachteil ist aber, dass nur ein kleiner Teil der Zuwanderung dadurch gesteuert werden kann. Und die Ma\u00dfnahme ist nur ein kleiner Baustein im Bereich eines gesamthaften Migrations- und Intergrationskonzepts, das noch immer fehlt.<\/p>\n<p><strong>Warum fehlt es noch immer?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist wenig Raum f\u00fcr eine parteipolitisch neutrale, sachpolitische Diskussion. Standpunkte einer rationalen Mitte sind relativ selten. Diese Situation ist in \u00d6sterreich augepr\u00e4gter als in Deutschland und h\u00e4ngt auch mit unserer Parteienlandschaft zusammen. F\u00fcr die FP\u00d6 ist das Zuwandererthema das einzige Thema, zu dem sie eine pointierte Meinung hat. Auch f\u00fcr die Gr\u00fcnen ist es ein ganz wichtiges Thema mit einer ganz anderen pointierten Meinung.<\/p>\n<p><strong>Sie sind mit dem Niveau der Debatte also nicht gl\u00fccklich?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber mein pers\u00f6nliches Befinden ist nicht wichtig.<\/p>\n<p><strong>Was st\u00f6rt sie inhaltlich?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich einen Appell frei h\u00e4tte, w\u00fcrde ich die Politiker bitten, geduldiger zu sein. Kaum ist gesetzlich implementiert, dass bestimmte Zuwanderer bevor sie kommen, Deutsch lernen sollen, wollen manche schon eine Versch\u00e4rfung dieser Ma\u00dfnahme. Man muss sich einmal anschauen, was ist der Erfolg einer Ma\u00dfnahme, bevor man zur n\u00e4chsten schreitet. Obwohl Sprache nat\u00fcrlich ein Schl\u00fcssel zur gesellschaftlichen Emanzipation ist, hei\u00dft Integration immer auch &#8222;Learning by doing&#8220; und diese Lernprozesse brauchen eben auch Zeit. Die teils hektische Vorschl\u00e4ge nach FP\u00d6-Wahlkampferfolgen sind langfristig nicht haltbar.<\/p>\n<p><strong>Aber m\u00fcssen die Gro\u00dfparteien nicht auf die FP\u00d6-Wahlerfolge reagieren? In Simmering kamen die Freiheitlichen auf 35,5 Prozent&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Der politische Aktionismus wird langfristig nicht die Erfolge zeigen, die erwartet werden. Und Simmering ist einer der Bezirke mit einem eher geringen Ausl\u00e4nderanteil. Ich finde, Wien hat unterm Strich eine vern\u00fcnftige Politik gemacht und auch viel Geld investiert, etwa in den Bereich des Wohnbaus und der Aufwertung von Stadtteilen.<\/p>\n<p><strong>Trotzdem erkl\u00e4rte Salzburgs SP\u00d6-Landeshauptfrau Gabi Burgstaller nach der Wahlpleite in Wien, dass die Sozialdemokraten in die &#8222;Ghettos&#8220; gehen m\u00fcssen. Also gibt es doch Ghettos?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt keine Ghettos, ich sehe auch keine offenen Konflikte im Stadtteilbereich wie etwa in Paris oder Berlin. Auch der Grad der Segregation ist im Vergleich zu anderen Gro\u00dfst\u00e4dten in Wien deutlich geringer. Es gibt aber das Raunzen, das ist keine Frage.<\/p>\n<p><strong>Also ist das Raunzen unberechtigt?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, es gibt einen Punkt, den ich immer bei den Kollegen kritisiere: Man lebt in einem ethnisch homogenen Wohnviertel der sozialen Oberschicht und gibt dann anderen Ratschl\u00e4ge, wie fremdenfreundlich sie sein sollen. Diesen Zynismus erlaube ich mir nicht.<\/p>\n<p><strong>Zur\u00fcck zum Aktionismus: F\u00e4llt auch das von manchen geforderte Minarett-Verbot in diese Kategorie?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Minarett-Verbot w\u00e4re ein Eigentor und rechtlich ohnehin nicht haltbar. Wir haben eine freie Religionsaus\u00fcbung und entsprechende Infrastruktur ist zu erlauben. Man kann aber dar\u00fcber reden, wie sich Minarette in ein Stadtbild einzuf\u00fcgen haben. Da lassen sich auch pragmatische L\u00f6sungen finden.<\/p>\n<p><strong>Von einem Kopftuch-Verbot halten Sie dann auch wenig?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist Integrationspolitik mit der Brechstange. Da steckt die Ungeduld dahinter. Eine Studie in Deutschland zeigt, dass rund sieben Prozent der Zuwanderer einem traditionell-religi\u00f6sen Milieu zuzurechnen sind. Das Problem liegt in der Wahrnehmung: Eine Frau mit Kopftuch auf der Stra\u00dfe impliziert, dass es alle T\u00fcrkinnen tragen, w\u00e4hrend jene ohne Kopftuch in der Masse untergehen.<\/p>\n<p><strong>Was st\u00f6rt sie am meisten in den Stammtisch-Debatten?<\/strong><\/p>\n<p>Dass die gesellschaftliche Dynamik untersch\u00e4tzt wird. Die Zuwanderer von heute sind die B\u00fcrger von morgen. Im 19. Jahrhundert lebten 40 bis 50 Prozent Menschen in Wien, die nicht in der Stadt geboren wurden &#8211; und sie kamen aus allen m\u00f6glichen Teilen der Monarchie. In kurzer Zeit sind aus ihnen die Nowotnys von heute geworden, waschechte Wiener, loyale B\u00fcrger, die vielleicht heute sogar die FP\u00d6 w\u00e4hlen &#8211; das ist die Pointe daran.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Migrationsexperte Heinz Fassmann im Interview \u00fcber das Scheitern des Multikulti-Ansatzes, FP\u00d6-w\u00e4hlende Nowotnys und die T\u00fcrkei. DiePresse.com: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel erkl\u00e4rte k\u00fcrzlich den Multikulti-Ansatz f\u00fcr gescheitert. W\u00fcrden Sie zustimmen? Heinz Fassmann: Der Multikuliti-Ansatz in seiner verkl\u00e4rten Vision einer Koexistenz, ohne aufeinander zuzugehen, ist mit Sicherheit gescheitert, auch in \u00d6sterreich. Wir haben mittlerweile eingesehen, dass [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":83,"featured_media":2096,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[322,349],"tags":[643,29],"class_list":["post-2095","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-editors-picks","category-religionen","tag-heinz-fassmann","tag-sarrazin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2095","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/83"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2095"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2095\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2096"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2095"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2095"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2095"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}