{"id":2084,"date":"2010-11-02T14:26:14","date_gmt":"2010-11-02T12:26:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=2084"},"modified":"2014-01-01T22:39:44","modified_gmt":"2014-01-01T20:39:44","slug":"integrations-serie-zu-hause-in-beiden-kulturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/11\/02\/integrations-serie-zu-hause-in-beiden-kulturen\/","title":{"rendered":"Integrations-Serie: Zu Hause in beiden Kulturen"},"content":{"rendered":"<p>Castrop-Rauxel. Eigentlich wollte die junge Frau aus der anatolischen Gro\u00dfstadt Eskisehir nur einen l\u00e4ngeren Urlaub bei ihrem Onkel in Castrop-Rauxel verbringen. 31 Jahre liegt das jetzt zur\u00fcck, und Ruziye Malkus ist immer noch hier.<\/p>\n<p>Verheiratet mit einem Deutschen, zwei erwachsene Kinder, ein eigenes Haus. Die heute 52-J\u00e4hrige ist schon lange angekommen in ihrer zweiten Heimat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2086\" aria-describedby=\"caption-attachment-2086\" style=\"width: 543px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2086\" title=\"Ruziye Malkus (Bild) vom Interkulturellen Bildungs- und Kulturverein IBKF in Castrop-Rauxel zeigt ihre Arbeit in den R\u00e4umen an der Bodelschwingher Stra\u00dfe. Foto: Joseph-W. Reutter \/ WAZ FotoPool\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/ruziye_malkus.jpg\" alt=\"Ruziye Malkus (Bild) vom Interkulturellen Bildungs- und Kulturverein IBKF in Castrop-Rauxel zeigt ihre Arbeit in den R\u00e4umen an der Bodelschwingher Stra\u00dfe. Foto: Joseph-W. 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Nur eine \u201eFlick-Schneiderei\u201c konnte sie er\u00f6ffnen. Was hauptberuflich nicht klappte, schaffte sie als Honorarkraft bei AWO und VHS: Sie brachte t\u00fcrkischen Frauen das N\u00e4hen bei. Und dabei stellte sie fest, dass sich l\u00e4ngst nicht alle so problemlos wie sie zurecht fanden in der neuen Heimat.<\/p>\n<p>Ihr Schl\u00fcsselerlebnis dann an einer Bushaltestelle. \u201eDa stand eine junge T\u00fcrkin mit einer dicken Backe \u2013 ein Kind im Kinderwagen, eines an der Hand, ein gr\u00f6\u00dferer Sohn. Den bat sie, f\u00fcr sie beim Zahnarzt zu \u00fcbersetzen, und der Sohn wollte daf\u00fcr zehn Mark. Weil sie das Geld nicht hatte, ist sie mit ihren Zahnschmerzen wieder nach Hause gegangen.\u201c 1998 war das, Ruziye Malkus, die damals eine internationale N\u00e4hgruppe in der evangelischen Kirchengemeinde Schwerin leitete, gr\u00fcndete mit f\u00fcnf Gleichgesinnten und mit Unterst\u00fctzung aus Politik und Verwaltung den Internationalen Bildungs- und Kulturverein f\u00fcr Frauen. Seitdem haben Frauen aller Nationalit\u00e4ten in der Schule an der Bodelschwingher Stra\u00dfe eine feste Anlaufstelle.<\/p>\n<p>40 Frauen besuchten gleich zu Beginn die Deutschkurse, die die VHS in den R\u00e4umen des Vereins anbot. Und w\u00e4hrend die M\u00fctter Deutsch b\u00fcffelten, betreuten Ruziye Malkus und ihre Mitstreiterinnen im Nebenraum die Kinder. Sprachkurse gibt es heute vor Ort nicht mehr, aber N\u00e4hkurse, Hausaufgabenbetreuung, Tanz- und Sportangebote, eine Jazzdance- und eine Theatergruppe, alles kostenlos.<\/p>\n<p>\u201eInternationaler Verein\u201c \u2013 das steht nicht nur drauf, das ist auch drin. Nicht nur T\u00fcrkinnen kommen, auch Frauen aus Marokko, Polen und Russland waren von Anfang an mit dabei, wissen, dass sie hier Hilfe und Unterst\u00fctzung in allen Fragen finden. Sie fragen um Rat, wenn sie Formulare ausf\u00fcllen m\u00fcssen, bitten um Begleitung zum Amt, dr\u00fccken Ruziye Malkus ihr Handy in die Hand, weil sie nicht verstehen, was der Arzt ihnen gerade erkl\u00e4ren will. Sie sitzen beisammen und n\u00e4hen aus Altkleidern und gespendeten Stoffen die tollsten Kleidungsst\u00fccke, sie bringen ihre Kinder mit und kochen gemeinsam, oder sie treffen sich einfach nur zum Plaudern.<\/p>\n<p>\u201eVielen Frauen mangelt es an Selbstbewusstsein, sie sind unsicher, haben Angst. Hier ist das ganz anders\u201c, beobachtet Ruziye Malkus jeden Tag. Die Vorsitzende ist die Seele des Vereins, ihre Telefonnummer hat sich dank Mund-zu-Mund-Propaganda auch au\u00dferhalb der Stadt herumgesprochen. \u201e1600 Frauen haben wir im vergangenen Jahr geholfen.\u201c Helfen \u2013 das bedeutet f\u00fcr die quirlige 52-J\u00e4hrige nicht nur eine konkrete Handreichung. Wenn sie mit den Frauen an der N\u00e4hmaschine oder beim w\u00f6chentlichen Frauenfr\u00fchst\u00fcck sitzt, redet sie mit ihnen: \u00fcber famili\u00e4re Situationen, Gesundheitsthemen, Kindererziehung, Gewalt, Bildung.<\/p>\n<p>Integration war f\u00fcr Ruziye Malkus selbst \u00fcberhaupt kein Thema, als sie nach Deutschland kam. \u201eIch habe mich nie als Ausl\u00e4nderin gef\u00fchlt. Ich bin schon integriert hier ankommen.\u201c Das hatte sicher auch damit zu tun, dass sie mit dem n\u00f6tigen Selbstbewusstsein kam, liberal aufgewachsen mit einer alleinerziehenden Mutter (\u201eeine starke Frau\u201c), ausgestattet mit einer guten Schulbildung, mit Berufsabschluss und Studium. Viele andere Migrantinnen k\u00f6nnen davon nur tr\u00e4umen. Nicht wenige k\u00f6nnen nicht einmal in ihrer Muttersprache lesen und schreiben, wei\u00df Ruziye Malkus. \u201eEiner Analphabetin bringt dann auch ein Integrationskurs nichts.\u201c Deshalb bereitet der Internationale Verein sich darauf vor, die Sprachkurse wieder aufleben zu lassen.<\/p>\n<p>M\u00fctter, die der deutschen Sprache m\u00e4chtig sind und verstehen, dass Bildung der Schl\u00fcssel zum Erfolg ist \u2013 das m\u00f6chte Ruziye Malkus erreichen. Bei ihren eigenen Kindern war das eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Die Tochter ist Diplom-Sozialp\u00e4dagogin und Theaterp\u00e4dagogin, der Sohn studiert Betriebswirtschaft. Wie wichtig das ist, m\u00f6chte sie m\u00f6glichst vielen Anderen klar machen: \u201eSie m\u00fcssen begreifen, dass Bildung das beste Geschenk ist, das sie ihren Kindern machen k\u00f6nnen. Was man im Kopf hat, das kann einem niemand nehmen.\u201c<\/p>\n<p>viaIntegrations-Serie: Zu Hause in beiden Kulturen &#8211; Castrop-Rauxel &#8211; DerWesten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Castrop-Rauxel. Eigentlich wollte die junge Frau aus der anatolischen Gro\u00dfstadt Eskisehir nur einen l\u00e4ngeren Urlaub bei ihrem Onkel in Castrop-Rauxel verbringen. 31 Jahre liegt das jetzt zur\u00fcck, und Ruziye Malkus ist immer noch hier. Verheiratet mit einem Deutschen, zwei erwachsene Kinder, ein eigenes Haus. Die heute 52-J\u00e4hrige ist schon lange angekommen in ihrer zweiten Heimat. 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