{"id":2060,"date":"2010-11-01T16:19:16","date_gmt":"2010-11-01T14:19:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=2060"},"modified":"2023-04-02T00:49:20","modified_gmt":"2023-04-01T21:49:20","slug":"reisebericht-gregors-motorradreise-um-die-agais","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/11\/01\/reisebericht-gregors-motorradreise-um-die-agais\/","title":{"rendered":"Reisebericht: Gregor\ufeffs Motorrad\ufeffreise um die \u00c4g\u00e4is"},"content":{"rendered":"<h2 id=\"TRK\">T\u00fcrkei<br \/>\n<strong>26.Mai &#8211; 20. Juni 2003<br \/>\n<\/strong><strong>6.6.2003 &#8211; Edirne<\/strong><\/h2>\n<p>Die Grenzformalit\u00e4ten zur T\u00fcrkei sind wieder mal skurril. Mindestens 5 mal Papiere zeigen, zahlen, stempeln lassen, Formular ausf\u00fcllen, etc. Horden von Menschen sind hier im Dienst, alles ohne viel erkennbaren Sinn und Zweck. Es geht einigerma\u00dfen fix, aber ich m\u00f6chte nicht wissen, wie es in der Hauptsaison zugeht, wenn hier die Warteschlangen in der Hitze schmoren.<\/p>\n<h3>Edirne<\/h3>\n<p>10 km nach der Grenze kommt Edirne. Ich hatte von einer Grenzstadt nicht viel erwartet, drum war die \u00dcberraschung umso gr\u00f6\u00dfer. Eigentlich wollte ich hier nur eine Landkarte kaufen, aber die Stadt nimmt sofort gefangen. Kein Wunder, war doch Edirne Jahrhunderte lang die zweite Hauptstadt des osmanischen Reiches. Dutzende von Minaretten, Basare, Gesch\u00e4fte, und adrette, freundliche Leute. Dann stolpere ich noch ins Hotel &#8222;Kervansaray&#8220;, ehemals eine ottomanische Karavanserei, wie der Name schon sagt. Es ist ein 2-st\u00f6ckiger Arkadenbau mit einem gro\u00dfen, k\u00fchlen, ruhigen Innenhof, \u00e4hnlich dem Innenkreuzgang eines Klosters. Im oberen Stockwerk unter den Arkaden sind die Zimmer, hinter dicken W\u00e4nden, mit kleinen Fenstern und Blick auf den Park.<\/p>\n<p>Edirne gilt als eine der am besten erhaltenen Ottomanischen St\u00e4dte. Ich besuche zwei Moscheen in der Innenstadt, die alte Moschee im Stadtzentrum, und die ber\u00fchmte Moschee des Kalifen Selim, fertiggestellt 1575. Letztere ist ein Kuppelbau von absolut beeindruckenden Ausma\u00dfen, mit einer zentralen Rundkuppel auf vier massiven S\u00e4ulen.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfencafes sind voll. Cola, Tee, Wasser, Eiskrem &#8211; aber niemand trinkt Bier. Das ist im Stra\u00dfencafe verboten, erfahre ich sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Die Nacht verl\u00e4uft etwas unruhig, aber wir sind schlie\u00dflich in der Innenstadt, mitten zwischen den Parkcafes, dem Basar, dem Taxihalteplatz und ein paar Hauptstra\u00dfen.<\/p>\n<h3>7.6. 2003, K\u00fcc\u00fckkuyu<\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-2061\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/troja.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"236\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/troja.jpg 713w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/troja-300x237.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Die ersten 200 km nach Edirne sind flaches, gr\u00fcnes, offensichtlich fruchtbares Ackerland, mit wenigen D\u00f6rfern, wenig Menschen. Es zieht sich, die Entfernungen sind gr\u00f6\u00dfer als ich in meiner Naivit\u00e4t angenommen habe.<\/p>\n<p>Ab Kesan wird&#8217;s h\u00fcgelig, kurz danach kommt das Meer in Sicht. Bei Kadik\u00f6y fahre ich an ein Stranddorf, aber statt mediterranem Remmidemmi ist dort nur ein Kuhdorf und ein paar Fischerboote am naturbelassenen Flachstrand. Das Wasser ist lehmig braun. Ich trinke ein Glas Coke im Dorfcafe, wasche das Helmvisier, und weiter geht&#8217;s.<\/p>\n<p>Dann kommen die Dardanellen, die Meerenge, die das Marmara- mit dem Mittelmeer verbindet. Die n\u00e4chsten 80 km bis Eceabat sind sensationell. Gut ausgebaut, kurvig, mit bl\u00fchendem Ginster am Stra\u00dfenrand, und st\u00e4ndigem Blick auf die Dardanellen. In Eceabat muss ich 45 Minuten auf die F\u00e4hre warten. Das Ticket kostet 1,30 EUR. Zeit f\u00fcr ein gutes Mittagessen.<\/p>\n<p>Auf der F\u00e4hre sind jede Menge Busse und Kids, es ist schlie\u00dflich Samstag. Die Kids kommen aus Istanbul und machen einen Schulausflug nach Troja, und sie probieren ihr Schulenglisch an mir aus. Die F\u00e4hre erreicht nach 30 Minuten das kleinasiatische Ufer in Canakkale. Die Stadt ist wie viele Hafenst\u00e4dte dieser Welt, der Sinn und Zweck dieses Ortes ist &#8222;nix wie weg&#8220;.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he, 15 km s\u00fcdwestlich, liegt Troja, wo mich ein Dutzend Souvenirshops, Restaurants, br\u00fcllende Hitze, und eine der ber\u00fchmtesten Ausgrabungen des Landes erwarten.<\/p>\n<p>Etwa weitere 100km s\u00fcdwestlich sto\u00dfe ich wieder auf die K\u00fcste und mache Halt in K\u00fcc\u00fckkuyu. Ein verschlafenes Fischer- und Olivenbauerndorf. Am Hafen gibt es ein halbes Dutzend Tavernen mit ausschlie\u00dflich einheimischen Touristen. Im Restaurant Eyl\u00fc\u00f6 gibt es gutes Essen mit Live-Entertainment, ein Sp\u00e4thippie singt alle Weltschlager, bis eine t\u00fcrkische Kundin einstimmt, und die ist richtig gut. Der Chef, Saffet, war als junger Mann in Deutschland, hat jede Menge n\u00fctzliche Informationen f\u00fcr meine weitere Reise und unterh\u00e4lt mich blendend. Nach dem dritten Raki verabschiede ich mich in die wohlverdiente Nachtruhe.<\/p>\n<h3>8.6.2003 &#8211; von K\u00fcc\u00fckkuyu nach Bergama<\/h3>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck und das Bad im Meer wirken nur langsam, ich leide noch an den drei Raki von gestern Abend. Erst um 11:30 Uhr komme ich los. Beim Packen ist der linke Spiegel abgefallen, einfach so. Der Bruch war wohl schon lange im Entstehen. Ohne diesen R\u00fcckspiegel f\u00e4hrt sich&#8217;s gar nicht gut, da muss schnellstens Ersatz her, aber das wird wohl erst in Izmir gehen.<\/p>\n<p>Es ist unheimlich hei\u00df, schon nach wenigen Kilometern muss das Leder weg, sonst erleide ich den Hitzetod. \u00dcber 35\u00b0, sch\u00e4tze ich. Schnell zeigt sich, dass K\u00fcc\u00fckkuyu nicht nur die vertr\u00e4umte Oase ist als die sie sich gestern am Hafen darbot, sondern der Anfang vom Business an diesem K\u00fcstenstrich. Es gibt hier Hunderte von Ferienhaussiedlungen, verstaubte D\u00f6rfer, die in der Metamorphose zur Touri-Industriestadt sind. Nicht so doll.<\/p>\n<p>Nach Armutova beschlie\u00dfe ich, die Schnellstra\u00dfe an der K\u00fcste zu verlassen. \u00dcber die Berge f\u00fchrt eine Nebenstra\u00dfe \u00fcber Kozak 60 km nach Bergama &#8211; das ist was f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Es f\u00e4ngt gut an. Kein Verkehr, leidlich gute Stra\u00dfe in sch\u00f6ner H\u00fcgellandschaft. Nach der halben Strecke wird&#8217;s jedoch kriminell, die Stra\u00dfe ist fl\u00fcssig von der Hitze, als h\u00e4tte es Teer geregnet. Nach 10 km, im bergigen, kurvenreichen Teil, kommt &#8222;Linderung&#8220;, da haben die massenhaft Sand gestreut, wohl um den Teer zu binden. Kurven und Sand &#8211; Prost Mahlzeit. Ich bewege mich mit weniger als 30 KM\/h fort. Und das ist gut so. Bei Kozak biegt ein Verr\u00fcckter volles Rohr unmittelbar vor mir aus einem Waldweg in meine Fahrbahn ein. Ich entgehe nur mit viel Gl\u00fcck einem Sturz oder einer Kollision. Hitze, Teer, Sand, Spiegel fehlt, und Kameltreiber am Steuer, mein Kopf brummt und die Stimmung k\u00f6nnte besser sein.<\/p>\n<h3>Bergama<\/h3>\n<p>In Bergama (das antike Pergamon) habe ich genug und steige in der Pension &#8222;B\u00f6blingen&#8220; ab. Ich besuche die \u00f6rtlichen, ber\u00fchmten Sehensw\u00fcrdigkeiten, soweit ich bei der Hitze die Motivation daf\u00fcr aufbringen kann. Der spektakul\u00e4rste Fund, zum Beispiel der\u00a0Zeus-Altar aus der Akropolis von Pergamon, ist seit 130 Jahren sowieso nicht mehr hier zu besichtigen, dazu muss man nach Berlin in das gleichnamige Museum fahren.<\/p>\n<p>Heute ist in der Innenstadt beim Fu\u00dfballstadion gro\u00dfes Volksfest mit Markt. Ich lasse mich zwischen tausenden von Menschen durchschubsen. Anscheinend wird dieses Volksfest stark von Leuten aus der konservativ l\u00e4ndlichen Umgebung frequentiert, fast alle Frauen tragen Kopft\u00fccher.<\/p>\n<h3>9.6.2003 &#8211; Izmir und Cesme<\/h3>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck fahre ich mit dem Pensionswirt zu dessen Schwager&#8217;s Autowerkstatt. Dort wird f\u00fcr meinen abgebrochenen R\u00fcckspiegel geschwind ein neuer Gewindebolzen gedreht und angeschwei\u00dft. Passt wie neu. Um 11 Uhr bin ich wieder on the Road, Richtung Izmir.<\/p>\n<h3>Izmir<\/h3>\n<p>Izmir erinnert mich an Saloniki, viel Verkehr und statt einer Uferpromenade nur eine Schnellverkehrsstra\u00dfe. Aber ich will nicht meckern, ich habe Izmir nicht wirklich gesehen. Die Zeit beginnt mir knapp zu werden, ich muss herausfinden, ob ich von hier irgendwie mit der F\u00e4hre nach Pir\u00e4us komme. Nach langem Telefonieren erfahre ich, dass es eine F\u00e4hre von Cesme, 85 km westlich von Izmir, zur griechischen Insel Chios gibt. Ich will zum F\u00e4hrb\u00fcro in Izmir, gerate dabei auf die Stadtautobahn nach S\u00fcdwesten, finde keine Gelegenheit zum Wenden oder zur Ausfahrt. Bevor ich mich&#8217;s versehe, bin ich bereits 15 km au\u00dferhalb der Stadt. Jetzt mag ich nicht mehr zur\u00fcck, die Sehensw\u00fcrdigkeiten von Izmir hab ich wohl verpasst. Ich bin sicher, dass ein Aufenthalt von mindestens einem Tag mir durchaus die Reize dieser Stadt erschlossen h\u00e4tte. Ein andermal vielleicht.<\/p>\n<h3>Cesme<\/h3>\n<p>Cesme ist ein kleines, gem\u00fctliches Hafennest, mit einem Kastell, einer h\u00fcbschen Altstadt, netten Restaurants und der Gem\u00e4chlichkeit der Vorsaison. Am F\u00e4hrb\u00fcro treffe ich zwei Gold Wings aus Waiblingen, das sind die ersten Motorradtouristen meiner ganzen Reise bisher. Wir essen zusammen und reden Reise und Benzin. Wir finden eine Pension f\u00fcr 4,50 EUR pro Person, spottbillig und noch nicht mal schlecht.<\/p>\n<h3>10.6.2003 &#8211; von Cesme nach Chios<\/h3>\n<p>Morgens um 9:30 geht die F\u00e4hre. Einer der Wing-Reiter hat das Zollformular f\u00fcr seine Maschine verloren, das bringt f\u00fcr ihn schlimme Komplikationen. Er muss zum Zollamt, den Verlust melden, und die genaue Zeit und den Ort der Einreise angeben, damit die Z\u00f6llner von dort eine Kopie der Einfuhrdokumente per Fax anfordern k\u00f6nnen. Die Prozedur dauert 6 Stunden und kostet 90 EUR, also verpasst er die F\u00e4hre nach Chios. Schlimmer noch, er ist kein EU-B\u00fcrger und braucht ein Visum f\u00fcr die T\u00fcrkei, aber das l\u00e4uft heute ab, also muss er wegen der verpassten F\u00e4hre wahrscheinlich auch noch irgendwie sein Visum verl\u00e4ngern.<\/p>\n<p>So leid es mir tut, muss ich den Ungl\u00fccksraben seinen Problemen \u00fcberlassen und fahre allein nach Chios los.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T\u00fcrkei 26.Mai &#8211; 20. Juni 2003 6.6.2003 &#8211; Edirne Die Grenzformalit\u00e4ten zur T\u00fcrkei sind wieder mal skurril. Mindestens 5 mal Papiere zeigen, zahlen, stempeln lassen, Formular ausf\u00fcllen, etc. Horden von Menschen sind hier im Dienst, alles ohne viel erkennbaren Sinn und Zweck. 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