{"id":2009,"date":"2010-10-29T10:43:15","date_gmt":"2010-10-29T07:43:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=2009"},"modified":"2023-04-01T22:17:08","modified_gmt":"2023-04-01T19:17:08","slug":"2009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/10\/29\/2009\/","title":{"rendered":"Muslima mit Kopftuch machen Karriere"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"font-weight: normal;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2010\" title=\"image001\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/image0011.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/image0011.jpg 483w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/image0011-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/span><\/strong><\/p>\n<p>Foto: Ulrich Baumgarten \/ vario images (2), privat (3) Erfolgreich in Deutschland: Rufeida Al-Mustapha (o.l.), Yeliz Kesmen (u.l.), Nurhan Soykan (M.), Ayse Uslu-Marschalskowsi (o.r.) und H\u00fclya Dogan (u.r.)<\/p>\n<p><strong>Diese Muslima haben trotz Kopftuch Karriere gemacht<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p>Jung, erfolgreich, gl\u00e4ubig: F\u00fcnf muslimische Frauen erz\u00e4hlen, was es hei\u00dft, als Kopftuchtr\u00e4gerin in Deutschland Karriere zu machen.<\/p>\n<p>Von Sonja Vukovic<\/p>\n<p>Was diese Frauen gemeinsam haben, ist ihr Glaube und das Kopftuch, mit dem sie diesen betonen. Ihre Lebenswege in Deutschland sind jedoch genauso verschieden, wie ihr Umgang mit den Vourteilen und H\u00fcrden, denen sie als Kopftuchtr\u00e4gerin ausgesetzt waren. Jede auf ihre Art hat Karriere gemacht.<\/p>\n<h3>Die Architektin<\/h3>\n<p>Die Selbstzweifel kamen 2005. Ayse Uslu-Marschalkowski hatte damals ihr Architektur-Studium mit 2,0 abgeschlossen. Trotzdem blieben die meisten ihrer Bewerbungen unbeantwortet. Bundesweit hatte sie sich bei etwa 30 B\u00fcros beworben. \u201eIch war mir sicher, dass man mich einladen und kennen lernen wollen w\u00fcrde.\u201c Doch nur drei antworteten. Eingestellt hat sie niemand.<\/p>\n<p>\u201ePl\u00f6tzlich fragte ich mich, was meinen Wert als Menschen ausmachte \u2013 das, was auf meinem Kopf ist oder darin?\u201c, sagt die Dortmunderin. Die muslimische Kurdin hatte eigentlich geglaubt, vor Diskriminierung sicher zu sein, seit sie im Alter von zw\u00f6lf Jahren mit ihren Eltern und den vier Geschwistern aus politischen Gr\u00fcnden die ostt\u00fcrkische Provinz Bing\u00f6l verlassen und in Deutschland Asyl beantrag hatte. Ihrem Vater hatte das Gef\u00e4ngnis gedroht, weil er als Lehrer die Geschichte und das Rechtssystem der T\u00fcrkei kritisiert hatte.<\/p>\n<h3>Die Anw\u00e4ltin<\/h3>\n<p>Nurhan Soykan wusste zuerst nicht, was ein Gymnasium ist. Aber ihr Lehrer in der K\u00f6lner Grundschule hatte die meisten ihrer deutschen Klassenkameraden daf\u00fcr empfohlen. \u201eWir Ausl\u00e4nder sollten alle zur Hauptschule\u201c, sagt die heute 40-j\u00e4hrige geb\u00fcrtige T\u00fcrkin. Das fand sie ungerecht. Auch, \u201edass wir Kinder mit Migrationshintergrund die Tests nicht mitschreiben brauchten. Unser Lehrer war nett. Er dachte wohl, wir w\u00e4ren \u00fcberfordert.\u201c Aber Nurhan Soykan wollte gepr\u00fcft werden. Und sie wollte auf ein Gymnasium gehen. Leistung ist wichtig, das hatte sie von ihren Eltern gelernt.<\/p>\n<h3>Die Designerin<\/h3>\n<p>Yeliz Kesmen hat 13.000 Fans bei Facebook. Genauer gesagt ihre Firma Styleislam. Das Label steht f\u00fcr legere Freizeitmode mit einem Touch Orient. In einer ehemaligen Zahnarztpraxis in Witten entwirft Yeliz Kesmen zusammen mit ihrem Mann Melih Kesmen T-Shirts, Pullover, Taschen, Schl\u00fcsselanh\u00e4nger und andere Accessoires. Mit Spr\u00fcchen wie \u201eMake \u00c7ay Not War\u201c, oder: \u201eTerrorism has no Religion\u201c.<\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4ftsidee entstand im Sommer 2005 in England. Islamistische Terroristen hatten Bomben in der Londoner U-Bahn gez\u00fcndet. Die Kesmens lebten damals in der britischen Hauptstadt. Als Kinder t\u00fcrkischer Gastarbeiter waren sie in Deutschland geboren und aufgewachsen. Melih war fr\u00fcher als Hip-Hopper bei \u201eEmi Electrola\u201c unter Vertrag, Yeliz hatte Grafikdesign studiert.<\/p>\n<p>In London \u201ewollten wir etwas Neues ausprobieren und haben in einer Werbeagentur den Design Bereich geleitet\u201c, sagt Yeliz Kesmen. Dann entbrannte der Karikaturenstreit. Und Melih schrieb sich auf ein Shirt \u201eI love my Prophet\u201c (Ich liebe meinen Propheten). \u201eDie britischen Muslime waren begeistert. Sie h\u00e4tten ihm das Shirt fast vom Leib gerissen\u201c, erz\u00e4hlt Yeliz Kesmen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Deutschland gr\u00fcndeten sie \u201eStyleislam\u201c. Yeliz Kesmen, 31 Jahre alt und Mutter eines zweij\u00e4hrigen Sohnes, bekennt sich seit ihrem 26. Lebensjahr mit einem Kopftuch zum islamischen Glauben. Ganz anders, als ihre Mutter, ihre Tanten oder ihre Schwester. F\u00fcr Yeliz Kesmen rundet es \u201edas Muslima-Sein ab.\u201c So f\u00fchlt sie, seit sie 2006 mit ihrem Mann und Freunden nach Mekka pilgerte. Intoleranz und Rassismus kennt sie nicht aus pers\u00f6nlicher Erfahrung, daf\u00fcr aber die Ohnmacht angesichts angeblicher Glaubensbr\u00fcder, die den Islam missbrauchen.<\/p>\n<p>\u201eZeigt, wer wir sind\u201c, fordert sie daher ihre Fans auf Facebook auf, mit den Kleidern \u201eein positives Zeichen zu setzen\u201c. Mit Erfolg: Shops der Firma gibt es nun in Istanbul und in der saudiarabischen Prophetenstadt Medina.<\/p>\n<h3>Die Soziologin<\/h3>\n<p>Mutig und selbstbewusst ist der Blick dieser sonst eher zart anmutenden Frau. Ihre Stimme ist fest, ihre Wortwahl locker. &#8222;Meine Mutter hat mir immer vertraut, auch wenn ich auf einer Party war&#8220;, sagt Rufeida Al-Mustapha. &#8222;Ich war nie ein Party-Girl, das st\u00e4ndig um die H\u00e4user zog. Aber ich habe schon \u00f6fter mal bis sp\u00e4t in die Nacht gefeiert.&#8220; Und das Vertrauen ihrer Mutter st\u00e4rkte ihr Selbstvertrauen. &#8222;Ich bin ich. Ich habe ein Recht dazu. Und ich will deshalb nicht gleich in eine Schublade gesteckt werden.&#8220;<\/p>\n<p>Rufeida Al-Mustapha, 34 Jahre, mit syrischen Wurzeln, geboren im westf\u00e4lischen Heiligenhausen, ist Deutsche. Und sie ist Muslima. Es ist f\u00fcr sie eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, Partys zu feiern. Das gehe schlie\u00dflich auch ohne Alkohol und mit Kopftuch, sagt sie. Seit ihrem 13. Lebensjahr tr\u00e4gt sie Kopftuch &#8211; aber auch auff\u00e4llige Ohrringe und Ketten. &#8222;Ich habe mich immer wie eine Ausl\u00e4nderin gef\u00fchlt, weil es mir mein Umfeld so vermittelt hat&#8220;, sagt die Soziologin. Aber das sei kein schlechtes Gef\u00fchl gewesen. Im Gegenteil: &#8222;Ich war oft etwas Besonderes, was f\u00fcr mich auch von Vorteil war.&#8220;<\/p>\n<p>Und auch ihre Lehrerinnen waren anders: Sie trugen Nonnentracht samt Kopfbedeckung. Denn ab der 5. Klasse besuchte Rufeida Al-Mustapha eine katholische M\u00e4dchenschule in Bonn. Kurz zuvor war ihr Vater gestorben und die Mutter mit den Kindern in die damalige Bundeshauptstadt gezogen. Rufeida Al-Mustapha hat gelernt, Schicksalsschl\u00e4ge als Ansporn zu nehmen. Inzwischen hat sie Islamwissenschaften studiert und arbeitet bei einem Bonner Markt- und Sozialforschungsinstitut. Ihre beiden T\u00f6chter sind vier und f\u00fcnf Jahre alt. Sp\u00e4ter, da ist sich Rufeida Al-Mustapha sicher, sollen sie auch feiern gehen d\u00fcrfen: &#8222;Ich versuche, meinen Kindern ein Vorbild zu sein, menschlich und religi\u00f6s. Sp\u00e4ter d\u00fcrfen sie sich ihren Weg suchen. Sie sollen das Gef\u00fchl haben, dazuzugeh\u00f6ren, so wie sie sind. Sonst werden sie nicht weiterkommen &#8211; wir sind Deutsche und geh\u00f6ren zu dieser Gesellschaft, auch als Muslime.&#8220;<\/p>\n<h3>Die Stadtr\u00e4tin<\/h3>\n<p>H\u00fclya Dogan h\u00e4lt ihr Ohr in der Hand. Es ist eine plastische Nachbildung, mit dessen Hilfe die Audiologin-Assistentin erkl\u00e4rt, wie das H\u00f6rorgan funktioniert. Ihre echten Ohren sind von einem Kopftuch verdeckt. H\u00fclya Dogan, 34 Jahre und freie Mitarbeiterin in einer Bonner HNO-Praxis, ist muslimische Deutsche mit t\u00fcrkischen Vorfahren.<\/p>\n<p>Sie war erst zehn Jahre alt, als sie sich entschloss, das Kopftuch zu tragen \u2013 freiwillig, wie sie sagt. Und doch sei es keine leichte Entscheidung gewesen. Klassenkameraden rissen ihr immer mal wieder das Tuch vom Kopf, ein Lehrer am Gymnasium lobte sogar die \u201earische Reinheit\u201c ihrer nicht muslimischen Mitsch\u00fcler \u2013 damit habe er sie klar ausgrenzen wollen, meint Dogan. Schwer sei diese Zeit f\u00fcr sie gewesen, sagt sie.<\/p>\n<p>Es liegt kein Groll in ihrer Stimme, wenn sie davon erz\u00e4hlt. Nicht einmal Entt\u00e4uschung. Denn ganz anders war die Stimmung sp\u00e4ter an der Universit\u00e4t Bonn. Ihr Kopftuch spielte keine Rolle mehr. Auf dem Campus lernte sie ihren sp\u00e4teren Ehemann kennen: Damals hie\u00df er noch Sebastian Eichelbaum. Jetzt hei\u00dft er Sinan Sebastian Dogan. Kurz nachdem sie sich kennen gelernt hatten, konvertierte er zum Islam<\/p>\n<p>Aus dem ersten M\u00e4dchen mit Kopftuch in der Schule von einst ist inzwischen die erste Frau mit Kopftuch in einem deutschen Kommunalparlament geworden. Vor den Wahlen in Nordrhein-Westfalen Ende August 2009 \u00fcberlegte H\u00fclya Dogan, wen sie w\u00e4hlen sollte, wer ihre Interessen am Besten vertreten k\u00f6nnte. Seit Jahren arbeitet sie ehrenamtlich f\u00fcr den Rat der Muslime sowie beim Arbeitskreis Muslime und Christen. Gemeinsam mit Freunden aus diesen Kreisen gr\u00fcndete sie zwei Monate vor der Wahl die Partei \u201eB\u00fcndnis f\u00fcr Innovation und Gerechtigkeit\u201c, kurz BIG. Fast 2800 Stimmen erhielten sie, und damit zwei Sitze im Bonner Stadtrat. Vor der ersten Sitzung sei sie aufgeregt gewesen, sagt sie. Ihr Kopftuch zog viele Blicke an. Aber daran h\u00e4tten sich die \u201eStadtratskollegen mittlerweile gew\u00f6hnt\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Foto: Ulrich Baumgarten \/ vario images (2), privat (3) Erfolgreich in Deutschland: Rufeida Al-Mustapha (o.l.), Yeliz Kesmen (u.l.), Nurhan Soykan (M.), Ayse Uslu-Marschalskowsi (o.r.) und H\u00fclya Dogan (u.r.) Diese Muslima haben trotz Kopftuch Karriere gemacht Jung, erfolgreich, gl\u00e4ubig: F\u00fcnf muslimische Frauen erz\u00e4hlen, was es hei\u00dft, als Kopftuchtr\u00e4gerin in Deutschland Karriere zu machen. 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