{"id":1982,"date":"2010-10-28T19:11:51","date_gmt":"2010-10-28T16:11:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1982"},"modified":"2014-01-01T22:31:54","modified_gmt":"2014-01-01T20:31:54","slug":"am-rand-von-europa-erasmus-in-einem-konservativen-stadtteil-istanbuls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/10\/28\/am-rand-von-europa-erasmus-in-einem-konservativen-stadtteil-istanbuls\/","title":{"rendered":"Am Rand von Europa &#8211; Erasmus in einem konservativen Stadtteil Istanbuls"},"content":{"rendered":"<p>VON\u00a0KATJA HEISE @<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1983\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/istanbul_west_east.jpg\" alt=\"\" width=\"355\" height=\"237\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/istanbul_west_east.jpg 355w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/istanbul_west_east-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 355px) 100vw, 355px\" \/><\/p>\n<p>Schon seit dem Beginn meines Politikstudiums 2004 an der Philipps-Universit\u00e4t in Marburg, wei\u00df ich: Nach dem Grundstudium soll es ins Ausland gehen, ein Austauschsemester als\u00a0Erasmusstudent. Aber nicht nach Spanien, England oder Holland. Ich will ein bisschen weiter weg, ein bisschen exotischer. Wohin? Ich gehe die Liste der Universit\u00e4ten durch, mit denen Marburg einen Austauschvertrag hat: Zur Auswahl stehen Italien,\u00a0USA, Kanada, sogar S\u00fcdafrika. Und ganz unten in der Liste steht: Istanbul. Ich wei\u00df sofort: Da will ich\u00a0hin.<\/p>\n<h2>Zu sechst auf 20 Quadratmetern &#8211; das\u00a0M\u00e4dchenwohnheim<\/h2>\n<p>Als mein Flugzeug \u00fcber Istanbul auf dem\u00a0Atat\u00fcrk Airport\u00a0zur Landung ansetzt, bekomme ich kurz Angst. Blitzschnell kommt mir in den Sinn, was jetzt alles schief gehen kann. Immerhin bin ich das erste Mal in der\u00a0T\u00fcrkei und ich spreche kein Wort T\u00fcrkisch. \u201eDort sprechen sowieso alle Englisch\u201c, hatte mir mein Erasmuskoordinator versprochen. Weit\u00a0gefehlt.<\/p>\n<p><em>Bei meiner Ankunft bekomme ich kurz Angst\u2026 ich spreche kein Wort T\u00fcrkisch |\u00a0\u00a9Objektivist\/flickr<\/em><\/p>\n<p>Im M\u00e4dchenstudentenwohnheim angekommen empfangen mich drei Damen aus der Heimadministration. Sie l\u00e4cheln freundlich und ich bekomme einen starken t\u00fcrkischen Kaffee zu trinken, aber Englisch sprechen sie leider kein Wort. Da mir keine andere L\u00f6sung einf\u00e4llt, unterschreibe ich eine Liste der Wohnheimregeln, ohne deren Inhalt zu verstehen. Das wird wohl in Ordnung gehen, denke ich mir, bis mir sp\u00e4ter eine andere Studentin aus Estland erkl\u00e4rt, was ich unterschrieben habe: Sperrstunde ist um 20 Uhr, Besuch ist verboten, insbesondere M\u00e4nner sind strengstens\u00a0untersagt.<\/p>\n<p>Links zum Weiterlesen:Erasmus in Istanbul &#8211; Die Zeit meines Lebens &amp;Erasmus auf dem Catwalk Campus\u00a0Istanbul<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wohne ich mit f\u00fcnf weiteren M\u00e4dchen auf einem Zimmer, leider spricht auch hier keine Englisch. Bett an Bett auf 20 Quadratmetern. Besitz und Konsum von Alkohol und Zigaretten wird strengstens geahndet. Das ist nicht, was sich die meisten jungen, europ\u00e4ischen Austauschstudenten von ihrem Erasmussemester erwarten. Mal ehrlich &#8211;\u00a0Erasmus\u00a0&#8211; das steht f\u00fcr ein bisschen studieren in einem anderen Land und sehr viel Party, Party und, genau:\u00a0Party.<\/p>\n<p>Insbesondere f\u00e4llt mir auf, dass die jungen Menschen hier &#8211; anders als in Deutschland &#8211; bis in ihre Zwanziger hinein eine sehr intensive Betreuung durch die \u00c4lteren erfahren. M\u00f6chte eine Studentin ausgehen oder die Nacht wegbleiben, werden die Eltern informiert. Au\u00dferdem gibt es hier so genannte \u201eAblas\u201c bzw. \u201eAbi\u201c. Ersteres sind \u00e4ltere Jungs, \u201aAbi\u2018 \u00e4ltere M\u00e4dels, die j\u00fcngeren Studenten als Ansprechpartner dienen, aber auch ein bisschen aufpassen, dass ihre Sch\u00fctzlinge sich in erster Linie der Uni widmen. Dieses System in deutschen Wohnheimen? Absolut undenkbar. Ob das nun gut so ist oder nicht, dar\u00fcber l\u00e4sst sich streiten und ich f\u00fchre mehr als eine hitzige Diskussion dar\u00fcber, ob und wann junge Menschen \u201eallein\u201c ins Leben hinaus geschickt werden sollten, wie es in Deutschland f\u00fcr das Studium \u00fcblich\u00a0ist.<\/p>\n<p>Fakt ist aber auch: Einsame, unsichere und oft auch vollkommen \u00fcberforderte junge Menschen, allein in gro\u00dfen St\u00e4dten, die ohne ihre gewohntes Umfeld nicht klar kommen und es auch auf lange Zeit nicht schaffen, sich zu integrieren &#8211; wie es in Deutschland leider sehr oft vorkommt &#8211; habe ich in Istanbul nicht\u00a0erlebt.<\/p>\n<h2>Seminardiskussion mal\u00a0anders<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend meines Austauschsemesters studiere ich an der Fatih-Universit\u00e4t, einer konservativen Privatuniversit\u00e4t weit ab vom Stadtzentrum Istanbuls. Der gro\u00dfe Vorteil gegen\u00fcber meiner Uni in Marburg: Die Dozenten nehmen sich sehr viel Zeit und stehen jederzeit f\u00fcr Einzelgespr\u00e4che zur Verf\u00fcgung. Und was ich in Deutschland nie erwarten k\u00f6nnte: Mit den Professoren entwickeln sich hier schnell Freundschaften, man trinkt zusammen Kaffee, kennt und nennt sich beim Vornamen. Da bleibt viel Zeit f\u00fcr Diskussionen, \u00fcber Politik zum Beispiel &#8211; und das um einiges kontroverser als von zu Hause\u00a0gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Beim Plausch mit einem promovierten Politologen prallen schon mal die Weltbilder aufeinander: \u201eWarum Demokratie? Eine Milit\u00e4rdiktatur k\u00f6nne die staatlichen Angelegenheiten doch viel besser regeln\u201c &#8211; belehrt mich ein Politikdozent der\u00a0Istanbul Universit\u00e4t. Meine erste Reaktion ist Sprachlosigkeit, dann Wut. Schlie\u00dflich versuche ich mit Argumenten zu \u00fcberzeugen &#8211; manchmal mit Erfolg, meistens weniger &#8211; und auch das lerne ich irgendwann zu verstehen. Heute sind wir Freunde, wir sprechen beim Tee dann eben \u00fcber den neuesten\u00a0Tratsch.<\/p>\n<p>Und doch empfinde ich solche Streitgespr\u00e4che im Nachhinein als unendlich wertvoll. Ich lerne meine Argumente und Standpunkte von ihrem Fundament aus zu erkl\u00e4ren. \u201eWarum soll Volkssouver\u00e4nit\u00e4t denn so gut sein?\u201c In Istanbul lernte ich mein Weltbild selbst zu hinterfragen und Schlagworte wie \u201eDemokratie\u201c und \u201eMenschenrechte\u201c nicht als Universalziel vorauszusetzen. \u201eDas Milit\u00e4r hat in der T\u00fcrkei immer f\u00fcr Frieden und Stabilit\u00e4t gesorgt\u201c, so das Argument meines Dozenten. \u201eUnd wenn einem Land ein B\u00fcrgerkrieg droht, dann haben diese Ziele erst einmal Priorit\u00e4t.\u201c Dabei fiel mir auf, dass meine Ideen von Richtig und Falsch zu einem erschreckend hohen Grad auf meine eigene kleine Welt gem\u00fcnzt sind. Es gibt eben nicht nur eine L\u00f6sung &#8211; und Wahrheiten sind wohl auch immer nur Resultate von Ausgangsituation und k\u00f6nnen also weder absolut noch universell anwendbar sein. Schade\u00a0eigentlich.<\/p>\n<h2>Istanbul: Islam und\u00a0Atat\u00fcrk<\/h2>\n<p>Bis zu 17 Millionen Einwohner leben in der t\u00fcrkischen Metropole. In dieser Menschenmasse spiegelt sich die gesellschaftliche Heterogenit\u00e4t der T\u00fcrkei wider. Hier gibt es alles: Im Stadtzentrum zum Beispiel tobt das Leben. Alkohol auf der Stra\u00dfe ist erlaubt, Transvestiten sitzen im Starbucks, t\u00fcrkische M\u00e4dchen im Mini &#8211; \u201ehier ist es europ\u00e4ischer als in Europa\u201c witzeln die T\u00fcrken \u00fcber die Partymeile in\u00a0Taksim, im Herzen von Istanbul. Die Menschen hier glauben an die Maxime des t\u00fcrkischen Staatsgr\u00fcnders Atat\u00fcrk: die Ausrichtung der T\u00fcrkei gen Westen f\u00fcr Wohlstand und Modernit\u00e4t. Die Leute, die ich auf der Stra\u00dfe treffe, halten den Islam f\u00fcr \u201e\u00fcberholt\u201c, europ\u00e4isch ist\u00a0\u201ein\u201c.<\/p>\n<p><object data=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/GL7BNfiwmjo?fs=1&amp;amp;hl=en_US\"><\/object><em>Taksim Platz mitten in Istanbul | Hier trifft sich das Partyvolk der t\u00fcrkischen Metropole, zum Beispiel f\u00fcr ein Tribute an den King of Pop (Oktober\u00a02009)<\/em><\/p>\n<p>Ich setze mich in einen Bus und fahre eine Stunde gen Osten. Hier bietet sich ein vollst\u00e4ndig anderes Istanbul. Dort reiht sich Hochhaus an Hochhaus so weit das Auge reicht, dort erstrecken sich die Wohnkomplexe der t\u00fcrkischen Mittelschicht. Hier erkl\u00e4rt mir ein T\u00fcrke, dass arrangiere Ehen die besseren Ehen sind und Frauen zu sensibel seien f\u00fcr die Welt vor der Haust\u00fcr. \u00dcberhaupt sind Frauen hier kaum auf der Stra\u00dfe zu sehen, und wenn, dann verh\u00fcllt, obwohl Kopft\u00fccher in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden verboten\u00a0sind.<\/p>\n<p><em>Eine Deutsche in Istanbul: Frauen werden hier mit sehr viel Respekt behandelt | Gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig? Die Nichtbeachtung der Frau stellt hier ein Zeichen von Respekt dar.<\/em>In Istanbul haben die T\u00fcrkinnen aber einen Trick, um ihre Haare trotzdem zu bedecken: Das Kopftuch bleibt an, aber dar\u00fcber tragen sie eine Per\u00fccke. Das sieht oft sehr seltsam aus, ist aber allgemein akzeptiert. Auch ansonsten werden Frauen mit sehr viel Respekt behandelt. Im Bus gehen freie Pl\u00e4tze immer an weibliche Mitfahrer und manchmal bleibt auch der Sitz daneben frei. Hier unterwegs mit meinem Kommilitonen, beim Bummeln oder Ausgehen sieht mir kein Mann in die Augen oder spricht mich an. Den Kellner, der uns ein Eis serviert, will ich freundlich anl\u00e4cheln &#8211; werde aber vollst\u00e4ndig ignoriert. Das erste Mal ist das seltsam und ich bin ein bisschen verletzt. Aber als ich verstehe, dass die Nichtbeachtung einer Frau ein Zeichen von Respekt darstellt, sehe ich das anders. Es f\u00fchlt sich sogar eigentlich ganz gut\u00a0an.<\/p>\n<p>Ein Erasmussemester in Istanbul ist eine unwahrscheinlich bereichernde Erfahrung. Man sollte sich auf ein wenig Anpassungsf\u00e4higkeit einstellen, aber f\u00fcr mich ist klar &#8211; Istanbul muss ich wieder sehen. Und zwar n\u00e4chstes Jahr schon, dann n\u00e4mlich schreibe ich dort meine Magisterarbeit \u00fcber islamische Einfl\u00fcsse in der t\u00fcrkischen Innenpolitik &#8211; und das geht am besten vor\u00a0Ort.<\/p>\n<p>Fotos: \u00a9Leif\/flickr; \u00a9Objektivist\/flickr; \u00a9boublis\/flickr; Video \u00a9justuur\/Youtube<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VON\u00a0KATJA HEISE @ Schon seit dem Beginn meines Politikstudiums 2004 an der Philipps-Universit\u00e4t in Marburg, wei\u00df ich: Nach dem Grundstudium soll es ins Ausland gehen, ein Austauschsemester als\u00a0Erasmusstudent. Aber nicht nach Spanien, England oder Holland. Ich will ein bisschen weiter weg, ein bisschen exotischer. Wohin? 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