{"id":1934,"date":"2010-10-28T16:38:55","date_gmt":"2010-10-28T13:38:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1934"},"modified":"2023-04-05T17:27:48","modified_gmt":"2023-04-05T14:27:48","slug":"offener-brief-an-alice-schwarzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/10\/28\/offener-brief-an-alice-schwarzer\/","title":{"rendered":"Offener Brief an ALICE SCHWARZER"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1949\" title=\"Sabine Plonz_Briefsymbol\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/Sabine-Plonz_Briefsymbol.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"28\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/Sabine-Plonz_Briefsymbol.jpg 432w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/Sabine-Plonz_Briefsymbol-300x28.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Dialog oder Machtdemonstration?<br \/>\nWie Integrationsdebatten nicht gef\u00fchrt werden d\u00fcrfen und Frauenfeindlichkeit nicht \u00fcberwunden wird<\/p>\n<p><strong>Offener Brief an ALICE SCHWARZER<\/strong><br \/>\nanl\u00e4sslich der Fernsehsendung \u201eMenschen bei Maischberger\u201c mit Alice Schwarzer, Zehra Yilmaz und anderen am 12.10.2010 in der ARD<\/p>\n<p>Sehr geehrte Frau Schwarzer,<br \/>\nals politisch engagierte B\u00fcrgerin, die den Aufbruch der zweiten Frauenbewegung als Sch\u00fclerin erlebte, habe ich gro\u00dfen Respekt vor Ihrer historischen Leistung \u2013 zumal mir in den letzten Jahren die gro\u00dfe M\u00fchsal fr\u00fc-herer Frauengenerationen im Kampf um die heute erlangten Rechte sehr bewusst geworden ist. Als sozial-wissenschaftlich kompetente Theologin, als Wissenschaftlerin und Besch\u00e4ftige der evangelischen Kirche kann ich Ihrer Auffassung, dass \u201ewir\u201c hierzulande v\u00f6llige Gleichheit von Frauen und M\u00e4nnern h\u00e4tten und alles in sch\u00f6nster Ordnung sei, keineswegs zustimmen. Diese Meinung \u00e4u\u00dferten Sie in der Sendung \u201eMen-schen bei Maischberger\u201c am 12.10.2010, auf die ich mich im Folgenden kritisch beziehe.<br \/>\nIch w\u00fcrde diesen offenen Brief nicht schreiben, wenn es mir nur um eine andere politische Einsch\u00e4tzung zur Gleichberechtigung von Frauen ginge. Sie haben diese Darstellung aber als leuchtendes Vorbild genutzt, vor dem sich umso dunkler die Lage von Frauen anderer L\u00e4nder abzeichnen sollte, die nicht zur westlichen Hemisph\u00e4re geh\u00f6ren. Was mich zum Widerspruch treibt, sind Ihre Aussagen und Ihr Diskussionsverhalten in der erw\u00e4hnten Sendung im Allgemeinen und konkret im Gegen\u00fcber \u2013 vom Miteinander kann frau hier nicht sprechen \u2013 zur muslimischen Repr\u00e4sentantin Zehra Yilmaz aus Duisburg. Ihr belehrendes, raumgrei-fendes und st\u00e4ndig die andere Frau unterbrechendes Auftreten lie\u00df Dialogbereitschaft vermissen. Ihre sachlichen und sprachlichen Fl\u00fcchtigkeitsfehler (Koran vor 600 Jahren geschrieben; \u201eislamistisches Kopf-tuch\u201c \u2026 ), die schon einer Anf\u00e4ngerin des Islamdialogs auffallen, sind Ausdruck einer fl\u00e4chigen und absch\u00e4t-zigen Wahrnehmung Ihres Diskussionsgegenstandes.<br \/>\nDass Sie im Angesicht der p\u00e4dagogischen Referentin der Ditib-Begegnungsst\u00e4tte in Duisburg-Marxloh ihr anrecherchiertes Halbwissen \u00fcber die internen Vorg\u00e4nge der dortigen Moschee und Begegnungsst\u00e4tte kundtaten und dabei die Folgerung nahelegten, dort sei der Fundamentalismus auf dem Vormarsch, zeugt von Ihrem \u00dcberlegenheitsanspruch \u2013 und ist journalistisch wie politisch gedankenlos. Man verbreitet nicht vor einem Millionenpublikum Unterstellungen, die ausgerechnet diejenigen, die sich jahrzehntelang im Dialog engagieren, in ein zweideutiges Licht r\u00fccken und konkret Frau Yilmaz keine Chance lie\u00dfen, als Ge-spr\u00e4chspartnerin in den weiteren Verlauf der Sendung einzugreifen. Es ist absurd zu meinen, dass eine An-gestellte in einer Fernsehsendung Interna ihres Arbeitsgebers kritisch diskutieren k\u00f6nnte. Und es war un-fair, die Erfahrungen der Diskriminierung, die Frau Yilmaz und andere machen, mit derartigen Man\u00f6vern abzub\u00fcgeln. Solche Kommunikationsmuster, die in der \u00d6ffentlichkeit derzeit oft wahrzunehmen sind, ver-hindern zudem, dass andere, weniger \u201eintegrierte\u201c Frauen mit viel traditionelleren Auffassungen als Fr. Yilmaz ihre Haltungen auch einmal selbstbewusst relativieren und sich f\u00fcr die von \u201euns\u201c so stolz beschwo-rene Aufkl\u00e4rung erw\u00e4rmen. Im Gegenteil: solche Machtdemonstrationen treiben Menschen mit Erfahrun-gen der Schw\u00e4che und der Zur\u00fccksetzungen dahin, sich an autorit\u00e4re Orientierungen zu halten und gegen-\u00fcber den vermeintlich M\u00e4chtigen aggressiv zu werden (Das d\u00fcrfte zumindest teilweise hinter der neuer-dings beklagten \u201eDeutschenfeindlichkeit\u201c von Jugendlichen stecken, die das Wort \u201eChrist\u201c als Schimpfwort verwenden \u2013 was wahrhaftig besorgniserregend ist. Aber sind solche Spr\u00fcche nicht auch ein Echo auf den Ruf \u201eIslamist\u201c?).<br \/>\nSie haben das Publikum um die Gelegenheit gebracht, herauszufinden, wie eine religi\u00f6se Frau, die wichtige Forderungen der zweiten Frauenbewegung in ihrem eigenen Leben umsetzt, dieses Leben mit ihrer religi\u00f6-sen Praxis verbindet. In der aktuellen, xenophobisch bis rassistisch gef\u00e4rbten Debatte w\u00e4re es wichtig, mit der \u201eAnderen\u201c als B\u00fcrgerin dar\u00fcber zu reden, wie in der Zuwanderungsgesellschaft ein demokratischer Konsens aussehen k\u00f6nnte, der zwischen s\u00e4kularer Verfassung und pluralistischer Anerkennungspraxis ver-mittelt. Das haben sie nicht versucht. Vielmehr folgen sie derselben Diskurstaktik wie die Rechtspopulisten, die den Anti-Islamismus auf die Vorderseite ihrer deutsch-nationalistischen politischen M\u00fcnze pr\u00e4gen.<br \/>\nDie evangelische Kirche in Duisburg hat den Bau konkret dieser Moschee und der Begegnungsst\u00e4tte in Marxloh begleitet; wir kooperieren, wo immer das praktisch m\u00f6glich ist, mit diesem Partner; die Kirche am Ort hat sich generell \u00fcber Jahre f\u00fcr den Dialog mit Muslimen eingesetzt \u2013 auch gegen Fundamentalisten in den eigenen Reihen. In der evangelischen und katholischen Kirche wird bei engagierten Fachleuten und Mandatstr\u00e4gern gro\u00dfer Wert auf die Entwicklung eines Islam in Deutschland gelegt, der hier beheimatet und diskursoffen ist. Und zwar aus religi\u00f6s-theologischen wie auch aus verantwortungsethischen politi-schen Gr\u00fcnden. Diese Zielsetzung, von der wir erwarten w\u00fcrden, dass alle Demokraten sie teilen, werden wir nur durch eine herrschaftskritische Diskurspraxis erreichen.<br \/>\nZur \u00dcberwindung des Patriarchats, von Diskriminierung und struktureller wie physischer Gewalt gegen Frauen, die aktuell erstaunlicherweise von Jedermann, bis hin zu traditionalistischen religi\u00f6sen und politi-schen Organisationen in Deutschland vertreten und von den B\u00fcrgern muslimischen Glaubens gefordert wird, leisten Sie mit solchen Auftritten keinen Beitrag. Um diese Ziele zu erreichen, m\u00fcsste man die realen Machtgef\u00e4lle zwischen eingewanderten und heimischen Patriarchen wie Demokraten konstitutiv in die Analyse von Fehlentwicklungen in Migranten-Communities einbeziehen. Das setzt eine Kritik der Aus-schlussmechanismen unserer Gesellschaft zwingend voraus. Es w\u00fcrde ferner dazu geh\u00f6ren, die Lebens- und Arbeitswelten von Frauen aus verschiedenen Gesellschaften und Kulturen nicht \u00fcber einen (germanischen) Kamm zu scheren, sondern nach ihren jeweiligen Identit\u00e4ten und St\u00e4rken zu fragen. Es w\u00fcrde dazu geh\u00f6-ren, B\u00fcrgerinnen muslimischen, anderen oder auch keinen religi\u00f6sen Glaubens in Theoriearbeit und Praxis volle Partizipation zuzugestehen. Es geht um die Rechte, die wir seit der Ermordung der Frauenrechtlerin Olympe de Gouges (1793) durch m\u00e4nnliche b\u00fcrgerliche Verfechter der \u201euniversalen\u201c Menschenrechte in der franz\u00f6sischen Revolution \u2013 wenn auch sp\u00e4t und noch unvollkommen \u2013 sogar in Deutschland erk\u00e4mpft haben. Wir sollten sie nicht leichtfertig in \u201eIntegrationsdebatten\u201c aufs Spiel setzen.<br \/>\nMit kritischem Gru\u00df,<\/p>\n<p>Pfr. \u00edn Dr. Sabine Plonz<\/p>\n<p>Postanschrift:\tAm Burgacker 14 &#8211; 16, 47051 Duisburg<br \/>\nAuskunft erteilt: \tDr. Sabine Plonz<br \/>\nTelefon:\t(02 03) 29 51 \u2013 3177<br \/>\n(02 03) 29 51 &#8211; 0 (Zentrale)<br \/>\nTelefax:\t(02 03) 29 51 &#8211; 192<br \/>\nEmail:\tsabine.plonz@kirche-duisburg.de<br \/>\nInternet:\twww.kirche-duisburg.de<br \/>\nDatum:\t18.10.2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dialog oder Machtdemonstration? 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