{"id":1922,"date":"2010-10-28T10:38:37","date_gmt":"2010-10-28T07:38:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1922"},"modified":"2010-10-28T10:39:20","modified_gmt":"2010-10-28T07:39:20","slug":"herbst-am-bosporus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/10\/28\/herbst-am-bosporus\/","title":{"rendered":"Herbst am Bosporus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbst am Bosporus<\/strong><br \/>\n_____________________________________________________<br \/>\nVon Aluf Benn<\/p>\n<p>Die Freunde und Familienmitglieder klangen besorgt: \u201eIstanbul! Ist das nicht gef\u00e4hrlich da?\u201c Aber die Reisewarnungen haben nichts mit der Realit\u00e4t gemein. Trotz der Gaza-Flottille, der Krise in den Beziehungen und den w\u00fcsten R\u00fcgen von Ministerpr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan, bekommt kein Israeli in Istanbul irgendwelche Probleme. Die Grenzbeamten am Flughafen von Istanbul bspw. sind sehr viel h\u00f6flicher und effektiver als ihre amerikanischen Pendants. Auf der Stra\u00dfe, im Hotel, im Restaurant, im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch \u2013 nie verzog jemand das Gesicht, wenn er h\u00f6rte, dass wir aus Israel sind.<\/p>\n<p>Ich war zu einer Konferenz eingeladen, die vom t\u00fcrkischen Industriellenverband und der Bogayici-Universit\u00e4t veranstaltet wurde und sich der Krise in den Beziehungen zwischen der T\u00fcrkei und Israel widmete. Unsere kemalistischen Gastgeber sind keine gro\u00dfen Anh\u00e4nger Erdogans und seiner Partei. Aber trotz der fehlenden Begeisterung \u00fcber den politischen Wind, der aus Ankara her\u00fcber weht, haben auch sie eine kritische Botschaft an Jerusalem parat.<\/p>\n<p>Aus ihrer Sicht brach die Beziehungskrise aus, als Israel die Milit\u00e4roperation \u201eGegossenes Blei\u201c begann, einige Tage nach dem Besuch Ministerpr\u00e4sident Ehud Olmerts bei Erdogan, bei dem die Beiden einen Durchbruch zwischen Israel und Syrien anzubahnen versuchten. Olmert gab seinem Gastgeber keinen Hinweis auf den herannahenden Krieg, und Erdogan war tief verletzt, als dieser ausbrach. \u201eIn der T\u00fcrkei bestand gro\u00dfe Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Israel, das ein Paradies in der W\u00fcste geschaffen hat, und heute sorgt man sich um die Pal\u00e4stinenser\u201c, sagt der Professor f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften Refik Ezran. \u201eBei all meiner Freundschaft zu Israel und den Juden erf\u00fcllte doch auch mich der Zorn \u00fcber die Erniedrigung der Pal\u00e4stinenser, die in Gaza ihren H\u00f6hepunkt erreichte. Die Zerst\u00f6rung von \u00f6ffentlichen Einrichtungen, Schulen und Krankenh\u00e4usern macht Menschen zu Tieren, man muss die humanit\u00e4re Lage in Gaza verbessern.\u201c<\/p>\n<p>Der fr\u00fchere Botschafter in Israel Volkan Vural, der eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des t\u00fcrkisch-israelischen B\u00fcndnisses vor einem Jahrzehnt spielte, mochte die Flottille nicht \u2013 er kann aber nur schwer verstehen, warum Israel sich weigert, sich bei den T\u00fcrken f\u00fcr die T\u00f6tung ihrer Zivilisten zu entschuldigen. Er weist die in Israel um sich greifende Ansicht zur\u00fcck, wonach die T\u00fcrkei zu einem neuen Iran w\u00fcrde. \u201eDie Regierung Erdogan verdient diese Kritik nicht. Seine Partei hat sich vom politischen Islam zur konservativen Demokratie entwickelt. J\u00fcngst wurde das Element kultureller islamischer Identit\u00e4t hinzugef\u00fcgt, aber nicht auf gef\u00e4hrlichem Niveau. Die Mehrheit hierzulande ist gegen das Einsickern des Islam in die Au\u00dfenpolitik.\u201c<\/p>\n<p>Die Rehabilitation der Beziehungen sollte sich am franz\u00f6sischen Modell orientieren. Frankreich war einst der strategische Partner Israels, der ihm den Atomreaktor lieferte. Und dann kam Charles de Gaulle an die Macht, der sich schrittweise von Israel distanzierte und sich der arabischen Welt ann\u00e4herte &#8211; genau wie Erdogan. Der Sechstagekrieg war die Flottille de Gaulles \u2013 seine Gelegenheit zur Brechung des B\u00fcndnisses mit Israel und zur Verh\u00e4ngung des Embargos. In den Augen der Israelis war dies ein unverzeihlicher Verrat, in den Augen Frankreichs sah Israel wie ein aggressiver und krimineller Staat aus, als es auf das Embargo mit dem Kapern der Cherbourg-Boote reagierte. Die offiziellen Beziehungen sind danach nie wieder erbl\u00fcht \u2013 nicht einmal unter dem pro-israelischen Pr\u00e4sidenten Sarkozy -, aber dies tut dem bl\u00fchenden Handel (weniger als mit der T\u00fcrkei), dem Massentourismus und den kulturell-akademischen Beziehungen keinen Abbruch. Viele Israelis sind in Paris verliebt, und es ist ihnen gleich, ob die israelische Luftwaffe Mirage- oder F16-Jets fliegt.<\/p>\n<p>Dies ist, was auch mit der T\u00fcrkei geschehen muss: Istanbul und Tel Aviv k\u00f6nnen reparieren, was Ankara und Jerusalem kaputtgemacht haben. Der Handel zwischen beiden L\u00e4ndern ist seit Anfang des Jahres um 30% angestiegen. Der israelische T\u00fcrkei-Tourismus ist eingebrochen, kann aber wieder zur\u00fcckkehren. Und es gibt eine gro\u00dfe Gelegenheit der Ann\u00e4herung zwischen den s\u00e4kularen Eliten in beiden L\u00e4ndern, die den Traum und die Schwierigkeit einer Integration in den Westen teilen und ebenso die Furcht vor dem Erstarken der Religi\u00f6sen. Die s\u00e4kularen T\u00fcrken \u00e4hneln den Tel Avivern: Im neuen Restaurant \u201eBird\u201c im Stadtteil Pera sind die G\u00e4ste schick und bekommen nur schwer einen Platz, ganz wie in der \u201eKantina\u201c auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv. Nur die Kleidung ist ein wenig moderater als bei uns.<\/p>\n<p>Es wird nicht leicht sein. \u201eDeine Idee ist sch\u00f6n und gut\u201c, sagte mir einer der gastgebenden Professoren. \u201eAber es ist schwer f\u00fcr uns, ein Visum f\u00fcr Israel zu bekommen und uns \u00fcberhaupt der schwer befestigten Botschaft zu n\u00e4hern.\u201c Schwer zu glauben, dass sich dies bald \u00e4ndern wird. Und dennoch sagt Botschafter Vural: \u201eMan muss einen Weg finden, um die Krise zu \u00fcberwinden und neue Beziehungen zu kn\u00fcpfen. Vielleicht nicht mehr so enge wie in der Vergangenheit, aber korrekte. Das liegt im Interesse beider Staaten und auch des Westernisierungsprozesses der T\u00fcrkei.\u201c<\/p>\n<p>(Haaretz, 27.10.10)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbst am Bosporus _____________________________________________________ Von Aluf Benn Die Freunde und Familienmitglieder klangen besorgt: \u201eIstanbul! Ist das nicht gef\u00e4hrlich da?\u201c Aber die Reisewarnungen haben nichts mit der Realit\u00e4t gemein. Trotz der Gaza-Flottille, der Krise in den Beziehungen und den w\u00fcsten R\u00fcgen von Ministerpr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan, bekommt kein Israeli in Istanbul irgendwelche Probleme. 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