{"id":1692,"date":"2010-10-20T16:06:39","date_gmt":"2010-10-20T14:06:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1692"},"modified":"2014-01-01T22:29:07","modified_gmt":"2014-01-01T20:29:07","slug":"wulff-kritisiert-turkisches-macho-gehabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/10\/20\/wulff-kritisiert-turkisches-macho-gehabe\/","title":{"rendered":"Wulff kritisiert t\u00fcrkisches &#8222;Macho-Gehabe&#8220;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1693\" aria-describedby=\"caption-attachment-1693\" style=\"width: 459px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1693\" title=\"Christian Wulff gestern bei seiner Rede im Parlament in Ankara. Er ist der erste Bundespr\u00e4sident, der vor den t\u00fcrkischen Abgeordneten gesprochen hat. Foto: dpa\/DPA\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/wulff_in_tbmm.jpg\" alt=\"Christian Wulff gestern bei seiner Rede im Parlament in Ankara. Er ist der erste Bundespr\u00e4sident, der vor den t\u00fcrkischen Abgeordneten gesprochen hat. Foto: dpa\/DPA\" width=\"459\" height=\"306\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/wulff_in_tbmm.jpg 459w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/wulff_in_tbmm-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 459px) 100vw, 459px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1693\" class=\"wp-caption-text\">Christian Wulff gestern bei seiner Rede im Parlament in Ankara. Er ist der erste Bundespr\u00e4sident, der vor den t\u00fcrkischen Abgeordneten gesprochen hat. Foto: dpa\/DPA<\/figcaption><\/figure>\n<p>Staatsbesuches\u00a0ver\u00f6ffentlichte die Zeitung &#8222;H\u00fcrriyet&#8220; gestern ein Interview mit Christian Wulff. Darin w\u00fcrdigt er die Reformen unter Atat\u00fcrk, dem Gr\u00fcnder der modernen T\u00fcrkei. Am Vormittag, noch vor der Begr\u00fc\u00dfung mit milit\u00e4rischen Ehren, besucht Wulff in Ankara das Atat\u00fcrk-Mausoleum. Er legt einen Kranz nieder &#8211; und verharrt anschlie\u00dfend schweigend vor dem gewaltigen marmornen Sarkophag. Soldaten geleiten das deutsche Staatsoberhaupt zum Gedenkbuch f\u00fcr Atat\u00fcrk. &#8222;Er war Sch\u00f6pfer der modernen T\u00fcrkei und Wegbereiter nach Europa&#8220;, tr\u00e4gt Wulff in das Buch ein. Er w\u00fcrdigt Atat\u00fcrks Werk &#8222;in Hochachtung&#8220;.<\/p>\n<p>Lob und Ehrerbietung f\u00fcr Atat\u00fcrk, den Vork\u00e4mpfer des Laizismus und den Gr\u00fcnder der s\u00e4kularen T\u00fcrkei, kommen indes ein wenig seltsam daher w\u00e4hrend dieses Staatsbesuchs. So sehr sich Deutsche und T\u00fcrken in den vergangenen Jahrzehnten stets hinter Atat\u00fcrk und dessen Verdiensten versammelt haben, so \u00fcberholt erscheint heute die beschworene Trennung von Staat und Kirche. Die Religion ist aus ihrer Nische herausgetreten. Zuweilen erscheint sie als das wichtigste Thema zwischen beiden Staaten. Ausgerechnet heute, zur Begr\u00fc\u00dfung Wulffs, schreitet Hayr\u00fcnnisa G\u00fcl, die Ehefrau des t\u00fcrkischen Staatspr\u00e4sidenten, die milit\u00e4rische Ehrenformation mit einem Kopftuch ab. Aus laizistischer Sicht begeht die Ehefrau des ersten Mannes im Staate einen Traditionsbruch. Die Kemalisten sind der Ansicht, das Kopftuch habe im \u00f6ffentlichen Raum nichts verloren. Hayr\u00fcnnisa G\u00fcls Bekenntnis d\u00fcrfte deshalb in der T\u00fcrkei Wellen schlagen.<\/p>\n<p>Doch die Religion erf\u00e4hrt nicht nur \u00fcber das Kopftuch Aufmerksamkeit. Auch der Bundespr\u00e4sident widmet Islam und Christentum allerlei Platz. Sein Wort vom 3. Oktober, wonach der Islam inzwischen auch zu Deutschland geh\u00f6re, ist in der T\u00fcrkei positiv registriert worden. Und so wie Wulff, etwas simplifizierend, in seiner Bremer Rede sagte, Christentum, Judentum und Islam geh\u00f6rten zu Deutschland, so konstatierte er gestern in Ankara: &#8222;Vielleicht wissen wir zu wenig von den Gemeinsamkeiten der drei monotheistischen Weltreligionen.&#8220; Wulff also gibt eine Art Nathan den Weisen des 21. Jahrhunderts ab. Er wirbt f\u00fcr Toleranz wie einst Gotthold Ephraim Lessing in der ber\u00fchmten Ringparabel. Einen &#8222;echten&#8220; Ring, eine &#8222;echte&#8220; Religion, gibt es f\u00fcr\u00a0Christian Wulff nicht. Das ist f\u00fcr manch einstigen Parteifreund starker Tobak. Wenngleich es wohl Wulff am\u00fcsieren d\u00fcrfte, dass konservativ-klerikal argumentierende Landsleute zwar den Islam f\u00fcr seine R\u00fcckst\u00e4ndigkeit attackieren, aber ebenso fremdeln mit einer Frau an der Spitze von CDU und Regierung. Zumal es sich gar um eine kinderlose Protestantin handelt! Ein solches Denken liegt dem westdeutschen, einstigen CDU-Politiker Wulff fern.<\/p>\n<p>Den Religionen widmet sich Wulff auch, als er zu\u00a0seiner Rede vor der t\u00fcrkischen Nationalversammlung\u00a0ansetzt. Nicht einmal jeder zweite orangefarbene Sessel im Parlament zu Ankara ist besetzt. Nur sehr gem\u00e4chlich erheben sich die Abgeordneten, w\u00e4hrend der Bundespr\u00e4sident den Saal betritt &#8211; und wieder, als er ihn 22 Minuten sp\u00e4ter verl\u00e4sst. Wulff ist der erste Bundespr\u00e4sident, der hier spricht. W\u00e4hrend der Rede klingeln allerlei Mobiltelefone. Wie \u00fcblich eilt Wulff so schnell durch sein Manuskript, dass er manch klugen Gedanken unter Wert verkauft. Nur an einer Stelle bleibt Raum f\u00fcr einen Zwischenapplaus, als er der T\u00fcrkei dankt, von den Nationalsozialisten verfolgte Deutsche aufgenommen zu haben.<\/p>\n<p>Zur Beruhigung im eigenen Land benennt der Bundespr\u00e4sident in Ankara Probleme etwas pr\u00e4gnanter, als er es am 3. Oktober tat. \u00dcber &#8222;Verharren in Staatshilfe&#8220; und &#8222;Machogehabe&#8220; klagt er, mit dem Zusatz, dies gebe es nicht nur bei Einwanderern. Von &#8222;multikulturellen Illusionen&#8220; spricht Wulff, bezieht diese aber, rhetorisch geschickt, auf die Vergangenheit. Er scheut sich nicht, ausgerechnet seinen stark kritisierten Satz vom Islam zu paraphrasieren, indem er heute feststellt: &#8222;Das Christentum geh\u00f6rt zweifelsfrei zur T\u00fcrkei.&#8220; Wulff l\u00e4sst aber ebenso unerw\u00e4hnt, dass der Apostel Paulus auf heute t\u00fcrkischem Boden, in Tarsus, geboren wurde. Die christlichen Wurzeln der heutigen T\u00fcrkei liegen auf der Hand. Konstantinopel galt als das \u00f6stliche Rom. Die T\u00fcrkei war christlich, bevor sie von den Muslimen erobert wurde. Die Christen wurden hier verfolgt und vertrieben.<\/p>\n<p>In Tarsus werde er, k\u00fcndigt Wulff an, morgen einen \u00f6kumenischen Gottesdienst mitfeiern. Die dortige Paulus-Kirche ist ein Museum, soll aber wieder zur Kirche werden. &#8222;Wir erwarten&#8220;, sagt Wulff selbstgewiss, &#8222;dass Christen in islamischen L\u00e4ndern das gleiche Recht haben, ihren Glauben \u00f6ffentlich zu leben, ihren eigenen theologischen Nachwuchs auszubilden und Kirchen zu bauen.&#8220; Den Kemalisten gef\u00e4llt solch ein Satz nicht. Doch auch in Deutschland, in der traditionell kirchenfernen FDP, d\u00fcrfte Wulffs Akzent auf dem Religi\u00f6sen nicht auf Beifall sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Bei all seinen S\u00e4tzen zu Christen und Muslimen, zu Kirchen und Moscheen spricht Wulff am Ende seiner Rede von seiner Hoffnung auf eine friedliche Welt im 21. Jahrhundert. &#8222;Frieden im Lande und Frieden in der Welt&#8220;, beendet er seine Rede mit einem Zitat. Erst auf Deutsch, dann auf T\u00fcrkisch. Das Zitat stammt von &#8211; Mustafa Kemal Atat\u00fcrk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Staatsbesuches\u00a0ver\u00f6ffentlichte die Zeitung &#8222;H\u00fcrriyet&#8220; gestern ein Interview mit Christian Wulff. Darin w\u00fcrdigt er die Reformen unter Atat\u00fcrk, dem Gr\u00fcnder der modernen T\u00fcrkei. Am Vormittag, noch vor der Begr\u00fc\u00dfung mit milit\u00e4rischen Ehren, besucht Wulff in Ankara das Atat\u00fcrk-Mausoleum. Er legt einen Kranz nieder &#8211; und verharrt anschlie\u00dfend schweigend vor dem gewaltigen marmornen Sarkophag. 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