{"id":1654,"date":"2010-10-19T22:31:11","date_gmt":"2010-10-19T20:31:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1654"},"modified":"2014-01-01T22:23:10","modified_gmt":"2014-01-01T20:23:10","slug":"halte-durch-europa-die-turkei-kommt-als-retter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/10\/19\/halte-durch-europa-die-turkei-kommt-als-retter\/","title":{"rendered":"\u201cHalte durch, Europa, die T\u00fcrkei kommt als Retter\u201d"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-1655\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/egeman-bagis-interview.jpeg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"180\" \/>The European: Mesut \u00d6zil ist heftig f\u00fcr seine Entscheidung kritisiert worden, f\u00fcr Deutschland zu spielen. Wenn Sie ihn auf dem Spielfeld sehen, empfinden Sie Neid oder Stolz?<\/strong><br \/>\nBagis: Mesut \u00d6zil ist einer der besten europ\u00e4ischen Fu\u00dfballspieler. Ich hoffe, dass es noch mehr t\u00fcrkischst\u00e4mmige Fu\u00dfballspieler geben wird, die nicht nur f\u00fcr Deutschland, sondern f\u00fcr Nationalmannschaften in Europa und auf der ganzen Welt spielen werden. Er ist ein gutes Beispiel f\u00fcr Integration und eine Inspiration f\u00fcr den Beitritt der T\u00fcrkei in die EU.<\/p>\n<p><strong>The European: Die T\u00fcrkei bem\u00fcht sich bereits seit Jahrzehnten darum, EU-Mitglied zu werden. Fangen Sie an, die Geduld zu verlieren?<\/strong><br \/>\nBagis: Die T\u00fcrkei wird die Geduld nicht verlieren. Mit jedem Tag, der vergeht, steigt Europas Anh\u00e4ngigkeit von der T\u00fcrkei, w\u00e4hrend die Abh\u00e4ngigkeit der T\u00fcrkei von Europa abnimmt. Momentan liegt der Altersdurchschnitt in der T\u00fcrkei bei 28 Jahren und in Deutschland bei 45 Jahren. \u00dcber 70 Prozent der europ\u00e4ischen Energieressourcen liegen im t\u00fcrkischen Grenzgebiet. Die T\u00fcrkei ist eines der wenigen L\u00e4nder, in dem Islam und Demokratie seit mehr als 200 Jahren nebeneinander bestehen. Das macht die T\u00fcrkei zu einem wichtigen Partner f\u00fcr die Integrationspolitik in Europa. Zus\u00e4tzlich besitzt die T\u00fcrkei das gr\u00f6\u00dfte Milit\u00e4r und die am schnellsten wachsende Wirtschaft in ganz Europa. Daher glaube ich, dass die Beziehungen zwischen der T\u00fcrkei und der EU auf einer Win-win-Situation basieren. Wir brauchen einander. Keine der Parteien kann es sich erlauben, die andere zu verlieren. Wir sollten uns nicht von t\u00e4glichen Frustrationen oder politischen Differenzen dieses wichtige Projekt kaputt machen lassen. Immerhin ist die EU das gr\u00f6\u00dfte Friedensprojekt in der Geschichte der Menschheit.<\/p>\n<p><strong>The European: Mit der T\u00fcrkei als Mitgliedsstaat w\u00fcrden sich die \u00f6stlichen Grenzen der EU in Richtung Iran, Irak und Syrien verschieben \u2026<\/strong><br \/>\nBagis: Vielleicht ist genau das erforderlich, um mehr Frieden in diesen instabilen Teil der Welt zu bringen. Immer wenn Europa sich vergr\u00f6\u00dfert, vergr\u00f6\u00dfern sich auch Wohlstand, Sicherheit und Solidarit\u00e4t. Es liegt im Interesse Europas, sich mit Bedrohungen f\u00fcr die Entwicklung auseinanderzusetzen.<\/p>\n<h6>\u201cWir sollten nicht auf den Iran herabschauen\u201d<\/h6>\n<p><strong>The European: Die T\u00fcrkei hat ihre Beziehungen zum Iran vertieft. Inwiefern beeinflusst das die Diplomatie Ihres Landes mit anderen europ\u00e4ischen Nationen?<\/strong><br \/>\nBagis: Die Beziehungen zwischen der T\u00fcrkei und dem Iran sind im internationalen Vergleich nicht sonderlich stark. Deutschland hat gute diplomatische Beziehungen zum Iran, Frankreich auch. Wir leben in einer globalisierten Welt. Man erreicht iranische Zugest\u00e4ndnisse beim Atomprogramm nicht durch Isolation, sondern durch Integration, Einbindung, Kommunikation und Dialog. Wir sollten nicht auf den Iran herabschauen, immerhin reden wir hier von einer der \u00e4ltesten Zivilisationen der Welt.<\/p>\n<p><strong>The European: Wird die T\u00fcrkei Sanktionen gegen den Iran boykottieren, auch wenn die EU diese unterst\u00fctzt?<\/strong><br \/>\nBagis: Wenn die EU etwas entscheidet, wird die T\u00fcrkei nicht zurate gezogen. Aber als der UN-Sicherheitsrat \u00fcber die Sanktionen abgestimmt hat, hat die T\u00fcrkei dagegen gestimmt, weil wir daran glauben, dass dies der falsche Ansatz ist, um mit dem Iran umzugehen. Aber jetzt, nachdem die internationale Gemeinschaft ihre Entscheidung getroffen hat, wird sich die T\u00fcrkei nat\u00fcrlich danach richten, auch wenn es uns nicht gef\u00e4llt.<\/p>\n<p><strong>The European: Deutschland und Frankreich k\u00f6nnten durch einen EU-Beitritt der T\u00fcrkei an Einfluss verlieren. Ist dies einer der Gr\u00fcnde, warum die Beitrittsverhandlungen nur schleppend vorangehen?<\/strong><br \/>\nBagis: Ein franz\u00f6sischer Minister hat mir einmal gesagt: \u201cWir haben die EU gegr\u00fcndet, es ist unser Baby, und an dem Tag, an dem ihr beitretet, habt ihr mehr Abgeordnete als wir. Das k\u00f6nnen wir nur schwer akzeptieren.\u201d Dieser Vorfall zeigte mir die grundlegenden \u00c4ngste mancher L\u00e4nder. Aber die T\u00fcrkei ist keine zus\u00e4tzliche Last f\u00fcr die EU \u2013 im Gegenteil, die T\u00fcrkei kann der EU in einigen Fragen entschieden weiterhelfen. Unser Motto ist: \u201cHalte durch, Europa, die T\u00fcrkei kommt als Retter.\u201d Wir werden zwar einen Teil des Kuchens abbekommen, aber wir werden auch dazu beitragen, den Kuchen zu vergr\u00f6\u00dfern. Davon werden alle profitieren.<\/p>\n<p><strong>The European: Sie haben die Energiequellen der T\u00fcrkei angesprochen. Welche Rolle soll Ihr Land spielen: Energiezentrum Europas oder Br\u00fccke zwischen Europa und den asiatischen Energielieferanten?<\/strong><br \/>\nBagis: Die T\u00fcrkei ist seit Jahrhunderten beides, Zentrum und Br\u00fccke. Wir sind die \u00f6stliche Spitze des Westens und die westliche Spitze des Ostens. Die T\u00fcrkei ist eine Br\u00fccke zwischen Islam und Christentum, zwischen Kulturen und Zivilisationen und auch eine Br\u00fccke zwischen Energieressourcen und Energiekonsumenten. Europa muss mit der T\u00fcrkei kooperieren, wenn es seine Energiekrise l\u00f6sen will. Die T\u00fcrkei ist bereit dazu, ein Teil dieser L\u00f6sung zu sein. Umso bedauerlicher ist es, dass dieses Thema bei den Verhandlungen so ausgeblendet wird. Zypern, eine sch\u00f6ne, sonnige Insel im Mittelmeer ohne eigene Energieprobleme beraubt 500 Millionen Europ\u00e4er ihrer Energieversorgung. Das ist nicht fair. Daher m\u00fcssen wir unsere Freunde davon \u00fcberzeugen, dass dieser Aspekt kein Hindernis auf dem Weg unserer EU-Mitgliedschaft werden darf.<\/p>\n<p><strong>The European: Die Union f\u00fcr das Mittelmeer hat dieses Jahr ihr zweij\u00e4hriges Bestehen gefeiert. Anfangs war die T\u00fcrkei gegen einen Beitritt. Hat sich diese Sichtweise ge\u00e4ndert?<\/strong><br \/>\nBagis: Die Union f\u00fcr das Mittelmeer ist nur eine weitere Plattform, um Dialog zwischen verschiedenen L\u00e4ndern zu erm\u00f6glichen. Die T\u00fcrkei ist Mitglied bei mehr als 40 verschiedenen globalen Organisationen, und keine davon kann eine andere einfach ersetzen. Die EU-Beitrittsw\u00fcnsche sind nicht neu. Wir haben uns 1959 zum ersten Mal beworben. Die T\u00fcrkei wird diesen zielstrebigen Kurs auch weiterhin beibehalten. Andere M\u00f6glichkeiten in anderen Organisationen zu haben ist keine Alternative, es ist eine Erg\u00e4nzung zur EU-Mitgliedschaft.<\/p>\n<h6>\u201cJetzt ist nicht der Zeitpunkt f\u00fcr Vorurteile\u201d<\/h6>\n<p><strong>The European: Laut j\u00fcngsten Umfragewerten sind nur 13 Prozent der T\u00fcrken f\u00fcr einen EU-Beitritt, w\u00e4hrend 20 Prozent eine Orientierung in Richtung der arabischen Halbinsel begr\u00fc\u00dfen w\u00fcrden. In Deutschland sind 73 Prozent der Bev\u00f6lkerung dagegen, dass die T\u00fcrkei EU-Mitglied wird. Was sagen Sie den Zweiflern?<\/strong><br \/>\nBagis: Meine Antwort lautet: Nichts \u00fcberst\u00fcrzen. Die T\u00fcrkei von heute ist nicht vergleichbar mit der T\u00fcrkei von vor 50 Jahren. In f\u00fcnf Jahren wird die T\u00fcrkei auch wieder ein anderes Land sein. Lassen Sie uns der Frage der Wahrnehmung nachgehen, wenn die Verhandlungen abgeschlossen sind. Jetzt m\u00fcssen wir uns erst einmal auf den Prozess konzentrieren. Im Laufe dieses Prozesses wird die t\u00fcrkische Wirtschaft gest\u00e4rkt, und die T\u00fcrkei wird ein besseres Land werden in Hinblick auf Menschenrechte. Ein Land, das europ\u00e4isches Recht verinnerlicht und ein verl\u00e4sslicher Partner sein kann. Sobald die Beitrittsverhandlungen abgeschlossen sind, k\u00f6nnen wir nach der \u00f6ffentlichen Meinung in der T\u00fcrkei und in der EU fragen. Aber eines wei\u00df ich ganz sicher: Jedes Bewerberland ist fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch in die Staatengemeinschaft aufgenommen worden. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Urteile zu f\u00e4llen, sondern um diesem Prozess eine Chance zu geben. Europa und die T\u00fcrkei m\u00fcssen erst einmal daran arbeiten, sich selbst zu verbessern.<\/p>\n<p><strong>The European: Hat ein EU-Beitritt Auswirkungen auf die\u00a0NATO-Mitgliedschaft der T\u00fcrkei?<\/strong><br \/>\nBagis: Nein, das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Die t\u00fcrkische\u00a0NATO-Mitgliedschaft w\u00fcrde durch einen Beitritt sogar aufgewertet werden, weil wir st\u00e4rker in die europ\u00e4ischen Entscheidungsprozesse zur Sicherheits- und Verteidigungspolitik mit einbezogen werden k\u00f6nnten. Momentan sind wir als Europas gr\u00f6\u00dfte Milit\u00e4rnation und als zweitgr\u00f6\u00dfte Milit\u00e4rnation der\u00a0NATO\u00a0zwar an den Diskussionen beteiligt, aber wir haben kein Wahlrecht in Bezug auf die Verteidigungspolitik. Das ergibt keinen Sinn.<\/p>\n<p><strong>The European: Was w\u00fcrden Sie sich im weiteren Verlauf der Verhandlungen von der EU und besonders von Deutschland w\u00fcnschen?<\/strong><br \/>\nBagis: Wir wollten faire Verhandlungen und eine faire Behandlung. Wir wollen keine Sonderbehandlung, aber wir wollen auch keine zus\u00e4tzlichen H\u00fcrden in den Weg gestellt bekommen. Wir w\u00fcnschen uns mehr Unterst\u00fctzung in unserem Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Wir wollen, dass dem Nonsens bei der Visavergabe ein Ende gemacht wird. B\u00fcrger von au\u00dferhalb des Schengen-Raums k\u00f6nnen ohne Visum in die EU einreisen, aber T\u00fcrken warten immer noch in Schlangen vor den Konsulaten. Das ist beleidigend. Wir wollen eine faire L\u00f6sung f\u00fcr die Zypernfrage, und wir m\u00f6chten mit unseren deutschen Freunden gemeinsam daran arbeiten, die T\u00fcrken in Deutschland besser zu integrieren. Sie sollen zu vorbildlichen B\u00fcrgern werden, mit besserem Bildungsstand und besseren Sprachkenntnissen. Aber gleichzeitig sollten wir ihnen auch die M\u00f6glichkeit geben, stolz auf ihre Herkunft sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>von\u00a0Egemen Bagis<\/em> \u2013 18.10.2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The European: Mesut \u00d6zil ist heftig f\u00fcr seine Entscheidung kritisiert worden, f\u00fcr Deutschland zu spielen. Wenn Sie ihn auf dem Spielfeld sehen, empfinden Sie Neid oder Stolz? Bagis: Mesut \u00d6zil ist einer der besten europ\u00e4ischen Fu\u00dfballspieler. 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