{"id":156513,"date":"2022-05-27T15:13:20","date_gmt":"2022-05-27T12:13:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/?p=156513"},"modified":"2022-05-27T15:14:13","modified_gmt":"2022-05-27T12:14:13","slug":"istanbul-nach-1933","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2022\/05\/27\/istanbul-nach-1933\/","title":{"rendered":"Istanbul nach 1933"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Metropole am Bosporus avancierte f\u00fcr viele Fliehende in den 1930ern zu einer wichtigen, wenn auch oft vergessenen, Transit- und Zufluchtsstadt. Als Verbindungsstelle zum asiatischen Kontinent spielte Istanbul eine besondere Rolle f\u00fcr viele J\u00fcdinnen:Juden auf dem Weg in das britische Mandatsgebiet Pal\u00e4stina. Doch der steigende Emigrationsdruck auf von Nationalsozialist:innen Verfolgte traf auch auf nationalistische Eigeninteressen der noch jungen Republik T\u00fcrkei, die die Einwanderung eines Teils der vertriebenen intellektuellen Elite zur Unterst\u00fctzung ihres Modernisierungsprogramms durchaus willkommen hie\u00df und gar f\u00f6rderte. Diese Synergie verwandelte Istanbul in ein Rettungszentrum \u2013 wenn auch f\u00fcr viele unter Vorbehalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute wird dieses Kapitel der Fluchtmigration teilweise als Sternstunde humanit\u00e4rer Aufnahmepolitik, teilweise als entscheidende Phase des t\u00fcrkisch-nationalistischen Modernisierungsprogramms, teilweise als \u00dcbergriff mit orientalistischen und kolonialen Motiven, aber vor allem gar nicht erinnert. Wenn ja, wird es vor allem mit Vertretern der deutschen Elite gleichgesetzt. Doch l\u00e4sst sich die Fluchtmigration auf diese Elite durchaus nicht begrenzen. Die Gefl\u00fcchtetengemeinschaft war ethnisch heterogen und repr\u00e4sentierte alle gesellschaftlichen Klassen. Sie f\u00fcgte sich in Istanbul in eine jahrhundertealte Geschichte der Migration und wurde immer mehr zum Spielball der intensiven deutsch-t\u00fcrkischen Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als im Laufe der Jahre um die 1000 exilierte Wissenschaftler:innen und ihre Familien aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die T\u00fcrkei kamen, war die Republik erst zehn Jahre alt. Im Oktober 1923 rief Mustafa Kemal, der ab 1935 den Beinamen Atat\u00fcrk \u2013 Vater der T\u00fcrken \u2013 erhielt, die Republik aus. Als ihr erster Pr\u00e4sident setzte er einen Modernisierungskurs radikal um. Zu der nach ihm benannten kemalistischen Politik geh\u00f6rte ein kompromissloser Laizismus, das Streben nach einer \u201eeinheitlichen t\u00fcrkischen Nation\u201c \u2013 auf Kosten der im t\u00fcrkischen Staatsgebiet lebenden Minderheiten \u2013, die Einf\u00fchrung eines auf lateinischen Lettern basierendem t\u00fcrkischen Alphabets und die Umstrukturierung des Bildungswesens nach europ\u00e4ischem Vorbild. Durch Letzteres sollte eine neue Generation t\u00fcrkischer Verantwortungstr\u00e4ger:innen herangezogen werden, die die Umstrukturierung aller Bereiche der t\u00fcrkischen Gesellschaft und des Staatswesens umsetzen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In bewusster Abgrenzung zur osmanischen Vergangenheit wurde Ankara \u2013 und nicht Istanbul \u2013 zur Hauptstadt der jungen t\u00fcrkischen Republik erkl\u00e4rt. Allerdings behielt die Metropole Istanbul weiterhin eine zentrale politische, kulturelle und wirtschaftliche Stellung und wurde auch in das Bildungsreformprogramm mit eingebunden: Mit der Gr\u00fcndung der \u0130stanbul \u00dcniversitesi im Rahmen des kemalistischen Modernisierungsprogramms im Jahr 1933 begann die Suche und Anwerbung von Expert:innen seitens der t\u00fcrkischen Regierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Annahme, dass \u201eModerne\u201c am besten aus Europa bzw. dem \u201eWesten\u201c zu importieren und in die t\u00fcrkische Republik zu kopieren sei, lenkte den Fokus somit auf europ\u00e4ische Fachleute. Zur selben Zeit \u00fcbernahmen in Deutschland die Nationalsozialist:innen die Macht. Durch das \u201eGesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums\u201c vom 7. April 1933 wurden Beamte \u201enicht arischer Abstammung\u201c aus ihrem Dienst entlassen. Das betraf auch viele Angestellte von Hochschulen, die als J\u00fcdinnen:Juden oder wegen ihrer politischen Haltung entlassen und von den Nationalsozialist:innen verfolgt wurden. Sie suchten h\u00e4nderingend nach M\u00f6glichkeiten, der Verfolgung zu entkommen und das Land zu verlassen. Sie wurden dabei von der 1933 gegr\u00fcndeten konfessions\u00fcbergreifenden und antirassistischen Selbsthilfeorganisation \u201eNotgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland\u201c unterst\u00fctzt, die ab 1933 schwerpunktm\u00e4\u00dfig in die T\u00fcrkei vermittelte. Diese Synergie aus t\u00fcrkischen Nationalen Interessen und denen der deutschen Emigrant:innen verwandelte Istanbul in ein Rettungszentrum \u2013 wenn auch f\u00fcr viele unter Vorbehalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mehr&#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/we-refugees-archive.org\/chapters\/rettungszentrum-unter-vorbehalt-istanbul-nach-1933\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/we-refugees-archive.org\/chapters\/rettungszentrum-unter-vorbehalt-istanbul-nach-1933\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Metropole am Bosporus avancierte f\u00fcr viele Fliehende in den 1930ern zu einer wichtigen, wenn auch oft vergessenen, Transit- und Zufluchtsstadt. Als Verbindungsstelle zum asiatischen Kontinent spielte Istanbul eine besondere Rolle f\u00fcr viele J\u00fcdinnen:Juden auf dem Weg in das britische Mandatsgebiet Pal\u00e4stina. 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