{"id":1379,"date":"2010-10-07T09:29:44","date_gmt":"2010-10-07T07:29:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1379"},"modified":"2023-04-05T17:27:56","modified_gmt":"2023-04-05T14:27:56","slug":"der-dunkel-der-herrenmenschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/10\/07\/der-dunkel-der-herrenmenschen\/","title":{"rendered":"Der D\u00fcnkel der \u00bbHerrenmenschen\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1380\" title=\"serveImage\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/serveImage.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"123\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/serveImage.jpg 465w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/serveImage-300x124.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Ersch\u00fctternde Dokumente und eine Ausstellungs-Gestaltung auf hohem Niveau.<\/p>\n<p>Foto: dpa<\/p>\n<p>Von Kurt Wernicke 07.10.2010<\/p>\n<p>Der D\u00fcnkel der \u00bbHerrenmenschen\u00ab<\/p>\n<p><strong>\u00bbDie Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg\u00ab \u2013 eine neue gro\u00dfe Ausstellung im J\u00fcdischen Museum Berlin<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das J\u00fcdische Museum Berlin er\u00f6ffnete k\u00fcrzlich eine Sonderausstellung \u2013 es geht um die brutale Ausbeutung der in der NS-Zeit offiziell \u00bbFremdarbeiter\u00ab genannten ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte, um die bis zu 20 Millionen Menschen, die der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg dienstbar sein mussten.<\/strong><\/p>\n<p>Er\u00f6ffnet wurde die Exposition kurz vor dem 20. Jahrestag der deutschen Vereinigung, Wo liegt die Verquickung dieses Themas mit dem 20. Jahrestag der deutschen Vereinigung?<\/p>\n<p>Nun, die Antwort findet sich im Londoner Schuldenabkommen von 1953, welches die Bundesrepublik als Vorbedingung f\u00fcr die in Aussicht gestellte Souver\u00e4nit\u00e4t nach Beitritt zur NATO zu unterzeichnen hatte. Darin war die Forderung nach Entsch\u00e4digungen f\u00fcr von deutscher Seite 1939 bis 1945 angerichtete Sch\u00e4den fixiert worden. Angesichts der damals anstehenden westdeutschen Finanzanstrengungen im Zusammenhang mit der Wiederbewaffnung wurde dies jedoch erst einmal bis zum Abschluss eines k\u00fcnftigen Friedensvertrages auf Eis gelegt.<\/p>\n<p>Um jene Klausel wissend, unternahmen die Vertreter der Kohl-Regierung 1990 alles erdenklich M\u00f6gliche, den Zwei-plus-Vier-Prozess nicht in einen Friedensvertrag m\u00fcnden zu lassen \u2013 bekanntlich mit Erfolg. Aber es gab in der Welt mithin Kr\u00e4fte, die sich der Forderung von 1953 gut zu entsinnen vermochten und dem vereinten Deutschland die Erinnerung an die millionenfach angeeignete Sklavenarbeit ins Ged\u00e4chtnis zwangen \u2013 verbunden mit der Frage, wie man sich einer Nachzahlung f\u00fcr die einst umsonst oder zu Niedrigstl\u00f6hnen schuftenden Zwangsarbeiter zu stellen gedenke.<\/p>\n<p>Es bedurfte langer Auseinandersetzungen und erheblichen moralischen (und wohl auch diplomatischen) Drucks aus dem Ausland, ehe im Jahre 2000 das Problem der Entsch\u00e4digung von Millionen Arbeitskr\u00e4ften eine L\u00f6sung erfuhr: eine Stiftung, deren Kapital im Umfang von 5,2 Milliarden Euro teils vom Bund, teils von der deutschen Wirtschaft aufgebracht wurde.<\/p>\n<p>Diese in Berlin angesiedelte Stiftung \u00bbErinnerung, Verantwortung und Zukunft\u00ab hat ihr Auszahlungsprogramm an die einstigen Zwangsarbeiter 2007 abgeschlossen, aber in dankenswerter Weise hatten die seinerzeitigen Gr\u00fcndungsv\u00e4ter aus dem Stiftungskapital etwas mehr als 350 Millionen Euro f\u00fcr F\u00f6rdert\u00e4tigkeit reserviert. Aus den daraus entspringenden Ertr\u00e4gen finanziert sich die Forschungs- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit, die sich der Aufkl\u00e4rung \u00fcber \u00bbZwangsarbeit im NS-Regime\u00ab widmet; sie engagiert sich weiterhin f\u00fcr die zum erheblichen Teil bereits greisen \u00dcberlebenden und sorgt daf\u00fcr, dass das Thema nicht in Vergessenheit ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Einen sehr \u00fcberzeugenden Schritt auf diesem Wege hat sie mit der in ihrem Auftrag von drei Wissenschaftlern der Gedenkst\u00e4tten Buchenwald und Mittelbau Dora in Weimar jahrelang akribisch vorbereiteten Sonderausstellung getan, die sie aus Anlass ihres zehnj\u00e4hrigen Bestehens nun auf 900 Quadratmetern im J\u00fcdischen Museum Berlin der \u00d6ffentlichkeit vorstellt.<\/p>\n<p>Zwangsarbeit definiert die Ausstellung als eine Arbeit, die gegen den Willen des Arbeitenden mit au\u00dfer\u00f6konomischem Zwang durchgesetzt wird, und bei welcher der Betroffene keine oder kaum Einflussnahme auf die Rahmenbedingungen seiner Arbeit hat. Beim Einsatz in der deutschen Kriegswirtschaft gab es bez\u00fcglich des Umgang mit ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften erhebliche Differenzierungen. West- und Nordeurop\u00e4er, die zum Teil in formaler Freiwilligkeit sich hatten anwerben lassen, genossen bei Unterbringung, Verpflegung, Freizeitgestaltung wie auch am Arbeitsplatz zumeist noch tolerable Verh\u00e4ltnisse. Wer aber \u00bbrassisch minderwertig\u00ab war, hatte nicht einmal formale Rechte. Das galt f\u00fcr Slawen (Polen, Russen, Serben), bei denen selbst der Unterschied zwischen Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeitern verwischt wurde. Das galt geradezu exzessiv f\u00fcr Juden sowie Sinti und Roma, bei denen letzten Endes immer die \u00bbVernichtung durch Arbeit\u00ab auf der Tagesordnung stand.<\/p>\n<p>Dieser Umgang mit \u00bbminderwertigem Menschenmaterial\u00ab war bereits zwischen 1933 und 1939 angelegt und an jenen beiden Bev\u00f6lkerungsgruppen brutal exerziert worden, medial begleitet von der Unterstellung, Juden und Zigeuner scheuten prinzipiell vor Arbeit zur\u00fcck und m\u00fcssten daher dazu gewzungen werden. Die Ausstellung belegt dies anhand ersch\u00fctternder Quellen. Die brutale Zwangsrekrutierung war begleitet von Dem\u00fctigung und Verh\u00f6hnung der Opfer, von Schikanen und sadistischen Praktiken.<\/p>\n<p>Die Verschickung polnischer Arbeitskr\u00e4fte in die personalhungrige deutsche Landwirtschaft l\u00f6ste die erste Welle der Deportationen von Fremdarbeitern aus den okkupierten deutschen Gebieten aus, die bis zum Kriegsende nicht abebbte. 1942 erreichte die millionenfache Verschleppung von Russen und Ukrainern ihren H\u00f6hepunkt. Mit dem Antransport von 600 000 italienischen \u00bbMilit\u00e4rinternierten\u00ab im Herbst 1943 erfuhr die Zwangsrekrutierung eine letzte gro\u00dfe Aufstockungswelle.<\/p>\n<p>Dabei gerieten die NS-Strategen in ein Dilemma: Sie erkannten den Personalbedarf, f\u00fcrchteten aber um das \u00bbreinrassige deutsche Blut\u00ab, wenn trotz der f\u00fcr die importierten Arbeitskr\u00e4fte erlassenen scharfen Aufenthalts- und Verhaltensregeln \u2013 Fremdarbeiter hatten z. B. nicht am selben Tisch wie Deutsche ihr Essen einzunehmen \u2013 sich Intimkontakte erg\u00e4ben und Folgen haben w\u00fcrden. So wurde die Todesstrafe f\u00fcr minderrassige \u00bbVerf\u00fchrer\u00ab von Vertreterinnen der \u00bbHerrenrasse\u00ab verk\u00fcndet. Die Ausstellung f\u00fchrt etliche Beispiele an, f\u00fcr Exekutionen auf Grund des geringsten Verdachts eines Versto\u00dfes gegen diese Anordnung.<\/p>\n<p>Es gab kaum einen Sektor im agrarischen Bereich, der Bauwirtschaft und der Industrie, in denen den Deutschen nicht Fremdarbeitern begegneten. Selbst in kleinen Handwerksbetrieben und privaten Haushalten mussten sie schuften. Die Ausstellung belegt \u00fcberzeugend, dass die Mehrheit des deutschen Volkes die Ideologie des \u00bbHerrenmenschentum\u00ab tief verinnerlicht hatte. Und wo sich zuweilen, dem zuwider, zwischenmenschliche Verh\u00e4ltnisse herauszubilden begannen, fand sich zumeist prompt ein Denunziant. Allerdings \u00fcbersieht die Ausstellung jene auch vorkommenden, zahlenm\u00e4\u00dfig durchaus relevanten Beispiele aus Industriebetrieben, wo deutsche Arbeiter dank ihres keineswegs g\u00e4nzlich versch\u00fctteten Klassenbewusstseins kollegiale Verh\u00e4ltnisse mit ihren Zwangsarbeiterkollegen pflegten.<\/p>\n<p>Dass es von der Seite der Zwangsarbeiter Widerstandsaktionen gab, ist unbestritten; es d\u00fcrfte sich dennoch um Einzelf\u00e4lle gehandelt haben; die Ausstellung berichtet \u00fcber zwei konkret. Der Gestapo fiel es schwer, den schmalen Grat zwischen Unf\u00e4higkeit und Unlust der Arbeitenden exakt zu definieren. F\u00fcr Zweifelsf\u00e4lle wurde mit \u00bbArbeitserziehungslagern\u00ab als einer Vorstufe zur Einweisung ins KZ ein willk\u00fcrlich angewendetes Mittel der Strafe geschaffen.<\/p>\n<p>Die an authentischen Dokumenten reiche Ausstellung bietet mehr als 60 repr\u00e4sentative Fallgeschichten, individuelle Schicksale, die keinen Besucher unger\u00fchrt lassen. Museumsdidaktisch steht diese Dokumentation auf einem geradezu idealtypischen hohen Niveau: Die Themenkomplexe sind durch \u00fcberdimensionierte Fotoreproduktionen m\u00fchelos zu identifizieren; fremdsprachige Originaldokumente werden durch dezent untergebrachte, aber ohne jeden Aufwand zug\u00e4ngliche \u00dcbersetzungen verst\u00e4ndlich gemacht; vertiefende audio-visuelle Dokumentationen sind mittels leicht handhabbarer Technik abzuberufen. Eine sehr kritische Reflexion der besch\u00e4menden langen deutschen Verweigerung einer materiellen Entsch\u00e4digung der Opfer findet sich gestalterisch verdichtet auf einer langen blanken Betonwand. Anklagende \u00dcberschrift: \u00bbDeutsche B\u00fcrokratie\u00ab.<\/p>\n<p>Berlin ist die erste Station dieser Ausstellung, um die sich bereits etliche St\u00e4dte bewarben. Als n\u00e4chstes wird sie wahrscheinlich in Warschau gezeigt werden.\u2028\u2028<em>\u00bbZwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg\u00ab. J\u00fcdisches Museum Berlin; bis 30. Januar 2011. Das umfangreiche Begleitprogramm ist abzurufen im Internet unter ww.jmberlin.de. Katalog (256 S., 19.80 \u20ac).<\/em> <em>Unser Autor Dr. Kurt Wernicke war stellvertretender Generaldirektor des Museums f\u00fcr Deutsche Geschichte in Berlin.<\/em><\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ersch\u00fctternde Dokumente und eine Ausstellungs-Gestaltung auf hohem Niveau. 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