{"id":1370,"date":"2010-10-07T09:41:27","date_gmt":"2010-10-07T07:41:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1370"},"modified":"2023-04-02T12:51:13","modified_gmt":"2023-04-02T09:51:13","slug":"stellungnahme-von-fachvertreterinnen-und-vertretern-der-islamwissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/10\/07\/stellungnahme-von-fachvertreterinnen-und-vertretern-der-islamwissenschaft\/","title":{"rendered":"Stellungnahme von Fachvertreterinnen und -vertretern der Islamwissenschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Stellungnahme von Fachvertreterinnen und -vertretern der Islamwissenschaft und benachbarter akademischer Disziplinen zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrats vom Januar 2010<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Kolleginnen und Kollegen,<br \/>\nviele von Ihnen werden in den vergangenen Monaten die Diskussionen \u00fcber die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Einf\u00fchrung eines Faches &#8222;Islamische Studien&#8220; an deutschen Universit\u00e4ten verfolgt haben. Die Langversion der WR-Empfehlungen ist hier zug\u00e4nglich:<\/p>\n<p>ein von Patrick Franke verfa\u00dftes ausf\u00fchrliches Positionspapier finden Sie hier:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-1390\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/islamwissenschaft.jpg\" alt=\"\" width=\"116\" height=\"96\" \/>Beim Orientalistentag in Marburg wurden im Rahmen einer Podiumsdiskussion verschiedene Kritikpunkte an diesen Empfehlungen aus Sicht der Islamwissenschaft artikuliert. Die im Zuge dessen angek\u00fcndigte Stellungnahme von Fachvertretern und -vertreterinnen liegt nunmehr in einer \u00fcberarbeiteten Form vor. Wir m\u00f6chten Sie bitten, uns m\u00f6glichst schnell (nicht sp\u00e4ter als bis zum 15. Oktober) R\u00fcckmeldungen und Verbesserungsvorschl\u00e4ge zukommen zu lassen. Diese werden wir, so weit wie m\u00f6glich, einarbeiten, um dann in einem zweiten Durchlauf die Namen all derer einzusammeln, die bereit sind, den Aufruf \u00f6ffentlich zu unterst\u00fctzen. Die endg\u00fcltige Version mitsamt Namensliste soll dann an politische Entscheidungsgremien (sprich: die zust\u00e4ndigen Kultusministerien), Universit\u00e4tsleitungen sowie als Presseerkl\u00e4rung (m\u00f6glichst im Namen der DAVO und der DMG) verschickt werden. Bitte beachten Sie, da\u00df der Text unbedingt auf eine Seite beschr\u00e4nkt bleiben soll, weil im Zweifelsfalle kein Politiker mehr als eben diese eine Seite lesen wird.<br \/>\nWir hoffen auf m\u00f6glichst zahlreiche Anregungen.<br \/>\nMit besten Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>PD Dr. Rainer Brunner<br \/>\nProf. Dr. Heidrun Eichner<br \/>\nProf. Dr. Patrick Franke  Prof. Dr. Ulrike Freitag<br \/>\nProf. Dr. Stefan Reichmuth<\/p>\n<p><strong>Stellungnahme von Fachvertreterinnen und -vertretern der Islamwissenschaft und benachbarter akademischer Disziplinen zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrats vom Januar 2010<\/strong><\/p>\n<p>Am 29. Januar 2010 ver\u00f6ffentlichte der Wissenschaftsrat (WR) seine &#8222;Empfehlungen zur Weiter-entwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen&#8220;. Darin wurde unter anderem die Einrichtung eines bekenntnisorientierten Faches namens &#8222;Islamische Studien&#8220; an mehreren deutschen Universit\u00e4ten gefordert, um k\u00fcnftig unter staatlicher Aufsicht die Ausbildung von zuk\u00fcnftigen Lehrern f\u00fcr Islamischen Religionsunterricht, aber auch von Ima-men und Sozialarbeitern zu gew\u00e4hrleisten.<br \/>\nMit Blick auf die andauernde Integrationsdebatte mag ein solcher Schritt prinzipiell bedenkenswert und sinnvoll sein. Aus der Perspektive derjenigen akademischen F\u00e4cher, die sich bislang der wis-senschaftlichen Erforschung des Islams als Religion und Kultur gewidmet haben, insbesondere der Islamwissenschaft, k\u00f6nnen mehrere zentrale Punkte dieser Empfehlungen jedoch nicht widerspruchslos hingenommen werden.<br \/>\n1. Die Benennung des neuen Faches als &#8222;Islamische Studien&#8220; ist in hohem Ma\u00dfe irref\u00fchrend, denn dadurch verschwimmen in bedenklicher Weise die Grenzen zur Islamwissenschaft in ihrer heutigen Form. Das vom WR geforderte Fach ist bekenntnisgebunden und muss als das benannt werden, was es dem Inhalt nach ist: Islamische Theologie. So wird es auch in den Empfehlungen der 1. Islam-konferenz (25. Juni 2009) bezeichnet, offenkundig mit Zustimmung der muslimischen Vertreter. Die Argumente, die der WR gegen eine derartige Namensgebung anf\u00fchrt, sind nicht stichhaltig. Die Islamwissenschaft ist dagegen ein bekenntnisneutrales Fach, dessen Erkenntnisinteresse sich \u00fcber den Islam als theologisches Normensystem hinaus in thematisch breiter Ausdifferenzierung auf die Geschichte und Kultur muslimischer Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart erstreckt. Die Einf\u00fchrung einer islamischen Theologie darf nicht zu Lasten der Islamwissenschaft gehen und die grunds\u00e4tzlichen Unterschiede zwischen beiden F\u00e4chern verwischen.<br \/>\n2. Als bekenntnisgebundene Theologie muss das Fach in einem entsprechenden institutionellen Kontext verankert werden. Das kann an einer religionspluralen allgemeinen Theologischen Fakult\u00e4t geschehen oder an einer eigens einzurichtenden Fakult\u00e4t f\u00fcr Islamische Theologie, ersatzweise auch an Zentren, die direkt der jeweiligen Universit\u00e4tsleitung unterstellt sind. Die vom WR geforderte Ansiedlung an Philosophischen oder Kulturwissenschaftlichen Fakult\u00e4ten stellt dagegen einen Ein-griff in deren wissenschaftliches Selbstverst\u00e4ndnis dar und erscheint uns auch deshalb abwegig, weil die f\u00fcr das Fach neu zu schaffende Promotion eine theologische  sein muss.<br \/>\n3. Zusammensetzung, Rolle und Kompetenzen der vom WR vorgeschlagenen muslimischen Beir\u00e4te m\u00fcssen weitaus genauer definiert werden, als das bislang der Fall ist. Das gilt vor allem in Anbetracht des Fehlens historisch gewachsener staatskirchenrechtlicher Vereinbarungen zwischen der Religionsgemeinschaft und dem Staat. Die weitreichenden Mitspracherechte bei der Stellenbesetzung, die den Beir\u00e4ten zugestanden werden (faktisch denen der christlichen Kirchen entsprechend), stellen grunds\u00e4tzlich einen Eingriff in die Autonomie der Universit\u00e4t dar. In der vorliegenden unklaren Form ist dies v\u00f6llig inakzeptabel. Der Fall Kalisch in M\u00fcnster sollte allen eindringlich vor Augen gef\u00fchrt haben, was bei einer derart ungeregelten Vorgehensweise passieren kann. \u00dcberdies erscheint die auch vom WR f\u00fcr die Beir\u00e4te geforderte islamisch-theologische Kompetenz bisher in keiner Weise gew\u00e4hrleistet.<br \/>\n4. Nicht zuletzt fordern wir eine gr\u00f6\u00dfere Transparenz sowohl im Hinblick auf die Empfehlungen des WR selbst als auch auf deren Umsetzung durch Politik und Universit\u00e4tsleitungen. Wer entscheidet aufgrund welcher Kriterien, welche Standorte schlie\u00dflich ausgew\u00e4hlt werden? Der Wettlauf, den sich mehrere Universit\u00e4ten derzeit um die vom Bund in Aussicht gestellten Mittel liefern, mu\u00df nach klar nachvollziehbaren Regeln entschieden werden. Die akademische \u2013 nicht minder aber auch die steuerzahlende \u2013 \u00d6ffentlichkeit darf bei einem Verfahren mit derart weitreichenden Konsequenzen nicht einfach \u00fcbergangen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellungnahme von Fachvertreterinnen und -vertretern der Islamwissenschaft und benachbarter akademischer Disziplinen zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrats vom Januar 2010 Liebe Kolleginnen und Kollegen, viele von Ihnen werden in den vergangenen Monaten die Diskussionen \u00fcber die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Einf\u00fchrung eines Faches &#8222;Islamische Studien&#8220; an deutschen Universit\u00e4ten verfolgt haben. 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