{"id":1284,"date":"2010-10-04T08:40:34","date_gmt":"2010-10-04T06:40:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1284"},"modified":"2023-04-02T12:51:13","modified_gmt":"2023-04-02T09:51:13","slug":"abwanderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/10\/04\/abwanderung\/","title":{"rendered":"ABWANDERUNG"},"content":{"rendered":"<p>01.10.10|<br \/>\n<strong> ABWANDERUNG<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1331\" title=\"cn_tuerkei_DW_Poli_1223076p\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/cn_tuerkei_DW_Poli_1223076p.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/cn_tuerkei_DW_Poli_1223076p.jpg 482w, https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/cn_tuerkei_DW_Poli_1223076p-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Gut ausgebildete T\u00fcrken zieht es weg aus Deutschland<br \/>\nViele in Deutschland ausgebildete T\u00fcrken kehren zur\u00fcck an den Bosporus, weil sie sich dort bessere Chancen ausrechnen.<\/p>\n<p>FOTO: AFP<br \/>\nGenaue Statistiken zu R\u00fcckkehrern in die T\u00fcrkei fehlen, doch die Tendenz ist klar<\/p>\n<p>Von Boris K\u00e1lnoky<br \/>\nArchitekt Durul Kusdemir sitzt im eleganten Konferenzraum der Iki Design Group (Istanbul) und erkl\u00e4rt mit leicht bayerischem Zungenschlag das Geheimnis einer t\u00fcrkischen Erfolgsgeschichte. In Deutschland sei das Potenzial f\u00fcr ehrgeizige Architekten einfach zu klein, sagt er. Wer hinaus will, hoch hinaus wie auf die Wolkenkratzer, deren Abbildungen den Raum schm\u00fccken, der \u201efindet in der T\u00fcrkei offene T\u00fcren und fast unbegrenzte M\u00f6glichkeiten. Das Spielfeld ist die ganze Welt, nicht das langsame, leicht provinzielle Deutschland\u201c, so Kusdemir.<br \/>\nDer Unterschied sei, dass die Deutschen warten, bis jemand etwas m\u00f6chte. Erst dann bewerben sie sich um den Auftrag. \u201eT\u00fcrkische Unternehmen dagegen laden Regierungen und Institutionen nach Istanbul ein, zeigen, was sie k\u00f6nnen, und fragen dann, ob man nicht etwas w\u00fcnscht.\u201c Die gr\u00f6\u00dften t\u00fcrkischen Unternehmen, so sagt Kusdemir, bauen mittlerweile gar nicht in der T\u00fcrkei, sondern in der ganzen Welt an Prestigeprojekten. Da will man als Architekt nat\u00fcrlich dabei sein.<\/p>\n<p>Ein perfekt integrierter Erfolgstyp<\/p>\n<p>Leute wie Kusdemir w\u00e4ren auch in Deutschland erfolgreich. Er hat in Deutschland studiert, ist dort aufgewachsen, war dort noch vor wenigen Jahren Partner in einem gro\u00dfen Architektenb\u00fcro. Er hat in Deutschland \u201eeinen Mehrwert bekommen\u201c, sagt er. Diesen Mehrwert setzt er nun in der T\u00fcrkei um. Vor drei Jahren kam er nach Istanbul. Er ist einer von vielen exzellent ausgebildeten, in Deutschland perfekt integrierten Erfolgstypen, die Deutschland dennoch den R\u00fccken kehren, um in die t\u00fcrkische \u201eHeimat\u201c zur\u00fcckzukehren. Wer zur\u00fcckbleibt, das sind oft die ungebildeten, nicht integrationswilligen Landsleute. Insofern fragt man sich in Deutschland: Was macht das Land falsch? Wie stellt man es an, diese guten Leute und damit die get\u00e4tigten Investitionen in deren Ausbildung nicht zu verlieren?<br \/>\nWie viele es sind, die an den Bosporus zur\u00fcckkehren, dar\u00fcber gibt es keine Statistiken. \u201eDer Trend ist eindeutig steigend\u201c, sagt Unternehmensberater Arda S\u00fcrel, selbst ein erfolgreicher R\u00fcckkehrer. Nach Angaben des deutschen Statistischen Bundesamts lag die Zahl der R\u00fcckkehrer im Jahr 2008 bei etwas \u00fcber 34.800, leicht unter der Zahl im Jahr 2003 (37.000). Ge\u00e4ndert hat sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Zuz\u00fcgen und Abg\u00e4ngen: 2003 kamen noch 50.000 T\u00fcrken nach Deutschland, im Jahr 2008 waren es nur noch 26.600. Mehr t\u00fcrkische Staatsb\u00fcrger ziehen also weg aus Deutschland, als herkommen.<\/p>\n<p>In Gespr\u00e4chen mit zahlreichen R\u00fcckkehrern l\u00e4sst sich feststellen, dass die meisten von ihnen deutsche Staatsb\u00fcrger sind. Die werden von der deutsch-t\u00fcrkischen Migrationsstatistik nicht erfasst \u2013 sind aber wohl ein gro\u00dfer Posten in der Zahl von j\u00e4hrlich insgesamt 175.000 deutschen Auswanderern. Als Deutscht\u00fcrke mit deutschem Pass bekommt man in der T\u00fcrkei eine sogenannte blaue Karte und kann arbeiten. Oft mit gro\u00dfem Erfolg. Besonders Facharbeiter sind gefragt, solche wie Fliesenleger Erkan Balkis: \u201eWir haben deutsche Tugenden, die hier fehlen \u2013 Genauigkeit, Verl\u00e4sslichkeit, P\u00fcnktlichkeit, und als Fliesenlegermeister kann ich anders als die hiesigen Kollegen technisch zeichnen und rechnen.\u201c Das schl\u00e4gt durch. Bald will er einen Lehrbetrieb aufmachen, nach deutschem Vorbild Lehrlinge ausbilden. Gute Facharbeiter fehlen auch in Deutschland, und es stellt sich die Frage, ob man sie wirklich an die T\u00fcrkei verlieren muss.<\/p>\n<p>&#8222;Irgendwann st\u00f6\u00dft man an eine Grenze&#8220;<\/p>\n<p>Warum geht man als \u201eperfekt integrierter\u201c Deutscht\u00fcrke in die T\u00fcrkei? Es ist der Markt, meint Kusdemir \u2013 und die meisten seiner Schicksalsgenossen sehen das \u00e4hnlich. Seit einigen Jahren ist die T\u00fcrkei wirtschaftlich so stark, dass sie Deutscht\u00fcrken echte Chancen bietet. Andererseits gibt es die Sehnsucht nach \u201eHeimat\u201c. Obwohl er sich in Deutschland nie als Au\u00dfenseiter gef\u00fchlt habe, so sei er in der T\u00fcrkei doch mehr zu Hause, meint Kusdemir. \u201eErst f\u00fchlte ich mich wie ein Chinese in Japan, alles irgendwie bekannt, aber doch fremd.\u201c Nach einem Jahr in der T\u00fcrkei, so sagt er, habe es dann \u201eklick\u201c gemacht, und er habe sich integriert gef\u00fchlt. Integration ist auch f\u00fcr die R\u00fcckkehr in die Heimat ein l\u00e4ngerer Prozess.<br \/>\nKarrierechancen und Heimatsehnsucht \u2013 aber es gibt auch andere Motive. Manche f\u00fchlen sich in Deutschland benachteiligt. \u201eWenn man alles macht, was die Deutschen fordern, sich voll integriert, dann st\u00f6\u00dft man irgendwann an eine Grenze: Deutsch wird man in den Augen der Deutschen nie sein, und bei der Karriere steht man vor gr\u00f6\u00dferen H\u00fcrden als gleich qualifizierte Deutsche\u201c, sagt R\u00fcckkehrerin Rukiye Caliskan. Sie hat eine eigene Firma gegr\u00fcndet, bietet Fach\u00fcbersetzungen und Incentive-Reisen f\u00fcr Unternehmen an.<\/p>\n<p>Nur etwa die H\u00e4lfte der befragten R\u00fcckkehrer schloss sich der Meinung an, Deutschland benachteilige kluge, \u201eintegrierte\u201c Deutscht\u00fcrken. Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e8re, gerade von einer Reise aus der T\u00fcrkei zur\u00fcckgekehrt, h\u00e4lt das f\u00fcr ein \u201eLuxusproblem\u201c, von dem er im \u00dcbrigen \u201ezum ersten Mal h\u00f6re\u201c. Im Gegenteil w\u00fcrden \u201egute deutscht\u00fcrkische Bewerber wohl eher bevorzugt\u201c, sagte er WELT ONLINE. Doch mehr als zw\u00f6lf Prozent deutscht\u00fcrkischer Hochschulabg\u00e4nger sind arbeitslos (drei bis viermal mehr als Deutsche), es dauert angeblich viermal l\u00e4nger f\u00fcr sie, einen Job zu finden. In einer Studie wurden gleichlautende Bewerbungen an Unternehmen verschickt, einmal mit t\u00fcrkischen, einmal mit deutschem Namen. Die \u201edeutschen\u201c Bewerbungen kamen deutlich besser an.<br \/>\nBleibt die Frage, ob es stimmt, dass Deutschland das Potenzial der \u201eGuten\u201c wirklich verliert, in die man doch investiert hat. Das Beispiel von Durul Kusdemir zeigt, dass das nicht stimmen muss. \u201eWir arbeiten gerade an einem Gro\u00dfprojekt mit der Gruppe Emaar Dubai, das derzeit gr\u00f6\u00dfte Bauprojekt in der T\u00fcrkei\u201c, sagt er. Da gab es 30 externe Consulting-Firmen f\u00fcr alles von Fassadenbau bis Abfallmanagement und Aufz\u00fcge, die meisten Berater Amerikaner, Kanadier, Engl\u00e4nder. \u201eIch habe bewirkt, dass sie alle gegen deutsche Berater ausgetauscht wurden. Die sind viel kreativer, flexibler, arbeiten von vornherein preisbewusst. Wir arbeiten jetzt nach Deutscher Industrienorm (DIN). Und ich kann mit den Deutschen einfach besser. Da stimmt die Chemie \u2013 wo Deutsche und T\u00fcrken sich treffen, da entsteht ein Magnetismus, auch wenn manche das nicht sehen wollen.\u201c<br \/>\nAu\u00dferdem: Viele R\u00fcckkehrer arbeiten bei den 2000 deutschen Firmen, die in der T\u00fcrkei aktiv sind. Mit anderen Worten, Erfolg f\u00fcr die R\u00fcckkehrer ist auch ein Erfolg f\u00fcr Deutschland, irgendwie.<br \/>\nQuelle: <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>01.10.10| ABWANDERUNG Gut ausgebildete T\u00fcrken zieht es weg aus Deutschland Viele in Deutschland ausgebildete T\u00fcrken kehren zur\u00fcck an den Bosporus, weil sie sich dort bessere Chancen ausrechnen. 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