{"id":1244,"date":"2010-09-28T09:15:00","date_gmt":"2010-09-28T07:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1244"},"modified":"2023-04-05T18:56:07","modified_gmt":"2023-04-05T15:56:07","slug":"wann-ist-man-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/09\/28\/wann-ist-man-deutsch\/","title":{"rendered":"Wann ist man deutsch?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wann ist man deutsch?<\/strong><br \/>\nvon Joe Dramiga, 14. September 2010<\/p>\n<p>ResearchBlogging.org<\/p>\n<p>Die Soziologen Michael M\u00e4s und Kurt M\u00fchler der Uni Leipzig haben sich gefragt bei welchen Merkmalen eine Person als \u201edeutsch\u201c beschrieben wird. Zur Beantwortung dieser Frage \u00fcberpr\u00fcften sie zwei Hypothesen, die Assimilationshypothese und die Abstammungshypothese. Die Assimilationshypothese besagt, dass die Anpassung an zentrale kulturelle Merkmale von Bedeutung ist. Dies sind vor allem, so wird vermutet, die sichere Beherrschung der deutschen Sprache, die Zugeh\u00f6rigkeit zum Christentum, die Wohndauer in Deutschland und ein deutscher Ehepartner. Die Abstammungshypothese dagegen behauptet, dass man &#8222;deutsch sein&#8220; nicht lernen kann: &#8222;deutsch&#8220; ist man nur, wenn die Eltern Deutsche sind. Die Wissenschaftler befragten dazu 579 Menschen aus Sachsen. Die Daten wurden im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gef\u00f6rderten Projektes \u201cUrsachen f\u00fcr die Identifikation von B\u00fcrgern mit ihrer Region und Wirkungen auf ihr individuelles Handeln\u201c erhoben.<\/p>\n<p>Merkmale die das \u201edeutsch sein\u201c bestimmen<\/p>\n<p>Dabei wurden den Befragten Situationsbeschreibungen von Menschen vorgegeben, die aus Kombinationen bestimmter kultureller und rechtlicher Merkmale bestehen, sogenannte Vignetten.<\/p>\n<p>Es gab folgende Vignettenmerkmale:<\/p>\n<p>Geburtsland: Deutschland, Frankreich, T\u00fcrkei<br \/>\nStaatsangeh\u00f6rigkeit der Eltern: deutsch, franz\u00f6sisch, t\u00fcrkisch<br \/>\nWohndauer in Deutschland: seit 2 Jahren, seit 8 Jahren, seit 20 Jahren, seit Geburt<br \/>\nBeherrschung der deutschen Sprache: flie\u00dfend, gebrochen, kaum<br \/>\nReligionszugeh\u00f6rigkeit: ohne Religion, Christ, Moslem<br \/>\nNationalit\u00e4t des Ehepartners: deutsch, franz\u00f6sisch, t\u00fcrkisch<\/p>\n<p>Eine Vignette (Situationsbeschreibung f\u00fcr eine Person) w\u00fcrde z.B. lauten:<\/p>\n<p>Eine Person A ist in der T\u00fcrkei geboren. Die Staatsangeh\u00f6rigkeit der Eltern von A ist t\u00fcrkisch. A lebt seit 8 Jahren in Deutschland. A spricht gebrochen deutsch und ist ohne Religion. A hat einen deutschen Ehepartner.<\/p>\n<p>Die Befragten wurden dann gebeten, die beschriebene Person nach der folgenden 7-stufigen Skala (-3 bis +3) nach ihrem \u201edeutsch sein\u201c zu beurteilen:<\/p>\n<p>-3: auf keinen Fall deutsch<br \/>\n0: unentschlossen<br \/>\n+3: auf jeden Fall deutsch<\/p>\n<p>Jedem Befragten wurden 15 Vignetten zur Bewertung vorgelegt. Die 15 Vignetten wurden zuf\u00e4llig zusammengestellt und zuf\u00e4llig auf die Befragten verteilt. Der Vignettenfragebogen wurde schriftlich ausgef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Die Verteilung der Bewertungen<\/p>\n<p>Knapp ein Drittel der Urteile (29,4 Prozent) wies den h\u00f6chstm\u00f6glichen negativen Wert  -3 (auf keinen Fall deutsch) auf. 6,7 Prozent der Urteile wiesen den h\u00f6chstm\u00f6glichen Wert  +3 (auf jeden Fall deutsch) auf.  19,3 Prozent der Urteile wiesen den Wert 0 (unentschlossen) auf.<\/p>\n<p>Diese Ergebnisse beziehen sich nur auf die Urteile (Die Prozentwerte wurden gerundet). Die 579 Befragten waren zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlt. Es ist denkbar, dass die Befragten ihr Urteil dar\u00fcber, wann jemand als \u201edeutsch\u201c zu bezeichnen ist, v\u00f6llig unterschiedlich bilden. Die Befragten haben jeweils 15 Vignetten beurteilt. Damit lassen sich multivariate Analysen f\u00fcr jeden einzelnen Befragten durchf\u00fchren. Es wurde eine befragtenspezifische Regressionsanalyse durchgef\u00fchrt, um zu schauen, ob die Befragten ihre Urteile unterschiedlich bilden. Die Auswertung dieser befragtenspezifischen Regressionsanalyse hat gezeigt, dass sich die Befragten sehr stark darin unterscheiden, wie sie das Urteil, ob jemand deutsch ist, bilden. Die Einbeziehung demografischer Variablen der Befragten wie Alter, Familienstand, Geschlecht, Schulbildung und Einkommen zeigten kaum Wirkungen auf die Urteile.<\/p>\n<p>Deutsch ist, wer deutsche Eltern hat<\/p>\n<p>Die Abstammungshypothese wurde klar best\u00e4tigt. Wer deutsche Eltern hat, wird als &#8222;deutsch&#8220; bezeichnet. Dieses Merkmal hatte die st\u00e4rkste Wirkung. Die spezielle Hypothese zur kulturellen Ausschlie\u00dfung besagt, dass z.B. ein t\u00fcrkisch-st\u00e4mmiger Moslem trotz hoher Assimilationsbem\u00fchungen nicht als &#8222;deutsch&#8220; bezeichnet wird. Aufgrund dieser Hypothese w\u00fcrde man voraussagen, dass sich der Effekt von &#8222;Moslem&#8220; nicht \u00e4ndert, wenn man in die Analyse Merkmale einbezieht, die, so vermutet man, Assimilationsbem\u00fchungen messen. Diese sind insbesondere &#8222;deutscher Ehepartner&#8220; und &#8222;flie\u00dfende Beherrschung der deutschen Sprache&#8220;.<br \/>\nDiese Hypothese wurde auf folgende Weise getestet. Es wurden die Korrelationen zwischen &#8222;Moslem&#8220; und den Urteilen zum \u201edeutsch sein\u201c bei zwei Gruppen von Vignetten miteinander verglichen: Vignetten, in denen die Person hohe Assimilationsbem\u00fchungen zeigt (also flie\u00dfend Deutsch spricht und einen deutschen Ehepartner hat) und in denen die Person niedrige Assimilationsbem\u00fchungen zeigt (also nicht flie\u00dfend Deutsch spricht und keinen deutschen Ehepartner hat). F\u00fcr jede dieser Extremgruppen wurden die Korrelationen zwischen &#8222;Moslem&#8220; und Beurteilungsskala berechnet. Trotz Anpassungsbem\u00fchungen nehmen die Menschen eine Person nicht als \u201emehr deutsch\u201c war.<\/p>\n<p>Bei den Vignetten mit einer Person mit niedrigen Assimilationsbem\u00fchungen betrug die Korrelation zwischen &#8222;Moslem&#8220; und dem Urteil -0.03. Bei den Vignetten mit einer Person mit hohen Assimilationsbem\u00fchungen korrelierten die genannten Variablen mit &#8211; 0.22 [1].<\/p>\n<p>Dies best\u00e4tigt die Hypothese zur kulturellen Ausschlie\u00dfung die besagt, dass n\u00e4mlich Assimilationsbem\u00fchungen nicht dazu beitragen, dass man eher als deutsch bezeichnet wird. Im Gegenteil: Bei hohen Assimilationsbem\u00fchungen wird man eher nicht als deutsch eingestuft.<\/p>\n<p>Die Forscher erkl\u00e4ren das mit dem Dissonanzeffekt und den Terroranschl\u00e4gen in der j\u00fcngeren Vergangenheit.<\/p>\n<p>Der Dissonanzeffekt<\/p>\n<p>Der Dissonanzeffekt ist ein Ph\u00e4nomen, das in der Sozialpsychologie durch Festingers Dissonanztheorie beschrieben und erkl\u00e4rt wird. 1957 ver\u00f6ffentlichte Leon Festinger ein Buch [2], in dem er seine Theorie der kognitiven Dissonanz und ihre Bedeutung f\u00fcr die Meinungsbildung und das Verhalten vorstellte.<\/p>\n<p>Von zentraler Bedeutung ist dabei der psychologische Begriff der Kognition. In der Psychologie bezeichnet Kognition die mentalen Prozesse eines Individuums wie Gedanken, Meinungen, Einstellungen, W\u00fcnsche, Absichten. Kognitionen k\u00f6nnen auch als Informationsverarbeitungsprozesse verstanden werden, in dem Neues gelernt und Wissen verarbeitet wird, siehe Denken und Probleml\u00f6sen. Kognitionen k\u00f6nnen Emotionen (Gef\u00fchle) beeinflussen und\/oder durch sie beeinflusst werden.<\/p>\n<p>Kognitionen k\u00f6nnen sich relevant zueinander verhalten. Bei einer relevanten Relation unterscheidet man wiederum zwischen konsonanter und dissonanter Relation. Passen zwei Kognitionen widerspruchslos zusammen oder folgt eine Kognition aus der anderen, dann verhalten sich diese Kognitionen zueinander konsonant.<\/p>\n<p>Kognition A: Ich mag Soul-Musik. Kognition B: Ich h\u00f6re mir die CD von Erykah Badu an.<\/p>\n<p>Passen zwei Kognitionen hingegen nicht zusammen, weil sie einander widersprechen oder sogar das Gegenteil vom jeweils anderen bedeuten, dann verhalten sich diese Kognitionen zueinander dissonant und eine solche Relation hat kognitive Dissonanz zur Folge.<\/p>\n<p>Kognition A: Ich esse jeden Tag sieben Schnitzel. Kognition B: Ich will abnehmen.<\/p>\n<p>Festingers Theorie geht von der Annahme aus, dass kognitive Dissonanz zu unangenehmen psychischen Spannungen f\u00fchrt, die Menschen dazu motiviert, diese Spannung zu beseitigen oder wenigstens zu reduzieren. Je gr\u00f6\u00dfer die Dissonanz (welche vom subjektiven Empfinden abh\u00e4ngig ist), desto gr\u00f6\u00dfer der Druck bzw. die Motivation, diesen Zustand zu beseitigen. Festinger meint dabei nicht logische Unvereinbarkeiten, sondern psychologische d.h. was f\u00fcr eine Person psychologisch unvereinbar ist, kann f\u00fcr andere vereinbar sein.<\/p>\n<p>Welche Mittel benutzen Menschen um eine kognitive Dissonanz zu reduzieren?<\/p>\n<p>Menschen reduzieren kognitive Dissonanz z.B. durch Ver\u00e4nderungen ihres kognitiven Systems.<\/p>\n<p>a) Addition neuer konsonanter Kognitionen<br \/>\nb) Subtraktion von dissonanten Kognitionen (Ignorieren, Vergessen, Verdr\u00e4ngen)<br \/>\nc) Substitution von Kognitionen: Subtraktion dissonanter bei gleichzeitiger Addition konsonanter Kognitionen \u2192 kognitive Verzerrung erforderlich<br \/>\nKognition kann dann umso schwerer zur Dissonanzreduktion verwendet werden, je gr\u00f6\u00dfer die Anzahl konsonanter Beziehungen zu anderen Kognitionen ist.<\/p>\n<p>Nachtrag 16.9.2010<\/p>\n<p>Es ist Zeit f\u00fcr ein wenig Edutainment. In den Kommentaren wurde ja weiter eifrig \u00fcber die Definition von &#8222;deutsch&#8220; diskutiert. Hier der Textauszug zu dem Lied &#8222;Fremd im eigenen Land&#8220;. Ich denke, er macht recht deutlich wohin diese Studie zielt.<\/p>\n<p>\u2026Ich habe einen gr\u00fcnen Pass mit &#8217;nem goldenen Adler drauf<\/p>\n<p>dies bedingt, dass ich mir oft die Haare rauf<\/p>\n<p>Jetzt mal ohne Spass: \u00c4rger hab&#8216; ich zu Hauf<\/p>\n<p>obwohl ich langsam Auto fahre und niemals sauf&#8216;<\/p>\n<p>All das Gerede von europ\u00e4ischem Zusammenschluss<\/p>\n<p>fahr&#8216; ich zur Grenze mit dem Zug oder einem Bus<\/p>\n<p>frag&#8216; ich mich warum ich der Einzige bin, der sich ausweisen muss,<\/p>\n<p>Identit\u00e4t beweisen muss!<\/p>\n<p>Ist es so ungew\u00f6hnlich, wenn ein Afro-Deutscher seine Sprache spricht<\/p>\n<p>und nicht so blass ist im Gesicht?<\/p>\n<p>Das Problem sind die Ideen im System:<\/p>\n<p>ein echter Deutscher muss auch richtig deutsch aussehen,<\/p>\n<p>blaue Augen, blondes Haar keine Gefahr,<\/p>\n<p>gab&#8217;s da nicht &#8217;ne Zeit wo&#8217;s schon mal so war?!<\/p>\n<p>&#8222;Gehst du mal sp\u00e4ter zur\u00fcck in deine Heimat?&#8220;<\/p>\n<p>&#8218;Wohin? nach Heidelberg? wo ich ein Heim hab?&#8216;<\/p>\n<p>&#8222;Nein du weisst, was ich mein&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Komm lass es sein, ich kenn diese Fragen seit dem ich klein<\/p>\n<p>bin in diesem Land vor zwei Jahrzehnten geborn&#8216;<\/p>\n<p>doch frag&#8216; ich mich manchmal, was hab&#8216; ich hier verloren!<\/p>\n<p>Ignorantes Geschw\u00e4tz, ohne End<\/p>\n<p>dumme Spr\u00fcche, die man bereits alle kennt<\/p>\n<p>&#8222;Eh, bist du Amerikaner oder kommste aus Afrika?&#8220;<\/p>\n<p>Noch ein Kommentar \u00fcber mein Haar, was ist daran so sonderbar?<\/p>\n<p>&#8222;Ach du bist Deutscher, komm erz\u00e4hl kein Scheiss!&#8220;<\/p>\n<p>Du willst den Beweis? Hier ist mein Ausweis:<\/p>\n<p>Gestatten sie mein Name ist Frederik Hahn<\/p>\n<p>ich wurde hier geboren, doch wahrscheinlich sieht man&#8217;s mir nicht an,<\/p>\n<p>ich bin kein Ausl\u00e4nder, Aussiedler, Tourist, Immigrant,<\/p>\n<p>sondern deutscher Staatsb\u00fcrger und komme zuf\u00e4llig aus diesem Land,&#8230;<br \/>\nQuelle: <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann ist man deutsch? von Joe Dramiga, 14. September 2010 ResearchBlogging.org Die Soziologen Michael M\u00e4s und Kurt M\u00fchler der Uni Leipzig haben sich gefragt bei welchen Merkmalen eine Person als \u201edeutsch\u201c beschrieben wird. Zur Beantwortung dieser Frage \u00fcberpr\u00fcften sie zwei Hypothesen, die Assimilationshypothese und die Abstammungshypothese. 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