{"id":1160,"date":"2010-09-20T06:27:35","date_gmt":"2010-09-20T04:27:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1160"},"modified":"2023-04-02T12:50:56","modified_gmt":"2023-04-02T09:50:56","slug":"regierung-macht-politischen-islam-salonfahig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/09\/20\/regierung-macht-politischen-islam-salonfahig\/","title":{"rendered":"Regierung macht politischen Islam salonf\u00e4hig"},"content":{"rendered":"<p>\u00d6sterreichs Politik st\u00e4rke konservative Kr\u00e4fte, anstatt s\u00e4kul\u00e4re T\u00fcrkInnen zu unterst\u00fctzen, kritisiert Birol Kilic von der T\u00fcrkischen Gemeinde<\/p>\n<p>Warum f\u00fchlen sich viele Austrot\u00fcrkInnen in \u00d6sterreich nicht so gut integriert wie andere MigrantInnen-Gruppen? Eine vom Innenministerium in Auftrag gegebene Studie f\u00fchrte zu diesem Ergebnis. Viele glaubten in der st\u00e4rkeren Religiosit\u00e4t einen Grund daf\u00fcr zu finden. Birol Kilic, Obmann der T\u00fcrkischen Kulturgemeinde in \u00d6sterreich, sieht das anders: Antit\u00fcrkische Hetze und negative Berichterstattung f\u00fchrten erst dazu, viele T\u00fcrkInnen zum R\u00fcckzug in die Moschee zu bewegen. Die politische Mitte f\u00f6rdere den politischen Islam, dabei sollte sie s\u00e4kul\u00e4re T\u00fcrkInnen unterst\u00fctzen, meint Kilic.<\/p>\n<p>derStandard.at: In letzter Zeit schaffen es t\u00fcrkische Communities wieder auf die Titelseiten der Zeitungen. Da liest man Schlagzeilen wie &#8222;Die t\u00fcrkische Frage&#8220;, &#8222;Die t\u00fcrkische Parallelwelt&#8220; oder &#8222;Lange hier und trotzdem fremd&#8220;. Wie geht es Ihnen damit?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-1161\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/Birol_Kilic.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"220\" \/>Kilic: &#8222;Die t\u00fcrkische Frage&#8220; &#8211; das ist eine Terminologie aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Damals war von der &#8222;Judenfrage&#8220; die Rede. Ich will das nicht direkt vergleichen, aber ich finde es ersch\u00fctternd. Schauen Sie sich die Zeitungen an: In Boulevardmedien werden in den Leserbriefen T\u00fcrken als &#8222;Untermenschen&#8220; bezeichnet. Ich sage Ihnen: Wenn das so weiter geht, dann wollen sich die Leute tats\u00e4chlich nicht mehr integrieren. Denn wenn man mir hundert Mal jemand sagt: &#8222;Du bist dumm&#8220;, dann sage ich irgendwann: &#8222;Gut, dann bin ich eben dumm.&#8220;<\/p>\n<p>derStandard.at: Es gibt in der dritten Generation besonders viele, die sich hier als nicht integriert bezeichnen.<\/p>\n<p>Kilic: Diese Jugendlichen erleben drau\u00dfen, dass sie diskriminiert werden, also ziehen sie sich zur\u00fcck. Drinnen holen sie sich die T\u00fcrkei via Satellitenfernsehen in die Wohnung und h\u00f6ren Dinge, die mit dem Leben hier gar nichts zu tun haben. Es ist nur verst\u00e4ndlich, sich da unwohl zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>derStandard.at: Es klingt so, als seien die Austrot\u00fcrkInnen allesamt Opfer der Umst\u00e4nde.<\/p>\n<p>Kilic: Beide Seiten machen Fehler. Aber es ist Tatsache, dass es eine ausgepr\u00e4gte Fremdenfeindlichkeit in \u00d6sterreich gibt, das beweist ja auch die Studie der Innenministerin.<\/p>\n<p>derStandard.at: Wie erkl\u00e4ren Sie sich die ausgepr\u00e4gte Skepsis gegen\u00fcber Zugewanderten?<\/p>\n<p>Kilic: Ich kenne das von der T\u00fcrkei: Die zugewanderten Minderheiten wollten immer die besseren T\u00fcrken sein. In \u00d6sterreich ist es genauso. Die Leute kommen aus B\u00f6hmen, aus Ungarn, und wollen die besseren \u00d6sterreicher sein. Dann schimpfen sie noch lauter \u00fcber die T\u00fcrken als alle anderen. Manche Parteien hetzen die Migranten gegeneinander auf. Aber die Austrot\u00fcrken sind keine Geiseln, die man wie Marionetten hin- und herschieben und beschimpfen kann.<\/p>\n<p>derStandard.at: Warum organisieren sich t\u00fcrkische Communities nicht? Wenn die FP\u00d6 gegen T\u00fcrkInnen hetzt, h\u00f6rt man selten einen Aufschrei.<\/p>\n<p>Kilic: Das ist das gr\u00f6\u00dfte Problem. Viele k\u00f6nnen nicht aufstehen, jeder hat Angst um Job, Wohnung, Familie. Wenn ich in meiner Zeitung etwas Kritisches schreibe, muss ich um Inserate f\u00fcrchten. In die Politik schaffen es nur \u00fcberangepasste T\u00fcrken, die immer l\u00e4cheln, sich als Super-T\u00fcrken verkaufen, jedes Jahr drei Zentimenter mehr Bauchumfang haben, und nie offen reden. Aber dieses Land braucht aufrichtige Menschen, die Probleme aufzeigen.<\/p>\n<p>derStandard.at: Welche Probleme meinen Sie?<\/p>\n<p>Kilic: T\u00fcrkische Kinder werden in Sonderschulen geschickt. Diese Jungen beginnen gerade, uns Probleme zu machen. Und viele Eltern sagen, bevor mein Kind in die Sonderschule kommt, schicke ich es in eine religi\u00f6se Privatschule. Das ist ein Problem.<\/p>\n<p>derStandard.at: Sehen Sie einen Trend zum religi\u00f6sen Konservativismus unter den Austrot\u00fcrkInnen?<\/p>\n<p>Kilic: Ja, seit f\u00fcnf, sechs Jahren breitet sich ein politischer Islam aus. Wobei das Problem nicht der Islam ist, sondern jegliche Art von politisiertem Glauben. Parteien aus der T\u00fcrkei gr\u00fcnden in \u00d6sterreich Verb\u00e4nde, die einen politischen Islam verbreiten und sich zu Vertretern der T\u00fcrken in \u00d6sterreich aufspielen. Aber haben Sie jemals geh\u00f6rt, dass jemand von ihnen aufgestanden ist und die T\u00fcrken laut vertreten hat? Das gr\u00f6\u00dfte Problem ist, dass sich die \u00f6sterreichische Politik hier extrem tolpatschig verh\u00e4lt: Unter dem Vorwand des Dialogs wird die Unwissenheit \u00f6sterreichischer Politiker \u00fcber den politischen Islam ausgenutzt. Es kann nicht sein, dass Funktion\u00e4re der Islamischen Glaubensgemeinschaft auch Funktionen in politischen Parteien besetzen.<\/p>\n<p>derStandard.at: Sie sprechen von (dem Wiener SP-Landtagsabgeordneten) Omar Al-Rawi.<\/p>\n<p>Kilic: Das haben Sie gesagt. Aber es gibt auch andere Beispiele. Die B\u00fcrger dieses Landes m\u00fcssten aufstehen und sagen: Wir wollen keine Einmischung der Religionen in die Politik. Wir wollen auch keine Wahlpropaganda am Sonntag in der Kirche haben. Die Islamische Glaubensgemeinschaft ist einzigartig in Europa. Aber man sollte hinterfragen, wie demokratisch es ist, wenn eine Organisation, die nur ein paar Hundert Leute als Mitglieder hat, als Ansprechpartner von 400.000 Muslimen in \u00d6sterreich akzeptiert wird.<\/p>\n<p>derStandard.at: Wir sprachen nicht von Muslimen, sondern von T\u00fcrkInnen.<\/p>\n<p>Kilic: Genau, und das ist das Problem. Die Republik braucht S\u00e4kularismus. Religion hat in der Politik nichts zu suchen.<\/p>\n<p>derStandard.at: Aber wie wichtig ist der S\u00e4kularismus den t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Communities? Laut GFK-Studie w\u00fcnscht sich ein Drittel der Austrot\u00fcrkInnen, dass religi\u00f6se Gebote auch in die staatliche Gesetzgebung einflie\u00dfen.<\/p>\n<p>Kilic: Ich glaube, dass sich das auch viele religi\u00f6se Mehrheits\u00f6sterreicher vorstellen k\u00f6nnten. Aber nat\u00fcrlich muss man zugeben, dass es auch t\u00fcrkische Gegner des S\u00e4kularismus gibt. Ich w\u00fcrde trotzdem sagen: 70 Prozent der T\u00fcrken in \u00d6sterreich sind s\u00e4kular eingestellt.<\/p>\n<p>derStandard.at: Dennoch beginnen sich Frauen zu verschleiern, deren eigene M\u00fctter kein Kopftuch tragen. Ist das kein Zeichen st\u00e4rkerer Religiosit\u00e4t?<\/p>\n<p>Kilic: Selbstverst\u00e4ndlich werden die Kopftuchfrauen mehr. Das wundert mich nicht: Je mehr die Muslime drau\u00dfen angefeindet werden, desto mehr ziehen sie sich in die Kulturvereine zur\u00fcck. Und dort ist der religi\u00f6se Druck viel st\u00e4rker: &#8222;Ich trage ein Kopftuch, warum tr\u00e4gst du keines?&#8220;. Davon unterscheide ich aber Frauen, die eigenst\u00e4ndig Ihre Entscheidungen treffen.<\/p>\n<p>derStandard.at: Ihrer Meinung nach st\u00e4rkt also rechte Propaganda den politischen Islam in \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Kilic: Die Rechtsextremen sind harmlos &#8211; wir wissen, wer sie sind und was sie denken. F\u00fcr wirklich gef\u00e4hrlich halte ich die politische Mitte in \u00d6sterreich. Sie macht den politischen Islam in \u00d6sterreich salonf\u00e4hig. Die Parteien machen Propaganda in den Moscheen, sie feiern, und verwenden dabei religi\u00f6se Begriffe, um Stimmen zu sammeln. Die Parteien gehen zu den Islamischen Verb\u00e4nden und sagen: &#8222;Wir wollen mit euch kooperieren.&#8220; Das nennen sie Dialog und Toleranz. Man schickt sogar Parteimitglieder aus, damit sie Mitglieder in Moscheevereinen werden. Ich frage mich: Warum in der Moschee? Nun fangen die Anh\u00e4nger des politischen Islam sogar an, eigene parteien\u00e4hnliche Organisationen zu gr\u00fcnden und Druck auf die \u00f6sterreichischen Parteien zu machen. Das wollen wir nicht.<\/p>\n<p>derStandard.at: Mit welchen t\u00fcrkischen Vereinen k\u00f6nnte die Politik denn sonst reden? Den kritischen, s\u00e4kularen Austrot\u00fcrkInnen fehlt es offenbar an Selbstorganisation.<\/p>\n<p>Kilic: Wir sind m\u00fcde. Wir sehen, in welche Richtung es in der T\u00fcrkei geht, und das hat nat\u00fcrlich Einfluss auf die T\u00fcrken in Europa. Und wir sehen, dass die \u00f6sterreichische Politik die traditionllen Islamanh\u00e4nger st\u00e4rkt. Das nimmt uns Kraft. Diese Vereine er\u00f6ffnen Kulturzentren, schreiben &#8222;Moschee&#8220; drauf, und machen Politik aus dem Ausland. Der Islam braucht keine Hirten, er ist eine individualistische Religion. Zwischen Gott und Mensch brauchen wir niemanden.<\/p>\n<p>derStandard.at: Wie sollte man mit dem politischen Islam umgehen?<\/p>\n<p>Kilic: Man muss die schlimmsten Vereine identifizieren, die auch sehr nobel auftreten, und sich von ihnen distanzieren und nicht salonf\u00e4hig machen.<\/p>\n<p>derStandard.at: Laut der Studie des Innenministeriums haben auff\u00e4llig viele T\u00fcrkInnen Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht. F\u00fchlen Sie sich von der Politik ausreichend unterst\u00fctzt?<\/p>\n<p>Kilic: \u00dcberhaupt nicht. Aber das kann die Politik auch nicht. Schlie\u00dflich reden die wenigsten \u00fcber ihre Diskriminierungserfahrung, man sch\u00e4mt sich. Man schluckt das und zieht sich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>derStandard.at: Wenn man Ihnen zuh\u00f6rt, bekommt man den Eindruck, es sei bereits zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Kilic: Es gibt t\u00fcrkische Frauen, die sich tats\u00e4chlich nur zwischen Wohnung, Park und Moschee bewegen. Das ist traurig. Aber man sollte aufh\u00f6ren, sie als Fremdk\u00f6rper zu betrachten. Es w\u00e4re wichtig, dass es m\u00f6glichst gemischte Wohngegenden gibt. Und die Partipation der Frauen muss unterst\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>derStandard.at: Gerade die Gemeindebauten sind ziemlich durchmischt.<\/p>\n<p>Kilic: Ja, aber dort pflegen die \u00d6sterreicher ja selber ihre Probleme. Ich wohne mit \u00d6sterreichern im Haus, und die gr\u00fc\u00dfen nicht einmal ihre Nachbarn. Aber mit ihren Tieren sind sie sehr innig. Allgemein sind viele \u00d6sterreicher extrem einsame Menschen, die mit wenigen Leuten Kontakt haben und wenn, sehr distanziert sind. Aber wenn man sich bem\u00fcht, kann man wahre Freundschaften finden. (Maria Sterkl, derStandard.at, 30.10.2009)<\/p>\n<p>Zur Person<\/p>\n<p>Birol Kilic ist Obmann der T\u00fcrkischen Kulturgemeinde in \u00d6sterreich. Er leitet den in Wien ans\u00e4ssigen Neue Welt Verlag und Herausgeber der t\u00fcrkischsprachigen Zeitung Yeni Vatan Gazetesi und des in deutscher Sprache erscheinenden Magazins &#8222;Einspruch&#8220;. Au\u00dferdem gestaltet Kilic Korrespondentenbeitr\u00e4ge f\u00fcr t\u00fcrkische TV-Sender und ist Vorstandsmitglied im Verband der Auslandspresse in Wien.<\/p>\n<p>derstandard, 30.10.2009 Printausgabe<\/p>\n<p>Quelle: <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00d6sterreichs Politik st\u00e4rke konservative Kr\u00e4fte, anstatt s\u00e4kul\u00e4re T\u00fcrkInnen zu unterst\u00fctzen, kritisiert Birol Kilic von der T\u00fcrkischen Gemeinde Warum f\u00fchlen sich viele Austrot\u00fcrkInnen in \u00d6sterreich nicht so gut integriert wie andere MigrantInnen-Gruppen? Eine vom Innenministerium in Auftrag gegebene Studie f\u00fchrte zu diesem Ergebnis. Viele glaubten in der st\u00e4rkeren Religiosit\u00e4t einen Grund daf\u00fcr zu finden. 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