{"id":1117,"date":"2010-09-15T18:56:07","date_gmt":"2010-09-15T16:56:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1117"},"modified":"2014-01-01T22:11:29","modified_gmt":"2014-01-01T20:11:29","slug":"turken-in-amerika-der-etwas-andere-islam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/09\/15\/turken-in-amerika-der-etwas-andere-islam\/","title":{"rendered":"T\u00fcrken in Amerika \u2013 der etwas andere Islam"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wo Sarrazins Thesen zur Integrationsverweigerung ins Leere laufen &#8211; von Hannes Stein<\/strong><\/p>\n<p>Bilder aus einer muslimischen Diaspora, f\u00fcr die die Trennung von Staat und Religion ebenso selbstverst\u00e4ndlich ist wie das Credo des freien Marktes.<\/p>\n<p>*****<\/p>\n<p>\u00dcber Thilo Sarrazin und sein umstrittenes Buch k\u00f6nnen wir von hier aus nichts sagen &#8211; weder im Guten noch im B\u00f6sen. Das Werk wurde noch nicht ins Englische \u00fcbersetzt, es liegt nicht bei &#8222;Barnes and Noble&#8220; herum. Allerdings kann man jenseits des Atlantiks immerhin ein paar Dinge zu dem gro\u00dfen Thema &#8222;t\u00fcrkische Diaspora&#8220; anmerken. Dabei geht es, nota bene, nicht um T\u00fcrken in deutschsprachigen L\u00e4ndern, sondern um T\u00fcrken in Amerika.<\/p>\n<p>Es gibt nicht allzu viele von ihnen, aber es gibt sie &#8211; im Bundesstaat Pennsylvania etwa liegt ein bedeutendes Ballungsgebiet. Ein Freund kennt die t\u00fcrkische Gemeinschaft dort gut und berichtet Folgendes: T\u00fcrken in Amerika sind in der statistischen Regel meistens Rechtsanw\u00e4lte, \u00c4rzte, Universit\u00e4tsprofessoren oder schwerreiche Unternehmer. Ihre Kinder schicken diese Leute selbstverst\u00e4ndlich auf ein gutes College; undenkbar w\u00e4re f\u00fcr sie, dass die Kinder vorzeitig die Schule abbrechen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-1118\" src=\"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/Fethullah_Gulen.jpeg\" alt=\"\" width=\"81\" height=\"124\" \/>Viele dieser amerikanischen T\u00fcrken sind gl\u00e4ubige Muslime. Manche z\u00e4hlen zu den Anh\u00e4ngern von Fethullah G\u00fclen, einem Imam, der in Pennsylvania im selbst auferlegten Exil lebt, eine stockreaktion\u00e4re Theologie vertritt, gleichzeitig allerdings Marktwirtschaft und Bildung nicht f\u00fcr Werkzeuge des Teufels h\u00e4lt. Jene t\u00fcrkische Flottille, die von radikalen Muslimen ausger\u00fcstet wurde und unter dem Vorwand der humanit\u00e4ren Hilfe den Konflikt mit Israel suchte, hat Fethullah G\u00fclen seinerzeit \u00f6ffentlich verurteilt: Wer den Pal\u00e4stinensern helfen wolle, urteilte er, solle gef\u00e4lligst mit den israelischen Beh\u00f6rden zusammenarbeiten.<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkischen Muslime, meint unser Freund, akzeptierten die Trennung von Staat und Religion. Ihr Glaube sei ihnen Privatsache. Der einzige gravierende Gesetzesversto\u00df, dessen sie sich schuldig machten, sei wohl, dass sie manchmal ihre Steuern nicht p\u00fcnktlich bezahlten. Auf die T\u00fcrken in Deutschland schauten sie mit Verachtung herab.<\/p>\n<p>Unser Freund arbeitet an hoher Stelle f\u00fcr die Politmaschinerie der Demokratischen Partei, au\u00dferdem ist er Jude. Neulich wollten seine t\u00fcrkischen Gespr\u00e4chspartner von ihm wissen, wie die j\u00fcdische Lobby es geschafft habe, so erfolgreich zu sein. Sie, die T\u00fcrken, w\u00fcrden es den Juden gern nachmachen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00fcssen wir sofort einschieben, dass das Wort &#8222;Lobbyarbeit&#8220; in Amerika kein schmutziges Wort ist. Die Exilkubaner haben eine Lobby, auch die Vogelsch\u00fctzer, die \u00d6lmagnaten und die Bef\u00fcrworter der Schwulenehe. Warum sollten ausgerechnet die Juden keine Lobby haben? Unser Freund versprach den T\u00fcrken, dass er ihnen helfen wolle, sich als Interessengruppe zu organisieren.<\/p>\n<p>Nun sei ein kleiner Themensprung gestattet: Vor 16 Jahren erschien in Amerika ein Buch mit dem Titel &#8222;The Bell Curve&#8220; , die Autoren waren Richard J. Herrnstein und Charles Murray. In jenem Buch stand, sehr kurz gefasst, dass beruflicher Erfolg vor allem auf Intelligenz zur\u00fcckzuf\u00fchren sei (nicht auf soziale Faktoren), dass die Intelligenz in der amerikanischen Bev\u00f6lkerung ungleich verteilt sei und dass manche Bev\u00f6lkerungsgruppen (Schwarze, Latinos) messbar weniger intelligent seien als andere (Asiaten, Juden). Ob das auf genetische Ursachen zur\u00fcckzuf\u00fchren sei, lie\u00dfen Herrnstein und Murray in der Schwebe.<\/p>\n<p>Das Buch wurde sofort zum Bestseller &#8211; und zum Gegenstand einer heftigen Kontroverse, an der wir uns hier nicht beteiligen wollen. Wir m\u00f6chten nur trocken feststellen: T\u00fcrken kommen in &#8222;The Bell Curve&#8220; nicht vor. K\u00e4men sie vor, w\u00fcrden sie bestimmt unter den kl\u00fcgsten Menschen in Amerika rangieren. Eine soziologische Untersuchung m\u00fcsste au\u00dferdem zu dem Ergebnis kommen, dass T\u00fcrken, die einem reaktion\u00e4ren Theologen ihr Ohr leihen, sich besonders gut dazu eignen, in einer westlichen, demokratischen Gesellschaft integriert zu werden. (Hannes Stein\/DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2010)<\/p>\n<p>Hannes Stein, geboren 1965 in M\u00fcnchen, Journalist und Buchautor, lebt zurzeit in Brooklyn und schreibt regelm\u00e4\u00dfig  f\u00fcr die Tageszeitung &#8222;Die Welt&#8220; , in der dieser Beitrag zuerst erschienen ist; Buchver\u00f6ffentlichungen u.a.: &#8222;Enzyklop\u00e4die der Alltagsqualen&#8220; (Eichborn) und &#8222;Tsch\u00fcss, Deutschland! Aufzeichnungen eines Ausgewanderten&#8220; (Galiani)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo Sarrazins Thesen zur Integrationsverweigerung ins Leere laufen &#8211; von Hannes Stein Bilder aus einer muslimischen Diaspora, f\u00fcr die die Trennung von Staat und Religion ebenso selbstverst\u00e4ndlich ist wie das Credo des freien Marktes. ***** \u00dcber Thilo Sarrazin und sein umstrittenes Buch k\u00f6nnen wir von hier aus nichts sagen &#8211; weder im Guten noch im [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":1118,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[16,29],"class_list":["post-1117","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-turkei","tag-gulen","tag-sarrazin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1117","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1117"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1117\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1118"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}