{"id":1002,"date":"2010-09-07T11:39:23","date_gmt":"2010-09-07T09:39:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.turkishforum.com.tr\/de\/content\/?p=1002"},"modified":"2023-04-08T15:54:10","modified_gmt":"2023-04-08T12:54:10","slug":"1002","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.turkishnews.com\/de\/content\/2010\/09\/07\/1002\/","title":{"rendered":"Sarrazin bleibt unbeugsam &#8211; ist aber vorsichtiger"},"content":{"rendered":"<p>Thilo Sarrazin<br \/>\nFoto: Internet<\/p>\n<p><strong>Sarrazin bleibt unbeugsam &#8211; ist aber vorsichtiger<\/strong><br \/>\nDienstag, 7. September 2010 07:42\u00a0 &#8211; Von Joachim Fahrun<\/p>\n<p>Die Berliner SPD will Thilo Sarrazin loswerden und hat am Montag ein entsprechendes Parteiordnungsverfahren beschlossen. Zuvor verteidigte Berlins Ex-Finanzsenator vehement seine Thesen, obwohl er mittlerweile unter Polizeischutz steht.<\/p>\n<p>Seine Anw\u00e4lte hatten Thilo Sarrazin gut beraten. Der Noch-Bundesbank-Vorstand h\u00fctete seine Zunge. Ob er denn auf einen Anruf warte von Bundespr\u00e4sident Christian Wulff, der \u00fcber den Abberufungsantrag seiner Vorstandskollegen entscheiden muss, fragten Journalisten den umstrittenen Buchautor am Montag auf der Friedrichstra\u00dfe. \u201eIch warte darauf, dass die Ampel gr\u00fcn wird\u201c, sprach Sarrazin und eilte dann, seinen schwarzen Rucksack auf dem R\u00fccken, zu seinem um die Ecke wartenden Auto. Die Marschroute war klar: Zwar stellte sich Sarrazin auch gestern wieder auf dem Podium eines Demografiekongresses der Diskussion. Aber zum heiklen Thema der drohenden Rausw\u00fcrfe aus dem Vorstand der Bundesbank und aus der SPD sagte er kein Wort.<\/p>\n<p>Dennoch hat sich Sarrazins Leben ver\u00e4ndert. Der umstrittene Buchautor steht inzwischen unter Polizeischutz. Gleich vier Beamte des Landeskriminalamtes schirmten den fr\u00fcheren Finanzsenator ab. Zu seinem Interview mit der Morgenpost vor zehn Tagen in einem Kreuzberger Kebab-Restaurant, als er \u00fcber spezielle j\u00fcdische Gene sprach und damit aus der Sicht auch wohlmeinender Beobachter den Boden der Seriosit\u00e4t endg\u00fcltig verlie\u00df, war Sarrazin mutterseelenallein erschienen. Jetzt eskortiert ein Polizeiwagen seine Limousine.<\/p>\n<p>Nachdem es in einschl\u00e4gigen Foren im Internet Drohungen gegen Sarrazin gegeben hatte, entschied das Bundeskriminalamt, Sarrazin sch\u00fctzen zu lassen. Gestern Morgen waren vier Beamte des Landeskriminalamts aufgeboten. Sie wurden kurz hellh\u00f6rig, als ein wei\u00dfer Kleinlaster die kleine Prozession mit Sarrazin, Aufpassern und Journalisten an der Behrenstra\u00dfe passierte. \u201eNazi\u201c, schallte es aus dem F\u00fchrerhaus. Sarrazin blickte stoisch nach vorne. \u201eIch f\u00fchle mich gut aufgehoben\u201c, sagte er, ehe er sich von seinen Begleitern zum Berliner Hauptbahnhof fahren lie\u00df, wo er den Zug nach Frankfurt bestieg, dem Sitz seines Arbeitgebers, der Bundesbank.<\/p>\n<p>Den Morgen hatte er genutzt, um in einer Diskussion im Forum des Deutschen Beamtenbundes wieder einmal die Integrationsdebatte zu befeuern. Dabei sprachen Ex-Bundestagspr\u00e4sidentin Rita S\u00fcssmuth, der Integrationsexperte Klaus Bade, die migrationspolitische Sprecherin der Linken, Sevim Dagdelen, und der Pr\u00e4sident des Informationstechnik-Verbandes Bitkom, August-Wilhelm Scheer, gar nicht direkt \u00fcber sein Buch. Aber die Masse der Fotografen und Kamerateams war wohl vor allem deshalb gekommen, um wieder einen harten Spruch von Sarrazin aufzufangen.<br \/>\nFehlende Fachkr\u00e4fte<\/p>\n<p>Vor 250 Menschen im Saal und den Zuh\u00f6rern des Deutschlandradios in den Wohnstuben kreist die Debatte um die N\u00f6te der Hightech-Industrie mit den fehlenden Fachkr\u00e4ften und kriecht weiter hin zu der Erkenntnis, dass es auch Deutsche gebe, die nicht integriert seien. Sarrazin, wie \u00fcblich in grauem Jackett und roter Krawatte, schaut abwesend. Die Moderatorin spricht ihn als Letzten an. Es gebe doch Firmen, die stark auf Mitarbeiter mit Migrationshintergrund setzten, was er dazu sage? \u201eToll\u201c sei das, antwortet der \u00d6konom, \u201eIntegration durch Arbeit ist das, was wir brauchen\u201c. Aber die Bilder von den guten Firmen will Sarrazin nicht stehen lassen. Wenn die Leute da nicht funktionierten, seien sie auch ganz schnell wieder raus. Gerade in Unternehmen gebe es den \u201eProzess des Forderns\u201c, f\u00fcr den er in dieser Frage steht. \u201eKnallhart\u201c, sei das, \u201eda gibt es keinen Rabatt\u201c. Rita S\u00fcssmuth merkt an, es gehe nicht um \u201eknallhart, sondern um Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Menschen\u201c. Die Moderatorin will von Sarrazin wissen, ob er in der Bundesbank auch f\u00fcr anonymisierte Bewerbungen sei, um Diskriminierung von Migranten wegen ihrer Namen und Herkunft zu vermeiden. \u201eLassen Sie mal die Bundesbank\u201c, herrscht Sarrazin die Moderatorin an. Auf seinen Arbeitgeber ist er offensichtlich nicht gut zu sprechen.<\/p>\n<p>Dann geht es um Quoten oder Selbstverpflichtungen von Beh\u00f6rden oder Firmen, Migranten einzustellen. Sarrazin selbst bringt hier sein Leib- und Magenthema in die Diskussion ein: Dass es n\u00e4mlich speziell um die Gruppe der muslimischen Zuwanderer schlecht bestellt sei, keineswegs um alle. \u201eVietnamesen, Inder, Polen, Russen, Spanier, Griechen brauchen keine Quoten\u201c, sagt Sarrazin. \u201eDie sind bei uns in der zweiten Generation voll integriert.\u201c Bei T\u00fcrken und Marokkanern sei das anders. \u201eDie Frage ist doch, wieso brauchen die einen nach ihrer Meinung Quoten f\u00fcr das, was die anderen ohne Quoten schaffen.\u201c Diese Frage m\u00fcsse man mal diskutieren.<\/p>\n<p>Das tut man dann auch. Der Migrationsforscher Bade best\u00e4tigt die von Sarrazin angesprochenen Unterschiede im Integrationsniveau einzelner Gruppen. Das liege an der Herkunft der fr\u00fcheren Gastarbeiter aus der T\u00fcrkei. \u201eDer Weg vom anatolischen Schafhirten, dessen Enkel Abitur macht, ist erheblich gr\u00f6\u00dfer als der eines deutschen Facharbeiters, dessen Enkel Fabrikdirektor wird\u201c, sagt Bade. Linke-Politikerin Dagdelen spricht von \u201estrukturellem Rassismus\u201c und \u201esozialer Ausgrenzung\u201c. \u201eDer Gastarbeiterstopp war vor 37 Jahren\u201c, kontert Sarrazin. In dieser Zeit k\u00f6nne man Deutsch lernen.<\/p>\n<p>Die Runde diskutiert die Frage, ob nun mehr Sanktionen gegen Migranten gebraucht w\u00fcrden, die sich der Integration verweigerten. Sie sei eher f\u00fcr Anreize, sagt Rita S\u00fcssmuth, die vor zehn Jahren als CDU-Politikerin unter der rot-gr\u00fcnen Bundesregierung der Kommission vorsa\u00df, die erstmals Grunds\u00e4tze f\u00fcr eine gesteuerte Zuwanderung nach Deutschland erarbeitet hatte. Aber: \u201eWer sich dauerhaft verweigert, der muss das f\u00fchlen\u201c, sagt S\u00fcssmuth. Bestimmte Sanktionen seien gerechtfertigt.<\/p>\n<p>Die Linke-Politikerin Dagdelen verweist darauf, dass es bereits gesetzlich festgelegte Strafen f\u00fcr diejenigen gebe, die etwa nicht an Integrations- oder Sprachkursen teilnehmen, auch Ehepartner d\u00fcrften nur nachziehen, wenn sie Deutschkenntnisse nachweisen und keine Sozialleistungen beantragten.<br \/>\nDeutscher Sozialstaat als Zuckerbrot<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich fragt die Moderatorin, ob Sarrazin glaube, dass auch mehr \u201eZuckerbrot\u201c f\u00fcr die Zuwanderer der Integration f\u00f6rderlich sein k\u00f6nnte. Zuckerbrot gebe es bereits, antwortet der Ex-Finanzsenator: \u201edas gewaltige Angebot des deutschen Bildungs- und Sozialstaates\u201c. Man m\u00fcsse aber sehen, wie welche Gruppen dieses Angebot nutzten. Man m\u00fcsse fragen, warum t\u00fcrkische M\u00fctter nicht mit Lehrern sprechen k\u00f6nnten, weil sie kein Deutsch spr\u00e4chen, warum t\u00fcrkische Kinder nicht zu Geburtstagen deutscher Kinder gingen und warum t\u00fcrkische V\u00e4ter gegen\u00fcber Lehrerinnen h\u00e4ufiger unversch\u00e4mt w\u00fcrden, weil sie keine Frauen akzeptierten. Das seien Fragen, die an vielen deutschen Schulen gestellt w\u00fcrden. Das einzige Mal an diesem Vormittag applaudiert das Publikum im Saal.<\/p>\n<p>Das Schlusswort erh\u00e4lt nicht Sarrazin, sondern Sevim Dagdelen von der Linkspartei. \u201eSie wollen, dass die Migranten abgeschoben werden\u201c, warf sie Sarrazin vor, welcher vehement den Kopf sch\u00fcttelt. Sie sei f\u00fcr ein \u201esolidarisches Miteinander\u201c in der Gesellschaft, schlie\u00dft sie mit einer der beliebtesten Floskeln der Integrationsdebatte. Sarrazin steht als Erster auf, sch\u00fcttelt allen Mitdiskutanten artig die Hand und schiebt sich mit dem Pulk aus Kameras aus dem Saal, hinein in sein neues Leben unter Polizeischutz.<\/p>\n<p>Quelle: <\/p>\n<p>aber-vorsichtiger.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thilo Sarrazin Foto: Internet Sarrazin bleibt unbeugsam &#8211; ist aber vorsichtiger Dienstag, 7. September 2010 07:42\u00a0 &#8211; Von Joachim Fahrun Die Berliner SPD will Thilo Sarrazin loswerden und hat am Montag ein entsprechendes Parteiordnungsverfahren beschlossen. Zuvor verteidigte Berlins Ex-Finanzsenator vehement seine Thesen, obwohl er mittlerweile unter Polizeischutz steht. Seine Anw\u00e4lte hatten Thilo Sarrazin gut beraten. 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