Istanbul nach 1933

Die Metropole am Bosporus avancierte für viele Fliehende in den 1930ern zu einer wichtigen, wenn auch oft vergessenen, Transit- und Zufluchtsstadt. Als Verbindungsstelle zum asiatischen Kontinent spielte Istanbul eine besondere Rolle für viele Jüdinnen:Juden auf dem Weg in das britische Mandatsgebiet Palästina. Doch der steigende Emigrationsdruck auf von Nationalsozialist:innen Verfolgte traf auch auf nationalistische Eigeninteressen der noch jungen Republik Türkei, die die Einwanderung eines Teils der vertriebenen intellektuellen Elite zur Unterstützung ihres Modernisierungsprogramms durchaus willkommen hieß und gar förderte. Diese Synergie verwandelte Istanbul in ein Rettungszentrum – wenn auch für viele unter Vorbehalt.

Heute wird dieses Kapitel der Fluchtmigration teilweise als Sternstunde humanitärer Aufnahmepolitik, teilweise als entscheidende Phase des türkisch-nationalistischen Modernisierungsprogramms, teilweise als Übergriff mit orientalistischen und kolonialen Motiven, aber vor allem gar nicht erinnert. Wenn ja, wird es vor allem mit Vertretern der deutschen Elite gleichgesetzt. Doch lässt sich die Fluchtmigration auf diese Elite durchaus nicht begrenzen. Die Geflüchtetengemeinschaft war ethnisch heterogen und repräsentierte alle gesellschaftlichen Klassen. Sie fügte sich in Istanbul in eine jahrhundertealte Geschichte der Migration und wurde immer mehr zum Spielball der intensiven deutsch-türkischen Beziehungen.

Als im Laufe der Jahre um die 1000 exilierte Wissenschaftler:innen und ihre Familien aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die Türkei kamen, war die Republik erst zehn Jahre alt. Im Oktober 1923 rief Mustafa Kemal, der ab 1935 den Beinamen Atatürk – Vater der Türken – erhielt, die Republik aus. Als ihr erster Präsident setzte er einen Modernisierungskurs radikal um. Zu der nach ihm benannten kemalistischen Politik gehörte ein kompromissloser Laizismus, das Streben nach einer „einheitlichen türkischen Nation“ – auf Kosten der im türkischen Staatsgebiet lebenden Minderheiten –, die Einführung eines auf lateinischen Lettern basierendem türkischen Alphabets und die Umstrukturierung des Bildungswesens nach europäischem Vorbild. Durch Letzteres sollte eine neue Generation türkischer Verantwortungsträger:innen herangezogen werden, die die Umstrukturierung aller Bereiche der türkischen Gesellschaft und des Staatswesens umsetzen sollten.

In bewusster Abgrenzung zur osmanischen Vergangenheit wurde Ankara – und nicht Istanbul – zur Hauptstadt der jungen türkischen Republik erklärt. Allerdings behielt die Metropole Istanbul weiterhin eine zentrale politische, kulturelle und wirtschaftliche Stellung und wurde auch in das Bildungsreformprogramm mit eingebunden: Mit der Gründung der İstanbul Üniversitesi im Rahmen des kemalistischen Modernisierungsprogramms im Jahr 1933 begann die Suche und Anwerbung von Expert:innen seitens der türkischen Regierung.

Die Annahme, dass „Moderne“ am besten aus Europa bzw. dem „Westen“ zu importieren und in die türkische Republik zu kopieren sei, lenkte den Fokus somit auf europäische Fachleute. Zur selben Zeit übernahmen in Deutschland die Nationalsozialist:innen die Macht. Durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wurden Beamte „nicht arischer Abstammung“ aus ihrem Dienst entlassen. Das betraf auch viele Angestellte von Hochschulen, die als Jüdinnen:Juden oder wegen ihrer politischen Haltung entlassen und von den Nationalsozialist:innen verfolgt wurden. Sie suchten händeringend nach Möglichkeiten, der Verfolgung zu entkommen und das Land zu verlassen. Sie wurden dabei von der 1933 gegründeten konfessionsübergreifenden und antirassistischen Selbsthilfeorganisation „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“ unterstützt, die ab 1933 schwerpunktmäßig in die Türkei vermittelte. Diese Synergie aus türkischen Nationalen Interessen und denen der deutschen Emigrant:innen verwandelte Istanbul in ein Rettungszentrum – wenn auch für viele unter Vorbehalt.

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